Von der Kapitalismuskritik zur Sozialpsycholisierung des Einzelnen

Veröffentlicht: 3. Januar 2015 in Gesellschaft, Popkultur
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Manchmal ist es echt überraschend, wenn man sich die Quellen anschaut, die ein Autor angibt. Manchmal hat man den Eindruck, Autoren wüssten, dass kaum jemand den Links folgt. Schade eigentlich. Es war mal wieder ein Link auf Facebook, der mich auf einen Freitag-Community Artikel mit dem Titel „Die Infantilisierung unserer Gesellschaft“ von Tom Wohlfarth aufmerksam machte. Der Titel war verheißungsvoll, der Rest eher enttäuschend.

Dabei stützt der Autor sich auf mehrere Texte unter anderem von Paul Verhaeghe und Robert Pfaller. Bei Verhaeghens Texte handelt es sich zum einen um einen Zeitungsartikel im Gardian, b.z.w. dessen Übersetzung im Freitag und um eine Rede mit dem Titel „Austerity – in support of Neoliberalism or to fight against it“, die er am Abend des Nationalen Streiks im September 2013 Belgien hielt. Pfallers Artikel erchien in der FAZ.

Neoliberalism or how to fight against it

Wie schon die Überschrift andeutet, geht es Verhaeghe um das Verhältnis zwischen neoliberalem Denken und Handeln und dem Einzelnen.

This compulsory neoliberal plea doesn’t limit itself to the economic realm but is ubiquitous throughout society in areas like health care, education, research, and even the media. However, that’s not where it ends. Neoliberalism has invaded our identity in such a way it has managed to become invisible.“ (1)

Entsprechend beginnt Verhaeghen mit der Kritik des Neoliberalismus als Wirtschaftssystem und kommt zu der Feststellung, dass dieser laut Ökonomen ökonomisch versagt habe. „This economic model is a complete fiasco“ und kommt schließlich zu der für uns in Deutschland erstaunlichen Feststellung „The Rhineland model is farsuperior to the Anglo-Saxon, the latter being the cause of a spectacular increase in social inequality.“ Als Lösung sieht er eine Wirtschaftspolitik, die zu mehr Gleichheit führt, mehr Solidairität und eine Abkehr von der Kompetenzorientierung an den Schulen und Hochschulen.

„From my perspective and experience I would like to add the following: make education “Bildung” again with an explicit focus on ethics, carried by teachers with authority, and forget about the dragon of competition as fast as possible. Make the public health sector independent of the world-for-profit. Restore public space and invest in everything that promotes real social networking.“ (5)

Sowohl die vorgeschlagenen Reformen als auch die Kritik des Einzelnen, wie er sie in der Folge vorbringt, werden immer auf die Ursache, die Strukturen neoliberaler Politik zurückgeführt.

In dem Gardian Artikel greift Verhaeghe das Thema wieder auf, wenn auch mit einem anderen Schwerpunkt. Hier liegt der Schwerpunkt auf dem Subjekt bzw. vielmehr auf menschlichem Verhalten nach den Maßstäben des Neoliberalismus. Der Einzelne, der sich in der Arbeitswelt bewegt, muss sich heutzutage „gut ausdrücken (…) können, denn man muss so viele Menschen wie möglich für sich gewinnen. Der Kontakt kann dabei nur oberflächlich sein, das fällt nicht weiter auf.“ Ob dahinter tatsächliche Können steckt, oder aber aller nur Show ist, ist zunächst unwichtig. Jeder steht für sich, sein Fortkommen, und in Konkurrenz zu den anderen. „Permanente Evaluationen“ und Zielvorgaben führen zu Neid und Wettbewerbsgebahren, die Schmiermittel des Neoliberalimus, unter den Mitarbeitern.

„Erwachsene Menschen zeigen kindliche Gefühlsausbrüche; Nichtigkeiten erwecken Neid und Eifersucht („Sie hat einen neuen Bürostuhl bekommen und ich nicht!“). Sie greifen zu Notlügen und Betrug, freuen sich über den Misserfolg anderer und kultivieren kleinliche Rachegefühle. Das alles sind die Folgen eines Systems, das die Menschen systematisch daran hindert, selbständig zu denken und die Mitarbeiter eines Unternehmens nicht wie erwachsene Menschen behandelt.“

Wie schon im anderen Text gibt es aber immer eine Rückbindung zum System. Und so endet der Artikel auch entsprechend:

 „Permanent wird über den Verlust von Normen und Werten lamentiert. Doch unsere Normen und Werte machen einen bedeutenden Teil unserer Identität aus. Sie können also nicht verloren gehen, sie können sich lediglich ändern. Und genau das ist passiert: Eine veränderte Wirtschaftsweise spiegelt sich in veränderten ethischen Vorstellungen wider und führt zu veränderten Identitäten. Das gegenwärtige Wirtschaftssystem bringt das Schlechteste in uns zum Vorschein.“

Über das gute Leben

Der zweite Autor, auf den Tom Wohlfarth eingeht ist der Philosophieprofessor Pfaller. Dieser schreibt in der FAZ über das gute Leben, das sowohl etwas mit dem bürgerlichen Maßhalten (die Voraussetzung fürs Investieren), als auch mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun hat.

 „Damit wir das, was wir üblicherweise verabscheuen, in Ausnahmemomenten als lustvoll empfinden können, ist eine entscheidende gesellschaftliche Bedingung notwendig: Es muss eine soziale Situation geben; einen Moment der Feierlichkeit, der uns verpflichtet, uns glamouröser zu benehmen als sonst.“

Eine öffentliche Situation, denn nur in der Öffentlichkeit „können wir darum das Leben als lohnend empfinden, nicht aber auf uns alleine gestellt, als ‚private persons‘ (…). Was die aktuelle Kultur kennzeichnet, ist, dass sie solche geselligen Gebote immer weniger bereitstellt.“ An dieser Stelle könnte man einwenden, gebe es nicht immer mehr Events, öffentliche Besäufnisse, nicht immer offen zur Schau gestellte Privatheit? Da Pfaller darauf nicht eingeht, muss ich es mir selbst erklären.

Für meinen verstorbenen Schwiegervater, einem Handwerker, war es nichts Grenzwertiges sondern eher normal, Mittags in die Wirtschaft zu gehen, andere Handwerker zu treffen, ein oder zwei Bierchen zu trinken und weiter zu arbeiten. Eine Art Ritual. Als ich beim Landschaftsgärtner in den Schulferien arbeitete, war es die Ausnahme, dass der Chef an einem besonders heißen Tag (!) Mittags Bier ausgab.

Natürlich kam es vielfach auch zu Unfällen, übermäßigem Alkohol“genuss“ und daher ist Alkohol am Arbeitsplatz zwar gesetzlich erlaubt, aber in den Betrieben aber häufig aus versicherungstechnischen Gründen verboten. Das Trinken bei Events dagegen erscheint mir wie die Busfahrt zur Abschlussfahrt, wobei sich viel Jungs (inzwischen auch Mädchen) damals kurz nach Abfahrt abschossen und betrunken sein wollten. Gesucht wurde der kürzeste Weg ins Delirium.

„Weil wir unsere zwiespältigen Möglichkeiten nicht kunstvoll kultivieren können, versuchen wir, sie zu unterdrücken und zu verbieten. Auch den öffentlichen Raum säubern wir von allem, was jemanden stören könnte (etwa Hinweise auf die Tabakkultur), anstatt die Funktion von Gesellschaft, wie noch in den siebziger Jahren, darin zu sehen, den Individuen positive Ressourcen zu verschaffen, über die sie von sich aus nicht verfügen, wie, zum Beispiel: soziale Sicherheit, Bildung, öffentliche Auseinandersetzung, Gelegenheiten zu Würde und elegantem Auftreten etc.“

Pfaller plädiert sowohl für eine Kultur des Maßhaltens, als erwachsenes Verhalten, und argumentiert gegen Verbote. „Nur ein Leben in einer funktionierenden Gesellschaft, welche den Individuen die Ressourcen des Genießens bereitstellt, anstatt ihnen bequemerweise alles Anstößige zu verbieten, ist ein Leben, für das es sich zu leben lohnt.“

Alle bisherigen Texte stellen die individuelle Handlungsweise als Ausdruck und Anpassung an die Art des Regiertwerdens dar, wobei es aber auch eine Wechselwirkung gibt.

Die Infantilisierung unserer Gesellschaft

Auch Tom Wohlfarth plädiert in seinem Artikel für eine Selbstbestimmung des Einzelnen. Geht aber einen anderen Weg, indem er die „Tyrraneien der Intimität“, den Narzissmus und das Kindhafte in den Mittelpunkt rückt. War für Verhaeghe das Konkurrenzverhalten und der Neid Ausdruck für die Normen und Werte der neoliberalen Leistungsgesellschaft, wird das Verhalten unter den Kollegen bei Wohlfarth ein reiner Ausdruck des Narzissmus. Die Pathologie der Regierungsweise wird fast alleine zur Krankheit des Einzelnen gemacht. Eine Ausnahme bildet das Hartz IV System, bei dem Wohlfarth die Art der Benachrichtigung und die damit zusammenhängende Einschränkung der Bewegungsfreiheit kritisiert. Tatsächlich sind die Bezieher von Arbeitslosengeld II neben den Bewerbern um das Asylrecht, nachdem die Einschränkung der Bewegungsfreiheit für Asylbewerber nun erfreulicherweise gelockert wurde, ebenfalls von einer Art der Residenzrechtpflicht betroffen. „Aber in Wirklichkeit ist genau sie das Entmündigenste und Entwürdigenste daran. Denn wenn ich wenigstens wie ein erwachsener, mündiger Sträfling behandelt werde, bin ich auch als mündiger Erwachsener dazu in der Lage, damit umzugehen“, kritisiert Wohlfarth. Wagt er sich hier aus der Deckung rudert er gleich wieder zurück, so sehr auf ein ausgeglichenes Bild bemüht, so dass als Ursprung der Unmündigkeit wieder der Einzelne und dessen Unmündigkeit in den Blick gerät. „Doch Vorsicht mit einseitiger Systemkritik. Immerhin haben wir dummen Kinder ja die Politiker gewählt, die uns nun auch wie Kinder behandeln, und wir wählen sie immer wieder.“

Zwar hat Wohlfarth verstanden, dass auch diese Unmündigkeit ein gewollter Effekt des Systems ist, das der Aktivierung und Disziplinierung dient, seine Perspektive macht diese Einsicht aber offenbar nicht möglich. Dann macht er einen Schlenker und verweist auf das Konzept der „Selbstsorge“ bzw. „self-care“ von Verhaeghe, noch einmal auf Pfaller und verlinkt auf einmal das Wort Lebenskunst, das auf eine Monografie des Autoren hinweist: ›Genie in der Kunst des Lebens‹ Geschichte eines Goetheschen Gedankens. Dies wäre ja zu nicht furchbar schlimm, wenn dieser Link auch nur irgendeinen inhaltlichen Aspekt beitragen würde, tut er aber nicht. Stattdessen bietet dieser Verweis einen Anlass, dahingehend zu spekulieren, ob die Betonung des Individualismus auf den Link hinauslaufen sollten.

Schließlich endet er in der Aussage „Denn schon allein in der ernsthaften Frage nach dem guten Leben können wir endlich erwachsen und selbstbestimmt sein, ohne uns eine im besten Sinn kindliche Freude am Genuss des Lebens zu versagen.“

Richtigerweise betont Wohlfahrt, dass mit Selbstsorge „erwachsene(..) Verantwortung für sich als Teil der Gesellschaft“ gemeint ist, aber eben noch mehr, ebenso die Verantwortung auch für den anderen. Solidarität. „Such self-care leads to informed citizenship and an intertwining with the care for others. This in turn ensures a sense of meaning that can be shared with others which can lead to some sort of long overdue collective resistance.“

Zum Schluss stellt sich damit die Frage, war diese Zuspitzung als Hinweis auf das eigene Buch gedacht, oder ist die Abwesenheit des Anderen bereits eine weitere Folge des gedanklichen Neoliberalimus?

 

 

 

 

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