Tanz weiter Antifaschist

Veröffentlicht: 17. Dezember 2014 in Kultur, Politik
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photo credit: stinker via photopin cc

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Vor drei Tagen bekam ich gleich drei Postings auf Facebook, die  vor dem aufkeimendem Faschismus warnen. Am gleichen Tag bekam ich ein Päckchen von meinem Patenkind zugeschickt: eine CD mit einer tanzenden Esther Bejarano auf dem Cover.

Nachdem ich das Posting auf ad sinistram und die beiden anderen Postings gelesen hatte, konnte mich zunächst auch nicht die Musik aufheitern. Bis ich einen Blick auf das Cover der im letzten Jahr erschienen CD warf. Am 15. Dezember wurde Bejarano 90 (Herzlichen Glückwunsch!) und auf diesem Cover tanzt sie.

Das hats mich aus der Stimmung gerissen, danke. Bejarano wurde laut taz nach einer Nazi-Kundgebung 1979 aktiv, bei der die Polizei die NPD schützte. Weder der Anlass ist schön, noch dass ihr Engagement immer noch gebraucht wird, auch wenn wir alle dafür dankbar sein sollten. In der Jüdischen Allgemeinen kann man allerdings aktuell lesen: „Nur um Deutschland macht Esther Bejarano die auch Vorsitzende des Auschwitz-Komitees ist, sich Sorgen, weil sie zu wenig Zivilcourage gegen Neonazis erlebt.“

Marian Kamensky auf facebook.

Marian Kamensky auf facebook.

Der historische Faschismus ist etwas, das nicht einfach mal in die Welt kam, sondern der war, weil es im Menschen steckte. Der Mensch kleidet sich heute anders, aber er hat sich in seiner ‚inneren Konstitution‘ nicht verändert.“ Dies schreibt der Blogger Wir tragen also alle einen kleinen Fascho in uns, der nur darauf wartet auszubrechen. Als einen Grund werden die fehlende „Orientierung“ gesehen, genauso wie das Wanken der „Stabilisatoren wie Arbeit, Wohlstand, Familienglück“ und andere Faktoren. Immerhin kann die Lektüre von Rousseau, Marx Adorno, Marcuse oder Arendt zivilisierend wirken. „Den Geist der Humanität, den sie vermitteln, den kann man auch nachvollziehen, ohne in ihre Schriften eintauchen zu müssen. Dass es ein Zeitalter gab, in dem es auch um die Bedürfnisse der Menschen ging, hat ja auch mit ihnen zu tun.“ (Ebd.) Etwas weniger abstrakt, die Mitte, die alte Dame, die man nicht zu schätzen wusste, gibt es nicht mehr, so kann man Georg Seeßlen interpretieren. „Eine Mehrheit, die sich durch ähnliche Lebenserfahrungen, ähnliche ‚Werte‘, einen ähnlichen Geschmack, ähnliche Interessen bildet, kann es unter den Bedingungen des Finanzkapitalismus und der Prekarisierung nicht mehr geben. Auch ihre Simulation, wie es durch eine ‚große Samstagabend-unterhaltung‘ im deutschen Fernsehen geschah, funktioniert nicht mehr.“ Und er schließt mit den Worten: „Das Ende der Harmlosigkeit in der Inszenierung von „Mainstream“. Der Spaß hört auf, es bleibt die Barbarei.“ Obwohl der Seeßlens Artikel eine Darstellung der Wirklichkeit wiedergeben soll, darf man wohl daran erinnern, dass es mal hieß: Sozialismus oder Barberei.

Es ist schon ein bisschen drollig, dass die Familie, über die sich die Frankfurter ausführlich als Hort der Hörigkeit ausgelassen haben, und die Arbeit als Stabilisatoren genannt werden. Und die Samstagsabendshow „Wetten, dass…?“, auf die sich Seeßlen bezieht und deren Ende er beklagt, war das Gute Nachtmärchen der pantoffeltragenden Familienrunde am Samstagabend. Schade, dass Seeßlen nicht gleich Frank Elsner als Moderator der Sendung mit dem Komma zurück haben will. Das kultuindustrielle Angebot ist breiter geworden. Der Wunsch nach einer übersichtlichen Vollbeschäftigung scheint beiden gemeinsam – nein, nicht ganz, denn neben dieser Wahrnung plädiert Roberto außerdem, wenn ich ihn richtig verstehe, für eine aufgeklärte Erinnerung.

Ein anderer ist der integrative Ansatz. Dieser tritt in unterschiedlicher Weise auf. Der Einzelne ist das Opfer des Systems. Das kann der Kapitalismus sein, das Hartz-System, oder die Moderne. Ein Anklang daran ist auch bei Roberto zu finden, wenn er vom Verlust von Orientierung spricht und von untergegangenen Werten. „Das heisst natürlich nicht, dass wir von Verantwortung frei wären, als Einzelner nicht und auch nicht als Gesellschaft. Eben weil wir nicht an diese Strukturen gehen wollen, weil wir uns unsere sozialen Beziehungen von ‚der Wirtschaft‘, von ‚den Märkten‘, von den allgegenwärtigen ‚Sachzwängen‘ vorschreiben lassen, weil wir ‚Wirtschaft‘ und ‚Soziales‘ als etwas getrenntes, wenn nicht sogar gegensätzliches denken statt ihre genuine Einheit zu erkennen.“ (Kommentar von Peinhart auf Robertos Artikel) In dieser linken Sichtweise gibt es solange faschistische Tendenzen, solange der Kapitalismus besteht. Keiner ausgenommen. Bürgerliche Kräfte betonen, dass hier nicht die Subalternen sondern vielmehr die unschuldig prekarisierten demonstrieren. Die Beckers „sind vielleicht nicht ganz die ‚bürgerliche Mitte‘, von der ähnlich oft die Rede ist. Aber noch weniger sind sie Chaoten, wie der Bundespräsident die Demo-Teilnehmer nannte.“ In der ausführlichen Interview-Reportage des Tagesspiegeljournalisten Torsten Hampel mit Herr Becker bekommt man fast Sympathie mit ihm.

„Becker, der Arbeiter, hielt einen Brief vom Amt in den Händen. Datiert war das Schreiben auf den 1. August 2014: „Sehr geehrter Herr Becker, der Bescheid wird zurückgezogen“, stand da. Es folgten seitenweise Behördenworte, dazwischen standen Paragrafenzahlen und Abkürzungen. Becker musste seinen Kopf anstrengen, um zu verstehen, was das alles zu bedeuten hatte.“

Der „tapfere“ Becker steht auf der Straße und hat also sowohl den Bundespräsidenten als auch das Amt gegen sich und doch steht er da, neben den anderen, will nicht Nazi genannt werden und darf seine Urteile und Vorurteile über den Tagesspiegel verbreiten.

„Dabei stimmt es keineswegs, dass ein Großteil der Medien die Demonstranten ablehnt. Vielmehr wurde von Bild bis FAZ zunächst einmal betont, dass man die Demonstranten ernst nehmen müsse und nicht vorschnell in die rechte Ecke stellen dürfe. Solche Töne kamen auch von den Politikern. So griff CSU-Generalsekretär Scheuer den sozialdemokratischen Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz, Maas, scharf an, weil er Pegida als „Schande für Deutschland“ bezeichnet hat.“

Dazu passt auch, dass der Bayrische Rundfunk in einer Online-Umfrage danach fragte, ob man „Verständnis für Pegida-Demonstranten?“ habe. Wählen kann man unter den drei Möglichkeite: „Nein, die machen mir Angst“, „Das sind doch alles Spinner“, „Ja, da würde ich auch mitgehen“ und die überwiegende Mehrheit würde mitgehen. Bereits die Frage, legitimiert die menschenfeindlichen Proteste in Dresden.

Und dann gibt es noch eine dritte Form des Umgangs, der auch unter Linken verbreitet ist und unterhalb der offiziellen Rethorik liegt, die heißt:

Piero Masztalerz auf facebook

Piero Masztalerz auf facebook

die sind ja so doooof. So ist der Hinweis auf Rechtschreibfehler in den Postings aus der rechten Ecke ein running Gack mit wehendem Bart auf facebook.  Vergessen wird dann, dass es in anderen Zusammen-hängen genau diese Klientel ist, um die man sich sorgt und denen man beispringen möchte.

Und was sagt uns jetzt all das? Wir wissen offenbar immer noch recht wenig über die Ursachen für den Reflex in der Bevölkerung ihre Proteststimmung immer mit einer chauvinistischen Sichtweise zu verbinden – anders etwa wie die Griechen oder Spanier. Immer wieder wird man durch ihn, diesen rechten Reflex, überrascht und auch verstört. Ganze Menschenbilder krachen ein, denn alle drei beschriebenen Umgangsarten mit rechten Äußerungen aus der Bevölkerung sind meiner Meinung nach Ausdruck eines passiven oder negativen Menschenbilds. Eine Einstellung, die gar nicht zu einer linken Politik passen will.

Wie kann Esther dann noch tanzen? Weil der Kampf gegen Rechts mit der Hoffnung auf eine bessere Welt, mit dem Glauben an den Menschen verbunden ist. Tanz Antifashist, lustvoll, ohne Zynismus und mit Vertrauen in die Zukunft.

 

 

 

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Kommentare
  1. sunflower22a sagt:

    ehrlich gesagt, den größten Gefallen den man „Pegida“ & Co machen kann, ist dauernd über sie zu reden und sie zu dramatisieren. Den Neonazis wird es genausowenig gelingen wie den Linken, das Prekariat für irgendwelche Politik zu mobilisieren. Die AfD wird es auch nicht tun, je mehr sie sich mit Leuten wie Pegida abgibt desto weniger werden sie für bürgerliche Wähler wählbar. Pegida totschweigen ist das sinnvollste, nach 5mal demonstrieren haben die frustrierten unpolitischen sowieso keine Lust mehr.

  2. kultgenosse sagt:

    „Pegida totschweigen ist das sinnvollste, nach 5mal demonstrieren haben die frustrierten unpolitischen sowieso keine Lust mehr.“ Das ist genau der Punkt. Über zwei Punkte habe ich in diesem Jahr am häufigsten geschrieben, glaub ich. Unpolitisch zu sein als Ausdruck des Politischen und damit verbunden die Hoffnung, dass sich Politik politisch äußert. Und nun am Ende des Jahres äußert sie sich krude politisch und wird nun als unpolitisch wahrgenommen.

  3. […] nicht mehr), demokratisches Verhalten muss zwischen den Wahlen stattfinden, unter anderem im Umgang mit dem politischen Gegener. Auch ich würde Nazis und Salfisten gern eingesperrt sehen, nachdem sie verurteilt wurden […]

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