Gedanken zur offenen Gesellschaft. Diskussion willkommen

Veröffentlicht: 7. Januar 2015 in Gesellschaft, Politik
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Wie ist unsere Lebensweise? Worauf ist diese Gesellschaft stolz?

Wenn mich mein Gedächtnis nicht trübt, dann war neben dem dämlichen antiislamischen Reflex und den Rachegedanken am 9.11.2001 auch folgende Idee zu hören: Der Westen sei geprägt durch offene Gesellschaften. Diese Offenheit müsse verteidigt werden. Was ist eine offene Gesellschaft? Sind wir eine?

Das leichteste wäre nun, zu behaupten „Ich bin Charlie Hebdo“. Bin ich nicht und auch die meisten anderen nicht, weder die PEGIDA in Dresden, noch die AfD und schon gar nicht die meisten Medien. Ich erinnere mich, dass ich in der Linkszeitung einen Artikel gegen die Mohammed-Karrikaturen schrieb. Ich sah vor allem die Beleidigung der Muslime darin und keinen Anlass, dass sie in deutschen Medien neu abgedruckt werden sollten. Ich übersah nicht, wie die islamische Welt reagierte, impulsiv, überzogen und zum Teil unverzeilich und kriminell. Heute sehe ich das ein wenig anders. Es geht nicht darum, jeden Versuch der Empathie abzubrechen, aber niemand hat das Recht, sein Befindlichkeiten zum Maßstab zu machem, weder der Osten, noch der Westen, der Pope oder der Mullah.

Charlie Hebdo veröffentlichte die Zeichnungen. Und es ist genau dieser Akt, den die FAZ hevorhebt. Die Freiheit in der offenen Gesellschaft ist die Fähigkeit sich Kritik zu stellen. Es wäre in diesem Zusammenhang auch schön, wenn die Kommentatoren die Kritik der Zeitschrift an Marie Le Pen, der Kirche und der eigenen Gesellschaft ebenso betonen würden. „Doch genau die Leute, die sonst gerne auf das Feindbild Presse setzen, melden sich nun mit politischen Bewertungen nach dem Anschlag als erstes zu Wort. Die NPD ergriff umgehend das Wort, der Vorsitzende Frank Franz ließ über Facebook verbreiten, “die ‚Willkommenskultur‘ der europäischen Multikulti-Politiker zeigt heute in unserem Nachbarland seine brutale und hasserfüllte Fratze!”, bemerkt publikative.org.

Zu einer offenen Gesellschaft gehört die Kritikfähigkeit aller, der Medien, der Akteure und der BürgerInnen. Eine Offenheit für verschiedene Lebensformen und -arten für alle. Eine Offenheit nach außen und eine Willkommenskultur. Eine Deutschpflicht für den alltäglichen Umgang innerhalb der Migrantenfamilien ist genauso daneben, wie Ressentiments gegenüber Südeuropäer und die Bereitschaft abgehört zu werden. Kultureller Rassismus ist ebensowenig ein Merkmal der offenen Gesellschaft, wie die Pauschalisierung gegenüber Medien oder ein langjährig unbemerkt gebliebener Nationalsozialistischen Untergrund. Wenn europaweit die populistische und die weniger geschickte Rechte Erfolge feiern, ist das kein Zeichen für offene Gesellschaften. Und es ist zu befürchten, dass ausgerechnet in Deutschland gesetzgeberische Konsequenzen folgen, die mit Offenheit nichts zu tun haben. Ausgesprochen schade wäre es auch, wenn die gerechtfertigte Kritik an manchen Medien und Medienmachern nun unter dem Mantel des Angriffs auf die Pressefreiheit nicht weiter diskutiert würde.

„Die Nato hat derweil ihren Willen zum Kampf gegen den Terror bekräftigt. ‚Die Nato-Verbündeten halten im Kampf gegen Terrorismus zusammen‘, erklärte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch in Brüssel. ‚Wir stehen in voller Solidarität bei unserem Verbündeten Frankreich.‘ Terrorismus ‚in allen seinen Formen‘ könne ’niemals toleriert oder gerechtfertigt werden‘.“

Es wird Zeit, sich Gedanken um die Verfasstheit einer offenen Gesellschaft zu machen. Eine offene Gesellschaft muss bei Bedrohung die Offenheit als Maßstab wählen. Dazu gehört der Respekt vor dem Anderen, aber auch ein klarer Maßstab für eine offene Gesellschaft, den man verteidigt – ohne Waffen. Dazu gehört auch, dass das „Supergrundrecht“ Sicherheit als Prävention aus dem Gedächtnis verschwindet. Und jeder, der diese Situation zum eigenen Vorteil ausnutzt, um genau das Gegenteil von Offenheit zu erreichen, sollte sich schämen, oder um es mit Jutta Ditfurth zu sagen: „Fundamentalisten aller Couleurs, gerade auch christliche deutsche, halten heute einfach mal ihre Schnauze.“ Morgen wieder.

Aktualisiert 10.1.2015

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Kommentare
  1. sunflower22a sagt:

    Gefällt mir nicht. Das staatstragenden Betroffenheitsgelaber von links bis CSU heute ist inhaltlich alles dasselbe, du auch. Vor allem ist es völlig substanzlos. Die Gesellschaften Westeuropas sind zu indifferent gegenüber politischen wie unpolitischen Gewalttätern. Deswegen ist Tugce Albayrak gestorben, gekillt von einem polizeibekannten Intensivtäter der in Freiheit NICHTS verloren hat. Das ist schon wieder vergessen. Es tut mir leid, es laufen zuviele Pierre Vogels und Syrien-Heimkehrer usw. frei herum. Es laufen auch zuviele gewalttätige Nazis frei herum. Eine offene Gesellschaft kann man nur haben, wenn man nicht ständig Angst haben muss, dass einen solche Leute morgen überfallen und der Staat sich hartnäckig weigert, solche Typen notfalls auch mal präventiv in Haft zu nehmen. Lieber 20 Salafisten oder NSUler zuviel eingesperrt als einen zuwenig. Excuse me.

    • kultgenosse sagt:

      Hey, in deinem Kommentar sind soviele Punkte, die ich aufgreifen müsste, dass ich eigentlich ein wenig verzweifelt bin. Zum Beispiel: Das Problem beim Punkt „indifferent gegenüber politischen wie unpolitischen Gewalttätern“, sind nicht die Täter als Gewaltverbrecher, die natürlich verfolgt und bestraft werden müssen, sondern die Einordnung als politisch und die daraus resultierende Ungleichbehandlung (rechtes und linkes Auge). Und obwohl ich dir zustimme, dass zuviele „Pierre Vogels“ und Nazis rumlaufen, stimme ich dir nicht zu, dass man „solche Typen notfalls auch mal präventiv in Haft zu nehmen“ sollte. Damit würde man den Grundsatz, dass jeder bis zum Beweis des Gegenteils unschuldig ist umkehren, aber auch das willst du sicher nicht lesen. Diese Fragen sind aber juristische Fragen, die ich gar nicht angeschnitten habe. Aber das Vertrauen ist die Grundlage dafür, dass überhaupt ein Zusammenleben möglich ist, jegliche Vorverurteilung verunsichert aber weiter das gesellschaftliche Klima.

    • tikerscherk sagt:

      Ob Tugce ermordet oder, wie Du es nennst, gekillt wurde steht noch gar nicht fest. Sie kam zu Tode, das ist richtig.
      Die Strafverfolgungsbehörden stuften den Täter meines Wissens nach nicht als Intensivtäter ein, wie Du schreibst.
      Unsere Gesetzgebung sieht nicht vor, „so jemanden“ dauerhaft zu internieren, denn bislang waren die Delikte, derer er sich schuldig gemacht hat nicht ausreichend, um ihm die Freiheit dauerhaft zu entziehen, so wie Du Dir das wünschst.
      Und es ist auch nicht richtig, dass „der Staat sich hartnäckig weigert „solche Typen notfalls auch mal präventiv in Haft zu nehmen“. Der Staat darf das nicht, und das ist auch gut so.
      Was dieser junge Mann nun übrgens mit den Verbrechen in Frankreich zu tun hat, ist mir schleierhaft. Du wirfst hier ein paar Dinge wild durcheinander.
      In einem Staat, in dem mal eben ein paar Leute zuviel eingesperrt werden als einer zuwenig, wie Du das ganz lapidar forderst, möchte ich nicht leben und Deine Aussagen, finde ich, gelinde gesprochen, zutiefst verstörend und unmenschlich. Ebenso, wie folgenden Satz, den ich aus Deinem Beitrag „Barbarei“ vom 9.1. zitiere: „Hoffentlich killen sie die Typen bei der Festnahme, aber diese Typen wachsen nach, wie Pestviren.“

  2. […] der Kultgenosse, den ich wirklich sehr […]

  3. […] ich zur Diskussion aufgerufen habe, hat sich sunflower22a umgehend geäußert, zunächst im Kommentar und dann in einem gesonderten Beitrag. Da sie sich unter anderem auf meinen ursprünglischen […]

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