Dein starker Arm

Veröffentlicht: 26. Oktober 2014 in Gesellschaft, Politik
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An dieser Stelle muss ich mal Buße tun. Ich erinnere mich daran, dass ich als Schüler immer über die Ausrede der Arbeitnehmer lächelte, wenn diese davon sprachen, dass es bei so wenig Freizeit auch Wichtigeres gebe als Politik. Vor einem Jahr dachte ich noch lächelnd, was könnte mich davon abhalten regelmäßig zu schreiben? Ein Lob auf die regelmäßig Schreibenden!

 Zeiten

Da ich dies aus Müdigkeit und anderen albernen Gründen in dieser und in der letzten Woche und überhaupt schon länger nicht mehr machen konnte: hier  ein tiefes Chapeau. In diesem Sinne bin ich natürlich für die Bahnbegleiter, die Piloten und Flug- und BahnbegleiterInnen und alle andere Streikenden, damit alle mehr Zeit und Geld haben sich ihres Beitrags in the Class struggle, wie wir anglophilen sagen, leisten können.

Wenn ich so genau darüber nachdenke, hat mich dieses Thema bereits am letzten Wochenende beschäftigt, als ein guter Freund sich mit der Frage plagte, ob ein eine ganze Areibtswoche, die eine Reduzierung der  politisch motivierten Freizeitgestaltung mit sich brächte, noch revolutionär wäre, oder so?

Wobei das Komische ist, dass die Sphäre der Arbeit nicht mehr die ist, in der sich Mensch organisiert und die Bezugspunkt ist, sondern die Freizeit. Kaum wird unter GenossenInnen über das eigene Erwerbsleben, die eigene Arbeit gesprochen, obwohl immerhin einige noch eine haben. Es wird als das Notwendige zur Erfüllung der Freizeit und der politischen Tätigkeit begriffen. Hört sich total emanzipatorisch an, scheint mir aber das genaue Gegenteil. Erst auf einer anderen Ebene, wenn es abstrakt wird, kann man scheinbar gut darüber sprechen. Ist ja auch richtig, aber mindestens genau so wichtig ist der/die Einzelne auf ihrer/seiner Position im Prozess der Arbeit. Nicht nur das Private ist politisch sondern auch die Arbeit.

Der Tag im Kommunismus

Am Sonntag dann war Sascha Lobo bei Precht zum Thema „Zukunft der Arbeit“ eingeladen. Eine Interessante Sendung, die man sehe und staune, zwischen dem Manifest der kommunistischen Partei und der deutschen Ideologie schwankte und als Schlusswort eine zeitgemäße Soziale Marktwirtschaft forderte. Wenn ich auf diese Sendung zurückkomme, dann deshalb, weil mit einer Verkürzung gearbeitet wurde, wenn auch mit einer sympathischen. Precht hat  folgende Passage der deutsche Ideologie zitiert:

„während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“(MEW Bd3, 33).

Precht dagegen  tat so, als ob der oben geschilderte angenommene Zustand, (den es noch nie geben hat, wie er betonte) in seiner biografisch-chronologischen Variante der neoliberalen Flexibilität entspräche, tatsächlich aber lässt unsere Klassengesellschaft auch keine chronologische Reihenfolge dieser Tätigkeiten zu. Dagegen setzt der oben skizzierte Zustand nach Marx das Ende der Politik als Klassenpolitik voraus, sprich das Ende der Klassengesellschaft und das Engagement für oder gegen sie. Bis dahin gilt, was Marx direkt im Anschluss darauf hingeschrieben hat und was man nicht vergessen darf, wenn man über die Gegenwart und ihre Menschen spricht:

„Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung, und eben aus diesem Widerspruch des besondern und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemeinschaftliche Interesse als Staat eine selbständige Gestaltung, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen, an, und zugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit, aber stets auf der realen Basis der in jedem Familien- und Stamm-Konglomerat vorhandenen Bänder, wie Fleisch und Blut, Sprache, Teilung der Arbeit im größeren Maßstabe und sonstigen Interessen – und besonders, wie wir später entwickeln werden, der durch die Teilung der Arbeit bereits bedingten Klassen, die in jedem derartigen Menschenhaufen sich absondern und von denen eine alle andern beherrscht.“ (Ebd.)

Hier begründet Marx ziemlich brutal, weshalb wir unsere Arbeits- oder weiter gefasst, die ökonomische Situation nicht unabhängig von der sozio-ökonomischen sehen können und zwar sehr konkret. Marx hat die „feinen Unterschiede“ schon angedeutet. Eine sozialdemokratische Fassung in der man sich ja auch während der errungenen Freizeit im obigen Zustand der Freiheit befinden und an den Teich zum Fischen setzen könnte, kann bei Marx nicht vorkommen. Weil wir ein vielfältiger Ausdruck der Strukturen sind, wenn auch nicht ganz, aber doch ziemlich und dies auch nicht anders sein kann.

„Hieraus folgt, daß alle Kämpfe innerhalb des Staats, der Kampf zwischen Demokratie, Aristokratie und Monarchie, der Kampf um das Wahlrecht etc. etc., nichts als die illusorischen Formen sind, in denen die wirklichen Kämpfe der verschiednen Klassen untereinander geführt werden […], und ferner, daß jede nach der Herrschaft strebende Klasse, wenn ihre Herrschaft auch, wie dies beim Proletariat der Fall ist, die Aufhebung der ganzen alten Gesellschaftsform und der Herrschaft überhaupt bedingt, sich zuerst die politische Macht erobern muß, um ihr Interesse wieder als das Allgemeine, wozu sie im ersten Augenblick gezwungen ist, darzustellen.“

Böse könnte man aus heutiger Perspektive sagen, von der Vorhut der Revolution zur Wahlkampfgefolge. Das wäre aber aus der Sicht des Jahres 1846, zwei Jahre vor der bürgerlichen ’48 Revolution in Deutschland jedoch nicht gerecht. Schließlich konnten sich selbst  die weitsichtigsten Demokraten die Demokratie nicht als Mehrheitsgesellschaft der Kleinbürger vorstellen. Für sie war klar, der Parlamentarismus würde ein Vorteil für die Mehrheit, die arbeitende Bevölkerung mit sich bringen und aufgrund der zu erwartenden Kräfteverhältnisse neben der Revolution ein anderer Weg zum Sozialismus sein.  Zugegeben, „dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer“ und dass er mit Stolpersteinen wie Generalsekretären und KanzlerInnen gepflastert war und ist, war sicher ein toter Winkel der Prognose.

Solidarität

Und obwohl Marx sich im Klaren war, dass der Kapitalismus über den Alltag prägt, waren die Außmaße der Identifikation jedoch nicht vorstellbar.

„Die Denkweise, die die Flexibilisierung der Lebensrealität den Menschen eingepflanzt hat, ist nicht nur demokratiezersetzend, sondern auch unsolidarisch. Streikende und die Benachteiligten des Streiks, die ökonomisch betrachtet im gleichen Boot sitzen, verbindet nur noch wenig miteinander. Heute solidarisiert man sich mit dem Trott, der einen bestimmt.“

An dieser Stelle ist die Sprache verräterich. Der hochgeschätzte ad sinistram Autor hat die Denkweise zum Subjekt gemacht und damit alle anderen zum Objekt. „Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus – den Feuerbachschen mit eingerechnet – ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als menschliche sinnliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv.“ In der Alltagswelt ist aber weder Demokratie noch Solidarität täglich erfahrbar, dafür aber Konkurrenz und die Werte und Audswirkungen der kapitalistischen Räderwerks. Was liegt also näher, als die vorgelebten Werte und die vorgegeben Taktung aufzunehmen?

„Wo alle ihrem lückenlosen Ablauf nachlaufen, bleibt keine Zeit mehr, sich mit der Situation anderer auseinanderzusetzen. Es gibt nur noch das eine Ziel: Erledigung der Planung. Und da der Plan so vollgepackt ist, kann man nichts noch so Demokratisches akzeptieren, das die straffe Lebensplanung irgendwie aus dem Takt bringen lassen könnte. Das ist unsere Art zu Leben geworden.“

Tatsächlich  ist die Versammlungsfreiheit und die Freizeit immer schon ein Dorn im Auge der Unternehmer gewesen. Schließlich ließe sich in der Freizeit Politik organisiesren. Vor allem weil uns die Arbeitgeber immer daran erinnern, was wir selbst nachmachen: Demokratie und Mitbestimmung hat im Wirtschaftsleben nichts zu suchen. „Die große politische Frage lautet heute: wer schützt mich vor dem, was ich will? Wie finden wir wieder Wurzeln, eine Identität, die aus dem heutigen, in jeder Hinsicht destruktiv konkurrierenden ‚Ich will‘ wieder ein konstruktiv entspanntes ‚Wir bräuchten‘ macht?“

Ich persönlich finde den Organisationsgrad unserer Gesellschaft erstaunlich und dass Fahr- und Flugpläne funktionieren, ist für mich unfassbar. Was für eine Disziplinierung muss stattgefunden haben, dass eine solch komplexe Leistungen funktioniert? Tatsächlich sind die Abläufe so arbeitsteilig, dass eine Störung an vielen Stellen möglich ist und große Auswirkungen haben. Dieses Netz der Funktionen durchzieht das Leben und verbindet durch die Dienst-leistungen auch die Sphäre der Produktion und Reproduktion oder Freizeit.

Umso mehr Wahrheit steckt in der alten Aussage:

„alle Räder stehen still, wenn du dein starker Arm es will“.

Um so mehr ist man auch aufeinander angewiesen. Sowohl im Guten wie im Schlechten. Die fehlende Solidarität unter den Arbeitnehmern, die in einer ähnlichen Situation stecken, macht die Solidarität des Kunden mit dem Verkäufer, dem Dienstleister, bzw. noch schwieriger. Aber umso mehr ist jede/R auf Solidarität angewiesen, als Arbeitnehmer und Kunde.

 

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