Je suis ohnmächtig

Veröffentlicht: 18. Januar 2015 in Kultur, Politik, Punkgebte
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„Je suis Raif Badawi“.  Habe ich heute morgen in meinem Reader gelesen. Ich bin weder Raif noch Charlie. Ich bin beide. Zumindest würde ich mir das wünschen.

Ich habe den Beitrag sofort gelesen und blieb verzweifelt zurück, in mir, mit mir und meinem Denken. Er löste bei mir so unterschiedliche Reaktionen aus.

1. Impuls: Mensch, ich finde das Titelblatt der Ausgabe von Charlie Hebdo echt gelungen und kann dabei nur auf den Kommentar von Deniz Yücel verweisen. Und angesichts der Situation, in der es hergestellt bzw. gezeichnet wurde, ist es pointiert und gleichzeitig „gemäßigt“. Und was ist mit der prompten Kritik und den Demos gegen den Titel, die sofort in den islamisch geprägten Ländern aufkamen? Alles, ok? Nö.

2. Der Anschlag hat die kleine französische Zeitschrift zum Symbol und bei Menschen bekannt gemacht, die vorher noch nie etwas von ihr gehört haben. Muss sich jetzt die Redaktion wegen einer weltweiten Öffentlichkeit in ihrem Tun ändern? Nö.

3. Wäre es im Sinne von Raif Badawi, wenn neben der Pressezensur in Saudi Arabien nun auch eine Selbstzensur in Paris herrscht? Das weiß ich nicht, ich kenne ihn nicht, aber ich denke nicht.

AhmedIch bin nicht orginell und beanspruche dies gar nicht. Ich bin Ahmed Merabet – wie ich gelesen habe ebenfalls ein häufiges #. Mir geht es dabei etwas so wie Tomáš Halík. Dieser schreibt zu Charlie Hebdo, „ich erlaube mir nur zu denken, dass die Existenz solcher Zeitschriften vielmehr der Preis für die Freiheit ist als die Galionsfigur der freien Kultur.“ Ich schreibe dies, weil ich bekenne, mit gezeichneter Satire nicht viel anfangen zu können und selbst mit geschriebener nicht immer glücklich zu sein.  Ästhetisch finde ich die Titelbilder von Charlie, die ich mir per google angeschaut habe, nicht und den Witz ähnlich wie Humor à la Mario Barth. Sie gehen einfach an meinem Humor und an meiner Weltsicht vorbei. Daher bin ich froh, dass ich nicht darüber zu entscheiden habe. Dennoch dürfen weder Mario Barth noch Dieter Nuhr Ziel von Gewalt sein, genauso wenig wie irgendeine Redaktion.  Aber ich ich kann Halíks abschließenden Satz unterschreiben.

„Für mich sind die ‚Helden unserer Kultur‘ nicht die Journalisten der ‚Charlie Hebdo‘, sondern vielmehr der junge Polizist Ahmed, der sein Leben für jene hingegeben hat, die seine Kultur verletzten.“

Ob es tatsächlich Ahmed Merabet Kultur war, ist fraglich. Sein Bruder zumindest erklärte öffentlich, Ahmed sei „Franzose algerischer Herkunft und muslimischer Konfession [gewesen]. Er war stolz darauf, sich Ahmed Merabet zu nennen und ein Mitglied der Französischen Polizei zu sein, um die Werte der Republik zu verteidigen: ‚FREIHEIT, GLEICHHEIT, BRÜDERLICHKEIT‘.“

 

Globalismus

Ich weiß nicht, wie es in diesem Fall war, Mehmet Ata hat in seinem Buch „Der Mohammed-Karikaturenstreit in den deutschen und türkischen Medien“ unter anderem festgestellt, dass damals viele der Demonstranten die Bilder gar nicht kannten und erst von intressierter Seite darauf hingewiesen wurden. Es war sozusagen eine Empörung aus zweiter Hand. Dies ist bei der jetzigen Ausgabe des Satiremagazins natürlich anders. Es wurde gleich in den Nahen Osten in arabischer Sprache ausgeliefert. Ist jede Ausgabe des Magazins tatsächlich eine Ohrfeige für Moslems? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Gerade der Hinweis auf Raif Badawi macht doch deutlich, wie wenig Sinn es macht, alle Gläubigen des Islams über einen Kamm zu scheren. Zumindest die Freunde der Karrikatur in der islamischen Welt und die Sekularen werden mindestens eine ähnliche Haltung einnehmen können wie ich. Der Hinweis auf Raif Badawi ist wichtig und richtig und ihn zu schützen muss nun Priorität haben.

Aber: Gerade Badawi profitiert vermutlich mehr von Paris, als dass es ihm schadet. Es ist zynisch, aber vermutlich wäre der islamkritische Blogger ohne die Scheinwerfer, die momentan aufgrund des Anschlags von Paris wieder auf den nahen Osten bzw. auf „die Muslime“ gerichtet sind, weniger interessant. Denn zu dem Zeitpunkt, als Je suis Raif Badawi erschien, hatten die Medien sein Schicksal bereits aufgeriffen, zumindest laut google sind die meisten Artikel zu dem Thema am 16. Januar erschienen. RP-online forderte vor zwei Stunden sogar „Bundesregierung muss sich schärfer positionieren“.

Ich bekomme jedoch auch bereits wieder den Eindruck, dass selbst jahrelang zurückliegende Interventionen nun hervorgekramt werden, um eigene Standpunkte zu untermauern.

Zensur und Selbstzensur

„Raif Badawi war Moderator eines Internetforums, in dem zur freien Diskussion über die Rolle der Religion aufgerufen wurde. Vor Gericht bedauerte Badawi, dass Beiträge auf seiner Seite eventuell religiöse Gefühle von Muslimen verletzt haben könnten.“ Diese Information ist auf der Seite des Auswärtigen Amtes zu finden. Auch wenn es vielleicht nicht seine Absicht war, entnehme ich dieser Information, dass Raif auf das freie Wort setzt und selbst zum Rühren an religiösen Tabus einläd. Es scheint also, als ob die Diskussion selbst in Saudi Arabien eröffnet wurde, Grund genug, wie oben, von einer Pluralität auszugehen. Außerdem scheint er mir kaum geeignet, ihn gegen die Zeitschrift auszuspielen. Daran sollte man vielleicht alle erinnern, die zu Mäßigung aufrufen. Charlie Hebdo muss bleiben dürfen, wie es ist und Raif Badawi muss sofort entlassen werden.

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