Appell und Wirkung: Was kann ein Manifest leisten?

Veröffentlicht: 7. Oktober 2014 in Politik, Punkgebte
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Auf meinen Text gab es einige Bemerkungen, was die Relevanz und die inhaltliche Qualität des „konvivialistischen Manifest” ausmacht. Aber bei einem Text gibt es immer noch weitere Fragen zu klären. Textlinguistischi gesehen stellt sich etwa die Frage ob der Textgattung genauso, wie die mögliche Absicht der Autoren, wer der Adressat sein könnte und was bezweckt wird.

Die letzte Frage lässt sich sicher erst im Rückblick feststellen, denn die Wirkung, die von einem Text, der sich selbst Manifest nennt, hat sowohl etwas mit seiner Verbreitung und seine Wirkung auf die Politik zu tun, wobei die Verbreitung und die Diskussion wiederum auf die Wirksamkeit Einfluss hat. Schwierig ist die Einordnung des Manifests als Textsorte oder -Gattung aber noch aus einem anderen Grund. Neben der „politischen Intervention“ii sind Manifeste vor allem in der Kunst anzutreffen. Walter Fähnders nennt als gattungstypisch für das Manifest folgende Eigenschaften: „Diskursive Programmatik, Eindeutigkeit und Öffentlichkeit des Textes“iii. Vor der Schwierigkeit der textlinguistischen Einordnung stand auch Hubert van der Berg, der sich schließlich dazu entschloss statt zur Kennzeichnung der Gattung die Funktion für das Manifest in den Vordergrund zu stellen. „Vielmehr bildet die Bezeichnung ‚Manifest‘, wie bereits angedeutet, die Indikation einer Textfunktion“iv: der Appell. Und auch die Eigenbezeichnung als Manifest bedeutet noch nicht, dass dieses eines sei, so van der Berg weiter. Und Girnth führt das Manifest in Anlehnung nach Klein auch nicht als politische Textsorte auf.v Da ein Teil der Manifeste jedoch tatsächlich mit einer politischen Absicht und thematisch ein entsprechendes Thema aufgreifen, scheint es aus systematischer Sicht angezeigt, diese Lücke in der Darstellung der Textsorten zu schließen.

Der Verweis auf die kommunikative Funktion des Textes ist insofern wichtig, als dies der zentrale Punkt in der Untersuchung von Klatt und Lorenz ist. Diese Funktion des „konvivialistischen Manifest” ist nicht so ausgeprägt, wie etwa im Manifest der kommunistischen Partei, das mit dem Aufruf zur Vereinigung aller Proletarier endet, oder Büchners Aufruf: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ Es wird weder zum Sturm geblasen noch ein Bewegung beschworen und doch lassen sich zahlreiche Stellen finden, in der der Text deutlich auffordernden Charakter trägt. Doch dazu später.

Autoren, Adressaten, Absicht und sprachliche Mittel

Es gibt unterschiedliche Wege sich einem Text zu nähern, den Weg, den ich bestreiten will, orientiert an einem Dreieck mit den Ecken Autor, Adressaten und Absicht, was sich an Knoblochs kommunikationstheoretisches Dreieck aus „Diskurs, Sprecher und autorisierender Institution“vi orientiert. Alle drei Ecken anhand des Textes bestimmt werden, wird der Inhalt nicht alleine dadurch aber damit auch schon mit besprochen. Allerdings steht dieser am Schluss dann dezidiert im Mittelpunkt.

Auffällig am konvivialistischen Manifest ist, zunächst einmal, dass die herausgebenden Personen Frank Adloff und Claus Leggewie institutionell eingebunden sind und das Erscheinen durch ein Bundesministerium gefördert wurde. Dieser Umstand kann als ein Hinweis auf eine fehlende Autonomie alternativen Denkens betrachtet werden, indessen ist diese Verschränkung von Alternativen Denken, Zivilgesellschaft und staatlicher institutionellen Förderung eine Eigentümlichkeit der deutschen Zivilgesellschaft, deren erste Frage immer die nach den Fördertöpfen ist. Da jedoch die deutsche Fassung eine Übersetzung aus dem Französischen ist, ist kein direkter Einfluss der Institutionen auf den Entstehungsprozess denkbar, allerdings könnte eine Frage lauten, ob ein vollständig oppositioneller Text gefördert werden würde. Ohne dies nachweisen zu wollen, könnte dies ein Indiz dafür sein, dass die Forderungen dem Mainstream des politischen Denkens nicht ganz fremd sind.

Der Text des Manifests thematisiert den Entstehungsprozess selbst und benennt auch die Schwierigkeiten, die dieser Prozess mit sich brachte. Welche Priorität die AutorInnen diesem Prozess und der Heterogenität ihrer Gruppe zumaßen, ist auch am Ort abzulesen, an dem die Namen der Autorinnen stehen bzw. wie diese notiert sind. Üblicherweise werden lediglich die ersten drei AutorInnen erwähnt, die Auflistung sämtlicher Namen mit dem Vermerk des Herkunftslandes fällt genauso auf, wie die Betonung der konsensbasierten Arbeitsweise.

„Denn das primäre Verdienst des konvivialistischen Manifests besteht unseres Erachtens darin, dass diese Autoren, die in vielen Punkten häufig gegenteiliger Ansicht sind, es vorzogen, lieber ihre Übereinstimmungen als ihre Meinungsverschiedenheiten zu betonen und herauszustellen, in welchem Bereich und bei welchen Positionen diese Übereinstimmungen sich weiterentwickeln und vertiefen lassen.“ (36).

Dies lässt sich dahingehend interpretieren, dass sie sich auch der Wirksamkeit der eigenen Namen „als Ressource“ (Klatt/Lorenz, 418) auf die Leser bewusst sind und damit die jeweils eigenen Leserschaften adressiert sind. Zugleich weist die Betonung der Heterogenität der Ansichten darauf hin, dass die Autoren bewusst den Interdiskurs, der über die Fachgrenzen und Spezial- und Wissenschaftsdiskursen steht, bzw. den allgemeinen Mediendiskurs anstreben. Daher verbietet sich auch ein Vergleich mit Fachpublikationen, deren Adressaten aus der Fachcommunity und Interessenten sind. Dazu passt sowohl die Sprache, die sich weitgehend jeder Fachsprache enthält, als auch die Aufforderung an die Leser sich als Unterstützer auf der Internetseite des Autorenkollektivs einzutragen. Hier ist also schon die erste Appellfunktion an die Leser. Diese Aufforderung passt eher zu einer Unterschriftenkampagne oder Resolution wie sie im Internet üblich ist, denn zu einem Manifest. Doch da das Manifest sowohl online, als auch als im Printformat erschien, kann dieser Aufruf zu Beteiligung auch als Konzession an das Web 2.0 eingeordnet werden.

Denn:

„Ihr Schicksal hängt von den Lesern ab, ob sie sie erweitern oder in Frage stellen wollen. Alle, die ihre Zustimmung zu den wesentlichen Punkten dieses Manifests bekunden und über seine möglichen Erweiterungen auf dem Laufenden gehalten werden mochten, können sich auf folgender Website einschreiben: http://www.lesconvivialistes.fr.“(37)

Ein weiteres dialogisches Element ist das wir. Dieses wird sowohl als inklusives-wir, das auch die Leser (und die Menschheit) einschließt, als auch als exklusives-wir (die Autorengruppe) benutzt. So kann sich der Leser direkt angesprochen und ermahnt fühlen, wenn festgestellt wird, dass wir „einer ebenso offensichtlichen wie dramatischen Schlussfolgerung ins Auge sehen müssen.“(45) Da das „wir“ zudem am Anfang des Absatzes steht, kann das Folgende als gemeinsame Statement aller Beteiligten, Autoren und Leser, gelesen werden.

Ein appellativer Aspekt ist also ohne Zweifel enthalten, ein kämpferisches Pathos fehlt jedoch, was man inhaltlich begründet findet. Geht es doch beim Konvivialismus eher um eine Idee des Sondierens und Reflektierens. Der Kern der Idee ist somit konservativ was in einem Spannungsverhältnis zu der eigenen Wahrnehmung vom „größten gemeinsamen Nenner des alternativen Denkens“ (36) steht.

Er ist keine neue Lehre, die sich den anderen überstülpen wurde, mit dem Anspruch, sie abzuschaffen oder sie radikal zu überholen. Er ist die Bewegung ihrer gegenseitigen Befragung, die auf dem Gefühl der extremen Dringlichkeit angesichts der möglichen Katastrophe beruht. Er will das Wertvollste jeder der überkommenen Lehren bewahren.“ (59)

Das Fehlen auf Autoritäten des politischen alternativen Denkens selbst aus den Denkströmungen, der „großen politischen Ideologien der Moderne: Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus oder Anarchismus“ (49) kann entsprechend der Textfunktion, die größtmögliche Leserschaft zu finden, interpretiert werden, aber auch inhaltlich, denn die Orientierung am Konsens erlaubt keine einseitige Autorität, die die Wahrnehmung des Textes dominieren würde.

Wer wird angesprochen?

Die „Vergangenheit der ganzen Menschheit in der Vielfalt all ihrer kulturellen Traditionen. Es geht darum, einen neuen, radikalisierten und erweiterten Humanismus zu erfinden, und das bedeutet die Entwicklung neuer Formen der Menschlichkeit.“ (58) Nicht nur das Erbe der gesamten Menschheit soll angetreten, sondern auch das Denken verändert werden.

„Auf dieser Grundlage wird es denen, die sich in den Prinzipien des Konvivialismus wiedererkennen, möglich sein, auf die bestehenden politischen Spiele radikal Einfluss zu nehmen und alle ihre Kreativität aufzubieten, um andere Formen zu erfinden: Formen zu leben, zu produzieren, zu spielen, zu lieben, zu denken und zu lehren. Auf konviviale Weise. Indem man miteinander rivalisiert, ohne einander zu hassen und zu vernichten.“ (73)

Offensichtlich handelt beim Vorgehen um das Ziel des Konvivalismus zu erreichen um eine Zweistufen-Strategie. Zunächst werden diejenigen angesprochen, die sich „wiedererkennen“, schließlich soll die Idee jedoch alle, die „ganze Menschheit“, ansprechen. Eine besondere Rolle kommt dabei den Religionen als normative und normsetzende Systeme zu. „Die Religionen als solche haben Mühe, ihre Botschaft über die richtige Politik, die richtige Ökonomie oder die richtige Ökologie zu aktualisieren. Umgekehrt schweigen die modernen politischen Ideologien als solche – Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus oder Anarchismus – meist zu der moralischen und der ökologischen Frage.“ (51, Herv. i. Org.) Damit sprechen die Autoren den religiösen und säkularen Ideen die Lösungskompetenz ab und setzen den eigenen Interpretationsrahmen zum Maßstab.

Beachtet man, dass damit im politischen Denken alle dominanten Richtungen erfasst sind, wird klar, dass es, ohne eine Revolution auszurufen, um einen umfassenden Anspruch des Konvivalismus geht.

In diesem Zusammenhang ist auch der Zeitpunkt des Erscheinens des Manifests interessant. Nicht umsonst betont Frank Adloff den Klimawandel und die „Endlichkeit fossiler Ressourcen“ und den großen Handlungsbedarf. Er weist aber auch darauf hin, dass „auf globaler Ebene“ zu wenig geschehe. (7f.) Wenn ich ausgerechnet diesen Punkt erwähne, dann deshalb, weil „Manifeste bevorzugt in Phasen gesellschaftlicher Bewegung, politischen Konflikts, instabiler Verhältnisse auftauchen.“vii „Jeden Tag werden die Anzeichen einer möglichen Katastrophe deutlicher und beunruhigender. Der Zweifel betrifft nur die Frage, was unmittelbar am bedrohlichsten ist und vordringlich zu tun wäre.“ (39) Die Darstellung aktueller Probleme werden entsprechend als dringend dargestellt und treffen vermeintlich das allgemeine Empfinden. Da die anderen Faktoren, wie Armut, Demokratie- oder Parteienmüdigkeit nicht neu sind, sind es die bevorstehen ökologischen Folgen, die die Intervention 2014 notwendig machten.

Ich hoffe, ich konnte über die Herangehensweise und der Beschreibung der Textfunktion, die ein oder andere Frage klären. Mehr fällt mir dazu auch bald nicht mehr ein 😉 Immerhin aber konnte das Fehlen von Bezügen auf andere Denker, die Wahl der Sprachebene für die Verbreitung und die Anschlussfähigkeit des Textes gezeigt werden. Andere Punkte, wie die das Misstrauen in Parteien, Wissenschaft und Politik, wurden nicht thematisiert, doch ging es hauptsächlich um die kommunikatiuve Funktion des Textes. Über diesen Text soll das Bewusstsein für die aktuellen Themen und letztlich ein anderes Denken und Handeln angestoßen werden, mehr kann dieser Text nicht leisten, doch diese Funktion erfüllt er.

iMit diesem Text entschuldige ich mich bei Fabian Knäul, für den ich mich am Freitag einmal zu oft von der Linguistik distanziert habe. Allerdings verstehe ich die Linguistik, wie ich sie betrieben habe, als Teil der Sozialwissenschaften, weshalb ich mich schwer tue mich als Linguisten zu sehen. Trotzdem sorry.

iiKlatt/Lorenz: Voraussetzungsreiche, aber schlagkräftiges Instrumente der Zivilgesellschaft, in: dies:.(2011)(Hg.): Manifeste. Geschichte und Gegenwart des politischen Appells, 421

iiiFähnders, W.: Projekt Avantgarde und avantgardistischer Manifestantismus, in: Asholt/Fähnders (Hrsg.): Der Blick vom Wolkenkratzer: Avantgarde – Avantgardekritik – Avantgardeforschung, 2000, 77.

ivVan der Berg, H: Das Manifest eine Gattung? Zur histographischen Problematik einer diskriptiven Hilfskonstruktion, in: Van der Berg, H./ Grüttemeier, R. (Hrsg.): Manifeste Intentionalität, 1998, 207.

vGirnth, H.: Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation, 2002, 74f.

vi Eintrag: Diskurs, in: Ralf Schnell (Hg.): Metzler Lexikon Kultur der Gegenwart. Stuttgart 2000, 101.

viiKlatt/Lorenz: Politische Manifeste. Randnotizen der Geschichte oder Wegbereiter sozialen Wandels, in: Dies., a.a.O., S.7.

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Kommentare
  1. alphachamber sagt:

    Hallo!
    Habe Ihren Beitrag gelesen. Es scheint aber, mit Verlaub, wir schreiben aneinander vorbei.
    Der linguistische Aspekt und Definitionen eines Manifests sind interessant, aber nicht Bestandteil meiner Critique. Keinen meiner 6 Einwände sehe ich gegenargumentiert. Mir ging es hauptsächlich um den I n h a l t, die Gedankensubstanz, i n dem Manifest.
    Nochmals:

    Die Autoren gehen g e m e i n s a m von den g l e i c h e n umstrittenen, z.T. unbelegten und willkürlichen Prämissen aus. Ein „konviviales“ Konzept ist nicht falsifizierbar und ignoriert anthropologische, geschichtliche und philosophische Lehren (ganz anders als z.B. Marxs recht „wissenschaftliches“ Manifest). Es arbeitet ausschließlich mit Entitäten aus der subjektiven Gefühlswelt und – zudem widersprüchlichen – Werte der Autoren und projiziert diese, ungerechtfertigt, auf alle Gesellschaften. Angesichts dessen, ist es fraglich, ob es überhaupt den Titel „Manifest“ verdient – darüber könnte man sich sicher streiten, finde ich aber unwichtig.
    Ich würde mich aber über Gegenargumente freuen, die meine Kritik des Inhalts betreffen.
    Nette Grüße

    • kultgenosse sagt:

      Hallo! Als begeisterter Anhänger des Marxschen Manifests freut es mich, dass Sie es höher einschätzen als dieses. Wo das Manifest der kommunistischen Partei allerdings wissenschaftlich ist, bleibt mir verborgen. ZU Ihrer Kritik. Ich habe versucht über die kommunikative Textsorte zu erläutern, weshalb es so ausschaut, wie es ausschaut, weil es eben auf Konsens gebürstet ist und sich eine Anhängerschaft erst finden muss, weshalb allzu steile Thesen unterblieben sind. Auf den Anspruch auf anderen Denk- und Glaubenssystemen aufzubauen oder sie zu beerben, bin ich auch eingegangen, ebenso wie auf die Wissenschaftlichkeit, bzw. weshalb sie unterblieben ist. Ich habe mich diesesmal nur anders angenähert, vielleicht lohnt ein zweiter Blick. Wir haben es eben mit politischer und strategischer Kommunikation zu tun, dies nicht zu beachten wäre fahrlässig. Bis bald

  2. alphachamber sagt:

    Ich fand Ihre Ausführungen durchaus nochmals durchlesenswert, obwohl auch Ihr Titel nicht auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Inhalt hindeutet.
    (Was Marxs Manifest betrifft, stehe ich persönlich absolut nicht auf seiner Linie, würdige aber die außergewöhnliche geistige Leistung. Marxs Arbeiten beruhen auf einer Vorgehensweise, die man wohl als wissenschaftlich bezeichnen muss. Außerdem setzte ich den Begriff ja bewusst in Parenthese.)

    Auf der Suche nach klaren Argumenten, sehe ich in Ihrem Artikel eher eine Aufforderung zum Interpretieren. Sollte ein Manifest (oder, Appell!) an die Öffentlichkeit, nicht von überzeugender Klarheit sein? Vielleicht liegt es in der politisch korrekten ‚Ungefährlichkeit‘, dass die staatliche Unterstützung gesichert werden konnte(?)

    Ich beziehe mich dann mal auf Ihre Punkte:

    „…das primäre Verdienst des konvivialistischen Manifests besteht unseres Erachtens darin,…diese Autoren,…in vielen Punkten häufig gegenteiliger Ansicht sind…“
    „…Beachtet man, dass damit im politischen Denken alle dominanten Richtungen erfasst sind, wird klar, dass es,… um einen umfassenden Anspruch des Konvivalismus geht.“

    Abgesehen von der Grundlosigkeit dieser Behauptung (siehe 1. Punkt meiner vorhergehenden Einwände), ist die Schlussfolgerung (mit Respekt) eher Sophismus als Logik. Aber es wäre sowieso ein „totes“ Argument.

    „…Er ist keine neue Lehre, die sich den anderen überstülpen wurde, mit dem Anspruch, sie abzuschaffen oder sie radikal zu überholen. Er ist die Bewegung ihrer gegenseitigen Befragung, die auf dem Gefühl der extremen Dringlichkeit angesichts der möglichen Katastrophe beruht. Er will das Wertvollste jeder der überkommenen Lehren bewahren.“

    Die beschworene mögliche globale Katastrophe wird abgewendet durch Kompromisse der herkömmlichen Systeme? Was ist der Kompromiss zwischen z.B. Leben und Tod?

    „…Die Vergangenheit der ganzen Menschheit in der Vielfalt all ihrer kulturellen Traditionen. Es geht darum, einen neuen, radikalisierten und erweiterten Humanismus zu erfinden, und das bedeutet die Entwicklung neuer Formen der Menschlichkeit.“ (58) Nicht nur das Erbe der gesamten Menschheit soll angetreten, sondern auch das Denken verändert werden.“

    Dieser gesamte Satz ist ein einziges contradiction in adiecto. UND, man könnte es als faschistoides human engineering verstehen.

    „…denen, die sich in den Prinzipien des Konvivialismus wiedererkennen, möglich sein, auf die bestehenden politischen Spiele radikal Einfluss zu nehmen und alle ihre Kreativität aufzubieten,…“

    Dies steht in krassem Widerspruch zur vorherigen wachsweichen Beschwörungen und Kompromissen.

    „…um…Formen zu leben, zu produzieren, zu spielen, zu lieben, zu denken und zu lehren. Auf konviviale Weise. Indem man miteinander rivalisiert, ohne einander zu hassen und zu vernichten.“ (73).
    Ich möchte nicht durch billigen Sarkasmus das Niveau unserer Diskussion niedrigen, aber das erinnert an den weisen Spruch: „Lieber reich und schön, als arm und dumm“.

    Am a l l e r m e i s t e n erstaunt und enttäuscht mich, dass ein Dokument, das wichtige gesellschaftliche Änderungen vorschlägt, im Überfluss die Begriffe der Humanität und Menschlichkeit strapaziert, aber nicht einmal argumentativ die Wichtigkei der Vernunft hervorhebt. Sie unterscheidet uns vom Tier. Wem es an Vernunft mangelt, mangelt es auch an Menschlichkeit.

    Nette Grüße

    • kultgenosse sagt:

      Ein letztes mal zu diesem Beitrag, denn ich verrate Ihnen, lieber alphachamber, ein kleines Geheimnis, auf das Sie längst hätten selber kommen können. Es gibt einen Grund weshalb ich nicht sehr ausgesprochen eindringlich auf den Inhalt eingehe: auch mich hat es nicht ganz überzeugt. Sie schreiben:
      1) „Vielleicht liegt es in der politisch korrekten ‘Ungefährlichkeit’, dass die staatliche Unterstützung gesichert werden konnte“ Auch wenn ich ihr hämisches „politisch korrekt“ anlehne, wiederholen sie genau meinen Punkt.
      2) „Die beschworene mögliche globale Katastrophe wird abgewendet durch Kompromisse der herkömmlichen Systeme?“ Auch ich finde diesen Punkt erstaunlich, allerdings verweise ich genau an diesem Punkt nochmals darauf, dass es das Ziel der Manifestanten ist, möglichst viele Menschen inhaltlich einzubinden, weshalb sie strategisch-politisch auf dem Bestehenden aufbauen. Auch hier wiederhole ich mich.
      3) Wenn Sie sich auf Proudon beziehen würden, der sagte: Wer Menschheit sagt, der lügt, könnte ich Ihnen folgen. Nicht aber beim Vorwurf des vermeintlichen verstehbaren „faschistoides human engineering“. Dies einfach eine Verleumdnung und durch absolut nichts belegbar.
      4)“‚…denen, die sich in den Prinzipien des Konvivialismus wiedererkennen, möglich sein, auf die bestehenden politischen Spiele radikal Einfluss zu nehmen und alle ihre Kreativität aufzubieten.’Dies steht in krassem Widerspruch zur vorherigen wachsweichen Beschwörungen und Kompromissen.“ Sehe ich nicht so, weil die AutorInnen auf einer halben Seite darauf hinweisen, dass Vieles heute bereits stattfindet, in unserer Gegenwart und mit Mitteln, die so gar nicht radikal sind. Und ein radikaler Einfluss ist butterweich, wenn er nicht konkretisiert wird.

      Gerade weil es inhaltlich wenig ergiebig ist, bin ich der Meinung gewesen, die kommunikative Funktion betonen zu müssen. Außerdem: wenn jeder sich so eingehend mit dem Schriftstück beschäftigt, wie wir beide, hat es sein Ziel schon erreicht, denn es wird auch seine Anhänger finden. Mehr gibt es zu dem Thema von meiner Seite nicht zu sagen, außer, dass es ein wichtiger Versuch ist.

  3. alphachamber sagt:

    Ich bedanke mich für die interessante und respektvolle Diskussion.
    Mir liegt noch an 2 Klarstellungen:
    1. In Diskussionen benutze ich nicht das Instrument der Häme. Der Begriff „p/k“ scheint mir beschreibend.
    2. „…Proudon … der sagte: Wer Menschheit sagt, der lügt…“.
    P. schrieb: „Wer G o t t sagt will betrügen…“ M e n s c h h ei t war eine Abwandlung von Carl Schmitt.
    „…Dies einfach eine Verleumdnung und durch absolut nichts belegbar.“
    Ich schrieb bewusst: „k ö n n t e man…faschis t o i d…verstehen…“, nicht: lässt sich nur faschistisch verstehen. Sicher erkennen Sie den Unterschied. Zwar keine BE-weise, aber HIN-weise gibt es genug. Ich zitiere:
    „Es geht darum, einen neuen, radikalisierten und erweiterten Humanismus zu erfinden, und das bedeutet die Entwicklung neuer Formen der Menschlichkeit.“ (58) Nicht nur das Erbe der gesamten Menschheit soll angetreten, sondern auch das Denken verändert werden.“ Das s i n d nachweislich faschistische (damit auch kommunistische) Bauelemente. Nachzulesen bei Mussolini + Lenin.

    Ich habe von Ihnen gelernt. Alles Gute für Ihre neuen Projekte.

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