Das konsequente „nicht genug“

Veröffentlicht: 20. September 2014 in Kultur, Politik
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Ich distanziere mich, ich distanziere mich streng, ich distanziere mich strengstens und aufs strengste. Nur einmal? Nicht jedesmal? Nicht im vollen Umfang? Nicht für jede Gruppe aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft und für alle Handlungen, die man mit euch irgendwie verbinden könnte?

Es ist ein wenig so, wie mit dem Hasen und dem Igel. Das Thema Islam, Islamismus und die Mitverantwortung für die Mitglieder des eigenen Glaubens. Das geht den Deutschen jüdischen Glaubens mit Israel so, wie es allen Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland mit den Gruppen im Nahen Osten so geht. So wie die SPD mal als fünfte Fünfte Kolonne Moskaus bezeichnet wurde, stehen die hier lebenden Muslime „unter dem Generalverdacht, eventuell mit dem feindlichen Ausland zusammenzuarbeiten“ (oderzumindest zu sympathisieren). Nur nannte man die Fünfte Kolonne bezüglich der Muslime „Schläfer“ und es ist nicht möglich sich davon zu distanzieren, weil jede Aussage automatisch das Gegenteil heißen kann.

Am 26.08.14 warf Alice Schwarzer in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ Aiman Mazyek dem Vorsitzenden des „Zentralrats der Muslime“ vor, der Zentralrat habe sich zu spät „vom islamistischen Terror“ distanziert. Keine Minute später wendet sich sie sich an die anwesende muslimische Journalistin Khola Maryam Hübsch und freute sich, dass diese sich distanziert habe. Nachdem sich also der Zentralrat distanziert hat, muss dies offenbar noch jedE einzelne tun. Interessant ist aber vor allem die Intervention von Mazyek: er weist darauf hin, dass dies genau das sei, was man die letzten zwanzig Jahre getan habe. „Nein, nein, nein“ ist die Reaktion Schwarzers. „Sie müssen endlich anfangen.“ Und von was haben sich die Muslime nicht alles distanzieren müssen: dem 11. September 2001, der Hamas, den Taliban und nun von der IS.

Gegenüber der katholischen Nachrichtenagtur hat Mazyek dies schon am 07.09.2011, also vor drei Jahre zur Sprache gebracht.

„KNA: Es gab Vorwürfe, Islamvertreter hätten sich [nach dem 11 September 2011, K.] danach zu wenig vom Terrorismus distanziert.

Mazyek: Wer das behauptet, ist schlecht informiert oder ignoriert die Tatsachen. Die Islamverbände in Deutschland und Gelehrtenräte von Rabat über Mekka bis nach Kuala Lumpur haben Terror als Mord etliche Male scharf verurteilt. Nach den Anschlägen in Madrid und London beispielsweise haben tausende Muslime gegen das Töten demonstriert. Die Muslime in Deutschland zeigen jeden Tag, dass sie hier friedlich leben wollen und mit Extremismus nichts am Hut haben. Wie viel Distanzierung braucht es denn noch?“

Aber sie können sich nicht distanzieren, weil des Schwarzer und die Mehrheitsgesellschaft ist, die offenbar entscheidet, wann und in welchem Umfang die Distanzierung glückt.

Dabei gibt es mittlerweile immer am Tag der Deutschen Einheit den Tag der offenen Moschee, die verschiedenen muslemischen Verbände waren Teilnehmer der Islamkonferenz des Innenministers und haben sich auf die Ausbildung der IslamkundelehrerInnen an deutschen Universitäten  eingelassen. Und all dies verschaffte ihnen immer noch keine Glaubwürdigkeit. Verfehlungen egal welchen Ausmaßes genügen, die Muslime in die Ausgangslage zurückzuwerfen und von ihnen eine (weitere) Distanzierung zu fordern. Wenn dies keine ideologische Figur ist?

Gestern haben Muslime erneut „gegen Terror und Gewalt“ der IS aber auch gegen die Islamophobie in Deutschland demonstriert. Dass dies gleichzeitig passiert, ist fast schon ein Zeichen. Dass der Innenminister in seinem Statement dazu aufrief, gemeinsam auf die Jugend aufzupassen, um den Anzeichen der Radikalisierung (Islamismus hier, Islamfeindlickeit dort) zu begegnen, ist eine Umarmung aus großer Distanz. Das Sprichwort vom Zuckerbrot und der Peitsche wäre eine Verharmlosung: Die Muslime sind zum Spielball geworden, zwischen Vereinnahmung und Maginalisierung. Es sind ist an der Zeit die Mehrheit der Muslime in Deutschland zu sehen und sie nicht nur als fünfte Kolonne von irgendwem wahrzunehmen, wenn es gerade nicht mehr anders geht. Alles andere ist kulturell aufgeladene Diskriminierung.

Und bevor mir irgendwelche Klagen kommen: distanziere ich mich hier ausdrücklich auch auf höchste , weiteste und tiefste von islamistischer Gewalt, es geht hier rein um die Sündenbockpolitik.

 

 

 

 

 

 

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Kommentare
  1. tikerscherk sagt:

    „Es sind an der Zeit die Mehrheit der Muslime in Deutschland zu sehen und nicht nur als fünfte Kolonne von irgendwem wahrzunehmen, wenn es gerade nicht mehr anders geht. Alles andere ist kulturell aufgeladene Diskriminierung.“

    Genau das ist es. Dein Beitrag spricht mir aus der Seele.

  2. […] zu verteidigen. Wo sind die Muslime, die für Meinungsfreiheit auf die Straße gehen? Es ist Zeit für ein Zeichen. Ein Debattenbeitrag von Ibrahim […]

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