Wissenschaft und Journalismus

Veröffentlicht: 21. Oktober 2014 in Gesellschaft, Politik
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photo credit: Spiegelneuronen via photopin cc

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Wissenschaft und Journalismus sind zwei Themen, die mich immer wieder ansprechen. Joachim Müller-Jung hat in seinem FAZ-Blog auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die dabei sowohl die Wissenschaft als auch die Medien in der Kommunikation über Wissenschaft haben betreffen, dazu einige Überlegungen.

Frank Luebberding hat mich mit seinem Beitrag „Sinn der Online-Kommunikation“ auf ein Thema gestoßen, das offenbar älter ist, mich aber erst jetzt über diesen Umweg erreicht hat.

Wissenschaft und Medien

Wenn man sich den Zusammenhang zwischen  Hochschulen und Journalismus vor Augen führt, darf man die Strukturen und Anforderungen, die mit dieser Kommunikation verbunden sind, nicht vergessen. Was ich damit meine? Nun mir scheint, dass die PR-Abteilung, die heute gerne Stabsstelle genannt werden, in dem Maße wichtiger geworden ist, als sich die Hochschule als lebensweltlich wichtige Institution verkleidet. Heute ist wird eine HS zur Exellenz erwählt, zur Forschungshochschule  ausgelobt oder als mit der Region verwachsen dargestellt. Und um dieses Bild aufrecht erhalten zu können, brauchen sie Außenwirkung.

„Die Wissenschaft wird statt dessen zwei ihr fremden Regimen untergeordnet, die „Effizienz“ und „Qualität“ sichern sollen: Zum einen ist dies die ökonomische Rationalität, die dafür gesorgt hat, dass die der Wissenschaft ebenfalls wesensfremde Figur des Wettbewerbs propagiert wird. Zum anderen ist dies die Rationalität medialer Öffentlichkeit und das damit verknüpfte Streben nach Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit. Das letztere ist nicht auf Wissenschaft beschränkt: Man könnte geradezu durchaus bewusst in Anlehnung an Horkheimers und Adornos Begriff der Kulturindustrievon einer Aufmerksamkeitsindustrie sprechen.“
photo credit: Spiegelneuronen via photopin cc

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Diese ist auch notwendig, weil das Einwerben von Drittmitteln zu einer ordinären Aufgabe der Wissenschaft geworden ist und um das gut tun zu können, kommt es auf die „Sichtbarkeit“ an. „Die Umstellung des Wissenschaftssystems auf das New Public Management hat einer Umorientierung des Verhaltens von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen Vorschub geleistet.“ (13) Das stellen die Wissenschaftler selber fest, doch ist damit noch kein Schritt in Richtung Besserung zu erwarten, zumal diese Ausrichtung sich in den Strukturen niedergeschlagen hat.

„Diese Rahmenbedingungen begünstigen ein Kommunikationsverhalten, das durch Eigeninteresse motiviert ist. Die Universitäten und Forschungseinrichtungen haben ihre Presseabteilungen zu professionellen Public-Relations-Abteilungen ausgebaut. Damit tritt die Eigenwerbung auf Kosten einer sachgerechten Darstellung von Wissenschaft in den Vordergrund.“ (13)

Dabei ist schon der erste Teilabschnitt, die Forderung nach Anreize zur „redliche[n] Kommunikation“ ein Armutszeugnis und Bankrotterklärung der akademischen „Welt“, denn offensichtlich ist Redlichkeit nicht vorhanden, weshalb es ja erst der Anreize bedarf. „Das Prinzip der wissenschaftlichen Redlichkeit und Selbstkritik der einzelnen Wissenschaftlerin und des einzelnen Wissenschaftlers sollte im Hinblick auf die Kommunikation mit der Öffentlichkeit bzw. mit den Medien Geltung erlangen und gestärkt werden.“ (6) Da aber mit den Fällen von Plagiatsentdeckungen die Glaubwürdigkeit dieser wissenschaftlichen Redlichkeit etwas angekratzt ist, scheint es wenig verheißungsvoll diese auf die Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu übertragen. Je weniger die Binnenperspektive hergibt, desto mehr muss das Außen helfen, weshalb nun die vielbeschworene Selbstverantwortung der Wissenschaft im Bereich der Kommunikation auf die Medien verlagert wird.

„Dieses Außen ist nun aber auch nicht mehr das, was es mal war, die Medien haben sich genauso verändert, wie die Hochschulen und dieses gilt auch für die Zeitschriften der Wissenschaftscommunity. Die Orientierung der Wissenschaftskommunikation an der Massenöffentlichkeit (Medialisierung) hat zum Teil auch die wissenschaftlichen Kommunikationsorgane selbst erfasst. Einflussreiche Fachjournale wie Nature und Science gleichen sich in ihrer redaktionellen Strategie jener der Massenmedien an.“ (9)
 Die Akademien fordern folglich eine bessere und andere Presse, die weniger der Medialisierung verhaftet ist und in der Lage ist, Wissenschaft kritisch zu verstehen und zu vermitteln. Ganz selbstlos wird dann Folgendes  vorgeschlagen:

 „Der Politik wird empfohlen, Anreize für Universitätsleitungen und für die Leitungen von anderen Forschungsinstitutionen zu setzen sowie redliche Kommunikation zu fördern (siehe Empfehlungen 1. bis 4.). Dazu könnten öffentliche Preise für besonders gelungene Kommunikationskonzepte, Sondermittel zur wissenschaftlichen Evaluierung von Kommunikationskonzepten und ihren Wirkungen sowie Fördermittel für die wissenschaftliche Weiterbildung von Kommunikationsexperten bzw. kommunikative Weiterbildung für Fachexperten gehören, ebenso die Schaffung eines eigenen Qualitätslabels, vergeben auf der Basis von Vorschlägen einer unabhängigen Jury.“(22)
Womit die Wissenschaft selbst durch die Hintertür wieder ins Spiel kommt, da sie vermutlich die Instanz der wissenschaftlichen und kommunikativen Weiterbildung wäre. Man könnte meinen an dieser Stelle hat die PR-Abteilung wieder mitgeschrieben. Dass die neuen Strukturen nicht nur bei den Medien sondern auch an den Hochschulen nicht nur etwas an den Strukturen, sondern an Inhalten änderten, bleibt nun bei aller bewundernswerten, wenn auch deutlich zu späten Selbstkritik, unbedacht.
Medien und Wissenschaft
Kaum ein Beruf ist so wenig geschützt, wie der des Journalisten und auch des Wissenschaftsjournalisten. So kann man genauso als Weiterbildung etwa in Köln, wie auch an Hochschulen, Kollegs und Journalistenschulen Journalist werden. Vorraussetzung ist meist das Abitur und nicht nur für den Wissenschaftsjournalismus die sogenannte zweistufige Ausbildung, dabei  „steht zunächst meist die fachliche Kompetenz im Fokus. Danach folgt die journalistische Qualifikation.“ So war dies meist bisher.  „Hierfür eignet sich vorrangig ein Hochschulstudium oder alternativ eine Berufsausbildung, jeweils inhaltlich ausgerichtet auf das später angestrebte Berichterstattungsfeld“, schreibt die DFJV.
Bezogen auf die Frage des Zusammenhangs zwischen Medien und Wissenschaft muss an diesem Punkt festgestellt werden, dass die Qualifikation auch heute schon und gerade bei den Wissenschaftsjournalisten akademisch grundiert ist. Wenn also bislang tatsächlich ein Defizit bei der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Journalismus aufgetaucht ist, muss man dies entweder auf die fehlende wissenschaftliche Qualifikation liegen, die sie an der Hochschule erhielten, oder aber, weil sie Journalisten sich von dieser Qualifikation distanzieren. Gleichzeitig wächst die Unübersichtlichkeit der Zahl der Veröffentlichungen.
 „Während noch vor gar nicht allzu langer Zeit einfach wissenschaftsjournalistisch aufbereitet werden konnte, was in den namhaften Journals veröffentlicht wurde, muss heute radikal ausgewählt werden, da die Anzahl von Veröffentlichungen für die Eins-zu-eins-Berichterstattung zu groß geworden ist. Das Fundament einer solchen Auswahl kann schwerlich anderes als ein fundiertes wissenschaftliches Fachwissen sein. Sofern das bei Wissenschaftsjournalisten nicht mehr vorliegt, müssen aber andere Strategien gefunden werden.“

photo credit: anvosa via photopin cc

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Als Lösung schlägt Sibylle Anderl eine übergeordnete, Meta-Perspektive auf die Wissenschaft vor. Dies wird ihrer Meinung nach auch deshalb nötig, weil auf der einen Seite die PR steht, die schrill tönt, und auf der anderen immer mehr WissenschaftlerInnen via Blogs selbst an die Öffentlichkeit gehen.
„Wer sich für Wissenschaft interessiert, interessiert sich in der Regel nicht für irgendwelche Meinungsströme, sondern für seriöse, belastbare Informationen, die nicht ohne ein tiefes Verständnis wissenschaftlicher Forschung geliefert werden können.“
Aber Anderl übernimmt die Selbstbeschreibung der Wissenschaft, wenn sie hier von einer meinungsfreien aber „seriös belastbare[n] Informationen“ ausgeht, die der Wissenschaftsjournalismus aus einem tieferen Verständnis heraus  liefern zu können glaubt. Und Anderl geht noch einen Schritt weiter, sie will die Refelexionsebene der Wissenschaft in die Medien holen.
„Wenn der Wissenschaftsjournalismus es schaffen kann, größere Zusammenhänge aufzuzeigen, neue Sichtweisen zu eröffnen, Reichweiten von Ergebnissen einzuschätzen, die Wissenschaft als eine Unternehmung im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen, könnte er sich einen unabhängigen Expertenstatus sichern. Denn eine solche übergeordnete Perspektive geht im immer spezialisierter agierenden Wissenschafts-betrieb zunehmend verloren, während den PR-Abteilungen dafür die nötige Unabhängigkeit fehlt.“
Und hier wird es letztlich widersprüchlich. Zwar gibt es eine Vielzahl guter WissenschaftsjournalistInnen, doch klagt Anderl selbst über das mangelnde wissenschaftlicher Verständnis vieler ihrer Kollegen, einem Punkt, in dem sie sich mit den Vertretern der Akademien trifft. Wenn dem so ist, stellt sich die Frage, was die Zunft der Journalisten prädistiniert eine Meta-Position einzunehmen. Zugleich aber kämen sie der Wissenschaft entgegen, denn wenn diese die wissenschaftliche Redlichkeit als Opfer des Wettbewerbs und des New Public Managements darstellt, entledigt sie sich selbst jeder Bemühung ethische oder sonstige Werte in ihre Arbeit einzubeziehen. Erhöbe der Wissenschaftsjournalismus ausdrücklich diesen Anspruch würde dies darauf hinauslaufen,  die Reflexion der Rolle der Wissenschaft in und für die Gesellschaft Hand in Hand zu entsorgen.
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Kommentare
  1. sunflower22a sagt:

    ich glaube, es gibt einen unauflöslichen Widerspruch zwischen dem Wunsch, die Wissenschaft soll mitten in der Gesellschaft stehen und nicht in einem abgehobenen Elfenbeinturm – aber wenn sie das tut, dann geht es in der Wissenschaft zwangsläufig genauso zu wie im Rest der Gesellschaft auch. oder täusche ich mich?

    • kultgenosse sagt:

      Du hast recht und doch sollte man bei der Wissenschaft genauer hinsehen, schließlich dient sie sowohl der Wirtschaft als auch der Politik häufig genug als Begründungszusammenhang für ihr Handeln. Umso wichtiger ist bzw, wäre eine Selbstreflexion der Wissenschaft. Und wenn du von Wissenschaft und Gesellschaft schreibst, dann ist genau dieser aufklärerisches Moment eben nicht Sinn der derzeitigen Mehrheitswissenschaft, die die Verwertbarkeit im Sinne der wirtschaftlichen Anwendbarkeit interpretiert, weil die Drittmittel aus der Wirtschaft stammen.

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