Empörung an der Grasnarbe

Veröffentlicht: 8. Mai 2015 in Gesellschaft, Punkgebte
Schlagwörter:, , ,

Im Februar bin ich auf ein spannendes Projekt aufmerksam geworden, die Grassroots Akademie und zwar in einer geschlossenen facebook-Gruppe. Dort machte der Initiator und heutige Sprecher der Akademie auf das Projekt aufmerksam.

 

„Als Reaktion auf Pegida und AfD, sowie die Sarrazins, Pirinçcis und Seehofers dieser Welt wurde die GrassrootsAkademie gegründet. Als außerakademische, politische Bildungsorganisation erarbeitet und vermittelt die Akademie Grundlagenwissen über das, was gebraucht wird, um das Alltagsleben demokratisch zu bestreiten: als gleichberechtigte Bürger_innen, kurzum.“

Ein sehr sympathischer Ansatz, weshalb ich aus der Ferne wenigstens einen Text beigesteuert habe und damit fühle ich mich dem Projekt verbunden. Was ich allerdings für ein Randthema gehalten habe, schiebt sich lesbar eher in den Mittelpunkt, die Kritik der Zustände an der Hochschule. „Die zweite Aufgabe der GrassrootsAkademie ist die systematische Kritik der bestehenden akademischen Verhältnisse. Die Kritik an den Universitäten der Gegenwart dient der Analyse dominanter, gesellschaftlicher Kräfte, die zur Aushöhlung der Demokratie (und ihrer Werte) führen, und denen wir mit unseren Veranstaltungen entgegenwirken.“

photo credit:  via photopin (license)

photo credit: via photopin (license)

Tatsächlich scheint die persönliche Erfahrung an der Hochschule eine starke Motivation zu sein, verbunden ist diese mit der immer noch richtigen Kritik, dass die Standardisierung nicht nur Studieninhalte betrifft, sondern historisch und bis heute die Einübung des Mittelstandsblicks dient. Und vielleicht fügt diese Empörung den vielfachen Beschreibungen und Analysen der letzten Jahre, die sich mit der Hochschultransformation beschäftigten, ja etwas hinzu. Schließlich hatte Stéphane Hessel recht: „Das Motiv des Widerstandes ist die Empörung„. Doch der zweite Schritt ist das Engagement. Der Schritt den die GrasrootsAkademie bereits gegangen ist, über den sie aber schleunigst wieder hinaus muss. Warum? Nicht weil es mit der GEW, den BdWi oder dem fzs, den Asten und Fachschaften schon viele kritische Akteure gibt, sondern weil die Verhältnisse an der Hochschule Ausdruck der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse sind und nicht umgekehrt.

Liegt das Ziel also in der Demokratisierung der Gesellschaft, bedeutet die Beschäftigung mit der Hochschulpolitik am falschen Ende anzusetzen. Zwar ist in Zeiten von PR, Think Tanks und populistischen-halbwissenschaftlichen Büchern die Richtung der Ideen nicht mehr eindeutig,  doch die Hochschule bildet die Akademiker aus, die sich die Wirtschaft und Gesellschaft wünscht, weshalb es ja umso tragischer ist, dass der Bachelor nicht ankommt.

„Nachdem Wirtschaftsvertreter in den vergangenen Jahren schon ausführlich über die mutmaßliche Unfähigkeit vieler Ausbildungsplatzbewerber lamentiert haben, taugen jetzt auch viele Absolventen der Hochschulen angeblich nichts mehr. Nur knapp die Hälfte der Unternehmen einer großen DIHK-Umfrage sagt jedenfalls, die Bachelor hätten ihre Erwartungen erfüllt“.

Kurze Anmerkung zur Funktion der Hochschule im Kapitalismus

Der wütende „innere“ Dialog, den man auf der Seite der Graswurzel Akademie findet, beschreibt sicher in vielen Punkten zutreffend die Situation an der Hochschule. Wie in anderen Bereichen auch besteht in Bezug auf sozialer oder nationaler Herkunft häufig eine Output-Orientierung: wieviele haben ein Studium aufgenommen, (abgebrochen) und wieviele haben den Abschluss geschafft. „Because you do not know a flying fuck about class, although you pretend to do so…“. In vielfacher Hinsicht ist die Hochschule ein blackbox. Diese inhaltliche und zornige Kritik ist wohltuend.

Gleichzeitig ist aber der Vorwurf, die Universität produziere BürgerInnen, eine Pointe und vergisst, dass Bildung und damit auch die Universität Ausdruck und vehicle des Bürgertums auf ihrem Weg zur Hegemonie war (Bollenbeck) und der Bildungsgrad den Adelstitel ablöste. Dies sollte man sich auch vor Augen halten, wenn man die sich Proteste an Eliteuniversitäten als Ausgangspunkt einer Kettenreaktion wünscht. Vor allem dass die Entwicklung der Persönlichkeit anhand der Wissenschaft Sinn und Zweck der Universität sei, scheint als ein blickdichter Schleier über der Universität zu liegen. „Diese „Erfindung der Humboldtschen Universität“ verfestigte sich, indem sie verschiedene Phasen durchlief. In ihnen wurden unter jeweils anderen politischen und hochschulpolitischen Bedingungen unterschiedliche Aspekte der neuhumanistischen Universitätsidee herausgegriffen und in einen neuen Verwendungskontext montiert.“

Step three

Sicherlich ist der nächste ein gewagter Schritt, schließlich ist die Hochschule vertrautes Terrain, die außeruniversitäre und vor allem nicht-institutionell gerahmte Bildung dagegen ist ein Wagnis. Doch wenn es darum geht, „was gebraucht wird, um das Alltagsleben demokratisch zu bestreiten“, wird es an der Hochschule keinen Anhaltspunkt geben.

Aber gerade wenn der Alltag in den Blick genommen wird und ein Rüstzeug für demokratisches Leben entwickelt und vermittelt werden soll, sollte der Abschied von der Alma Mater umso schneller erfolgen.

Christoph Bauer macht darauf aufmerksam, dass für eine politische Bildung, die gegenwärtigen Situation mit berücksichtigt, die widersprüchlichen Ansprüche und Subjektbilder, die in der Gesellschaft und in der Didaktik vorherrschen.

„Es ist geradezu ein Unterschied ums Ganze, […,] ob der Autonomieanspruch des Subjekts bis hin zur unhinterfragbaren Entität eines gesellschaftslosen Individuums (z.B. die Figur eines bürgerlichen Unternehmers) führt oder das Unterworfensein und die Vergesellschaftung betont wird; ob Subjekte mit ihren demokratischen Rechten (Partizipation, Mit- und Selbstbestimmung) oder Pflichten (bestimmte Lesarten im Kontext so genannter neuer Steuerung von Selbstverantwortung, Selbststeuerung und Selbstkontrolle) gefasst werden.“ (Bauer, 2013, 28)

Für wohlwollende Dozenten und BildnerInnen (das Wort ist inhaltlich unsinnig) gilt es sich beides vor Augen zu halten, denn die Eigenwahrnehmung wird von der Gesellschaft mitbestimmt.

 

 

 

 

 

Advertisements
Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s