Selbstermächtigung und -befreiung

Veröffentlicht: 13. April 2015 in Gesellschaft, Politik
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Ich war am 12. April in Buchenwald. Eigentlich zieht mich nichts in KZs, genauso wenig wie ich gerne Friedhöfe besuche und Gedenken hat für mich keinen Ort. Aber Buchenwald ist etwas anderes, weil sich die KZ-Insassen selbst befreiten und diese Selbst-Befreiung direkt wieder ins Zentrum von Auseinandersetzungen geriet.

Ich bin nicht mit dem Ziel nach Buchenwald mitgefahren, um über den Besuch zu schreiben, habe mir keine Notizen gemacht und erst spontan ein Bildmotiv gesucht, als aus meiner Sicht einiges schieflief. Die Geschichte des KZs liegt im Zentrum verschiedener Diskurse. Die Geschichtsschreibung des KZ bis zur Wiedervereinigung ist geprägt durch die Systemkonkurrenz des Kalten Krieges, die Weiterführung dieses Gegensatzes in den Köpfen einiger und nicht zuletzt der Schwur von Buchenwald, der für die ehemaligen KZ-Insassen, aber auch für die Linke wichtig ist und bleibt.

DSC_0028Mit kaum Vorkenntnissen als aus der Lektüre von wenigen Presseartikeln im Vorfeld, aber mit dem erworbenen Wissen aus einem Rundgang und den Erläuterungen eines Mitglieds der VVN-BdA Siegerland-Wittgenstein stand ich nun auf dem ehemaliger Appellplatz. Hier trafen sich die Überlebenden am 19. April 1945 zu ihrem feierlichen Schwur:

 

„Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der
letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht.

Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziehl (sic!).
Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.
Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für den Kampf erhebt die Hand zum Schwur
und sprecht mir nach:

Wir schwören.“

Wie viel Kraft und Entschlossenheit gehört dazu, eine Woche nach der erlangten Freiheit auf den „Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit“ zu schwören!

70 Jahre später

Der Schwur von Buchenwald ist heute aktueller denn je und muss täglich verwirklicht werden – warum?

Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern der EU werden Juden verfolgt, angegriffen, beleidigt. Sie sind Anfeindungen des Neonazismus ausgesetzt. Auch die Sinti und Roma werden wieder verfolgt, vertrieben, beschimpft und entrechtet. In Gemeinden und Städten finden Kundgebungen und Demonstrationen der Neonazi-Szene statt, werden Bürger und Politiker bedroht und angegriffen, die sich für Flüchtlinge engagieren – die Zivilcourage zeigen.

So, wie es der Bürgermeister in der Gemeinde Tröglitz, Sachsen-Anhalt, und die Vize-Präsidentin des Bundestages [Petra Pau] erleben mussten. Die Zahl der Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte steigt täglich. Holocaust und Auschwitz werden weiterhin geleugnet, und die Angriffe von Neonazis und Rassisten auf Andersdenkende sind keine Einzelfälle mehr.
Dies alles unterstreicht unsere Forderung, der Schwur von Buchenwald muss täglich verwirklicht werden

Heute – morgen – und immer!“

Dies habe ich der schriftlichen Version der Rede Günter Pappenheims, Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, entnommen und ich habe es genauso gehört.

Wer befreit wen?

„So überrascht, wie die Masse der Häftlinge war, so erschrocken war offensichtlich die SS. Man muss natürlich dazu sagen, die Kasernen waren geräumt, der Kommandanturstab war geflüchtet. Und sie wussten natürlich auch, dass sie die Amerikaner im Rücken hatten, und plötzlich sahen sie vor sich eine für sie immerhin unbekannte Anzahl bewaffneter Häftlinge.“ Diese Aussage stammt vom Buchenwaldhäftling Ottomar Rothmann.

Dass die anrückenden Franzosen und Amerikaner schon hörbar waren und wenige Stunden nach der Selbstbewaffnung der Insassen in Buchenwald eintrafen, wird, so weit ich gelesen habe, nirgendwo geleugnet. Schließlich dankten die KZ-Häftlinge am 19. April 1945 bereits ausdrücklich den „verbündeten Armeen“. „Als am 11. April 1945 die US-Armee das Lager Buchenwald erreichte, war es eine Befreiung von außen sowie zugleich – und das darf eben nicht vergessen werden – eine Befreiung von innen und auch viel politischer Aufbruch.“ Daran erinnerte der Sozialdemokrat Gerhard Schröder 2005 bei der Gedenkfeier anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung der nationalsozialistischen Lager am 10. April 2005 in Weimar.

„Um 15.15 Uhr konnte der damalige Lagerälteste Hans Eiden über Lautsprecher verkünden: »Kameraden, wir sind frei!«“ zitiert Ulrich Schneider im Gespräch mit der jW. Es sind nur 1 ¾ Stunden bevor um 17 Uhr ein Jeep „mit zwei Angehörigen der US-Armee […] am Lagertor ein“trifft und weitere zehn Minuten später ein „Aufklärungstrupp des 9th Infantry Battalion, Teil des Combat Teams 9 der 6th Armored Division, das die Kämpfe geführt hat, […] das Lager am nördlichen Ende“ betritt.

Aber was, wenn nicht dieser Vorgang, die Gelegenheit zu nutzen, um sich zu wehren, heißt Selbstermächtigung und Selbstbefreiung? „Wir haben uns selbst befreit. Ich werde den 11. April 1945 nie vergessen. Ein wunderbarer Tag! Gewiss, begünstigend war, dass die US-Armee anrollte. Am 19. April 1945 dankten wir denn auch den Alliierten.“ So gab Günter Pappenheim seine Erinnerungen gegenüber der ND zu Protokoll.

Während Ulrich Schneider die Initiative in der Hand der Häftlinge sieht („entschied sich das ILK am 11. April 1945 um 14.30 Uhr, den Befehl zum Losschlagen zu geben“) betont die Welt gestützt auf die Seite der Gedenkstätte die Übernahme der Gewalt über das Lager aus der Hand der SS. Und führt damit die These der eigennützigen Zusammenarbeit zwischen Kommunisten und SS weiter aus. Dass es die auch gab, daran gibt es kaum Zweifel, aber dass es eine „Häftlingsselbstverwaltung“ gegeben habe, wie es die am 1. April ausgestrahlte Dokumentation „Buchenwald. Heldenmythos und Lagerwirklichkeit“ (mdr Mediathek) hervorhebt, ist sicherlich nicht die ganze Wahrheit. Die Kommunisten werden dem Zuschauern einleitend als eine souveräne „Macht“, eine „Autorität, die die Regeln des Lagers mitbestimmte“ vorgestellt. „»Selbstverwaltung« der Häftlinge. Hätte es die gegeben, wäre ich schon in den ersten Tagen abgehauen. Einzig die SS hatte Kommandogewalt, war Herr über Leben und Tod. Sie hat die 60 000 Tote auf dem Ettersberg zu verantworten“, erwidert Günter Pappenheim.

Perspektiven

DSC_0022Diese Verschiebung muss man sich vor Augen halten, will man das Folgende verstehen. Ich stand also auf dem Platz und vorher hatte Bertrand Herz, der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos gesprochen. Nach einer kleinen Pause wurde auf einmal österreichisch gesprochen. Entsprechend der Internetseite der Stiftung Gedenkstätten, muss dies Marko Max Feingold gewesen sein. Ebenfalls ein Buchenwaldüberlebender. Er stellte die Selbstbefreiung provokativ in Wortwahl und Ton in Frage. Leider ist mein Gedächtnis zu schlecht, aber die veröffentlichte Rede hat mit meiner Erinnerung kaum etwas gemeinsam. Er bezog sich auf die vorherige Rede und sprach offensichtlich frei, ohne abzulesen. Die zentrale Aussage will ich dennoch, zitieren:

Ich hörte an diesem 11. April 1945 keinen Schuß aus einem Gewehr oder einer Pistole; ich weiß nichts davon, daß Häftlinge an einem Aufstand im Lager beteiligt waren. Die Lage war angespannt, aber es war ruhig; alles spielte sich sehr diszipliniert ab. Mich haben an diesem 11. April 1945 die Amerikaner befreit und dafür bin ich ihnen sehr dankbar.“

Anders als im Skript sprach er diese Worte bereits am Anfang seiner Rede, und ich habe sie mir nicht ganz angehört, weil ich es nicht ertrug. Als ich wiederkam waren die ersten Worte, die ich verstand, erklärende. Der Rednerliste nach muss dies Günter Pappenheim gewesen sein, (Korrektur: tatsächlich war es aber der Stiftungsdirektor Volkhard Knigge). Jeder habe seine Erinnerungen und Feingold sei im kleinen Lager gewesen, also etwas abseits und war unter entsprechend erschwerten Bedingungen in Buchenwald. Seine Erlebnisse seien also andere gewesen.

Uns, die wir jünger sind, ist ein solche Differenzierung bald kaum mehr möglich und für einen kommunistischen Mithäftling ist dies eine Nachsicht, die Größe erfordert. Pappenheim widersprach anderen Teilen der Rede mit der Autorität seiner Erlebnisse. Auch dies wird bald keinem mehr möglich sein – dann drohen die Stunden der Selbstermächtigung und –befreiung unter den Tisch zu fallen und die US-Amerikaner die alleinigen Befreier von Buchenwald zu werden.

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Kommentare
  1. olga wichmann sagt:

    „Der Qual würdig sein“ — Viktor Frankl: Synchronisation im Birkenwald (Theaterstück)

    Die Nacht ist so kurz und der Tag so lang,
    Doch ein Lied erklingt, das die Heimat sang,
    Wir lassen den Mut uns nicht rauben!
    Halte Schritt, Kamerad, und verlier nicht den Mut,
    Denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut
    Und im Herzen, im Herzen den Glauben!
    O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
    Weil du mein Schicksal bist.
    Wer dich verließ, der kann es erst ermessen
    Wie wundervoll die Freiheit ist!
    O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
    Und was auch unsere Zukunft sei –
    Wir wollen trotzdem „ja“ zum Leben sagen,
    Denn einmal kommt der Tag
    Dann sind wir frei
    (Buchenwaldlied)

    Viktor Frankl war Häftling im KZ Buchenwald. Er beschreibt seine Erlebnisse in dem Buch „Und trotzdem ja zum Leben sagen“. das o.a. Theaterstück wurde – mach meinem wissen – nur ein oder zweimal aufgeführt ….

  2. besserwisser sagt:

    Beindruckend

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