Der Saubermann im Wandel der Zeit

Veröffentlicht: 10. September 2014 in Gesellschaft, Popkultur
Schlagwörter:, , ,

genosse sauberVielleicht liegt es ja mehr an mir als an Mr. Clean, der bei uns Meister Proper heißt. Weniger muskulös und dafür potenter, so präsentiert sich mittlerweile der alte Putzlump.Vielleicht ist es tatsächlich so, dass die Erinnerung an Mister Proper, die an die alte BRD ist, „während Ariels Klementine und Meister Proper längst tot sind, aus Raider Twix wurde und die Pril-Blumen den Renovierungsabeiten in den Küchen unserer Großeltern zum Opfer gefallen sind.“ Doch da hat sich Axel Brüggemann getäuscht, Mr. Proper lebt!

Eigentlich ist es komisch, dass der Meister der Sauberkeit ein Mann ist, denn zu seiner Entstehungszeit und wahrscheinlich auch heute noch arbeiten mehr1988 Frauen mit Putzlappen als Männer. „Im Jahre 1967 erblickte Meister Proper das Licht in Deutschland. Sofort begann er fleißig mit seiner Arbeit und brachte im Nu alles auf Hochglanz.“ Als ob er selbst zu Wedel greifen würde. Doch wie Käpitän Iglo, dem Herrscher der panierten Fischstücke, hat Proper die Aufsicht über die Kombüse, das Bad und den Boden. Ein Mann, und was für einer: stark, groß und muskelös. So zumindest hatte ich ihn so in Erinnerung. Und als Belohnung, wenns denn richtig glänzt, lächelt Mr. Clean der braven Hausfrau entgegen. Eine Mischung aus kahlem Pirat mit der Aura von Bud Spencer als Fleischengeist, Oberarme wie Sylvester Stalone und dem Lächeln eines betrunkenen Terence Hill. So kann man ihn im Spot von 1988 und zu Beginn der Werbung von 2012 sehen. Die Verkörperung der 80er.

Schaut man sich heute  Filme aus den 80ern an, dann kommt fast zwangsläufig der Typ mit der Pumphose und den aufgepumpten Oberarmen vor, den ich vereinzelt auch mal im Freibad bestaunt habe. Es war die Zeit als man Fitnessstudios noch Muckibuden nannte und in meinen ehe ländlichen Umfeld gab es nicht so furchbar viele. Haug weist aber darauf hin, dass in dieser Zeit täglich neue Fitness-Center aufgemacht wurden (Haug. W.F. (2013, Die kulturelle Unterscheidung, 130). Mein individueller Eindruck scheint aber im zweiten Punkt zu täuschen, so verweist Simon Graf darauf, dass schon in den 1970ern die Bodybuilder ausgegrenzt wurden (Graf, 2013, 143). Mein Eindruck war ein anderer.  Auch konnte ich nicht entdecken, dass außer einem seltsamen ästhetischen Empfinden etwas dahinter steckte. Eindimensional wie unser Saubermann schienen mir jene Bankdrücker.

1995Meinen persönlichen Erinnerungen nach, änderte sich dies langsam und schleichend während der 90er und entfaltete sich in den 2000ern, als Massenphämomen, bis auch ich reichlich verspärtet irgendwann zirkelte. Heute hat jedes Dorf, das etwas auf sich hält, entweder selbst ein Studio oder aber, dieses ist zumindest doch noch gut zu erreichen. „Fitness etablierte sich nicht einfach als beliebte sportive Körperpraxis, vielmehr ging ihr Aufstieg mit einer zunehmenden Hegemonie des Diskurses über Selbstverantwortung und die Sorge um sich und seinen Körper einher.“ (Graf, ebd.) Aus den Muckibuden sind dauerbeleuchtete verglaste Laufställe geworden, die dem Passanten ein schlechtes Gewissen beibringen und unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Und sie sind 24 Stunden geöffent.

Da will ich ins einzige Kino in Siegen, freu mich auf einen Snak und was zu trinken und muss an so einem Fitness-Tempel vorbei. In der Folge und muss ich richtig standhaft bleiben, mich nicht von den Taccos abbringen zu lassen. Gefragt ist allerdings eine andere Art der Disziplin. „‚Willenstärke‘ wird zur Chiffre für […] preiswerte Souveränität. Zugleich aber ist alles durchgefärbt von oben als Durchfunktionalisierung und Inpflichtnahme. Mit dem Sieg über ‚den inneren ‚Schweinehund‘ tun die Privatmänner [und Frauen, K.] zugleich ihre Pflicht gegenüber ihrem entfremdeten Kollektiv.“ (Haug, 2013, 137). Und längst hat sich das Klientel als Mitgliederschaft in alle Gesellschaftsschichten ausgebreitet. Schuften verbindet. Work out.

„Der fitte Körper erscheint als Versprechen, nicht zu erkranken, und Fitness wird zu einer Strategie der Selbstermächtigung, um ein Burnout zu überwinden. Eine Hoffnung, die in der Konsequenz mit einem Diskurs über Selbstverantwortung und Selbstverschulden zusammenfällt und impliziert, dass Arbeitslosigkeit und Karriere, Erfolg und Misserfolg in den Händen eines jeden Einzelnen liegen.“ (Graf, 145). Blöderweise ist Sport aber auch gesund.

In der Fitnessgesellschaft werden die Muckis allerdings wieder mehr versteckt, bis auf den männlichen Bizeps, der eine Verheißung darstellen soll. Alternativ bietet sich der Dauerlauf (Jogging) an, allerdings ist dieser, wenn ich das richtig beobachte, eher etwas für IndividualistInnen oder jene, die gerade nicht ins Studio können. Und weil die Fitness nun unscheinbarer daherkommen kann, sieht man dies nun auch an Meister Proper. Der nun 2013etwas schmaler geworden ist und sich bis ins Schlafzimmer vorgeabeitet hat. 😉

Natürlich hätte man sich statt des propren Mr. Clean auch für die schwäbische Hausfrau als Werbeträgerin entscheiden können, aber erstens gab es Klementine schon für das Konkurrenzprodukt und zweitens hätte dies sicher den Charm einer Blockwärtin gehabt, ähnlich wie der motivierende Knabe in rot oben. Putzen ist doof.

 

 

 

 

 

Advertisements
Kommentare
  1. Die Betrachtungen über die Funktionen von Fitness heutzutage klingen plausibel.

    Allerdings würde ich noch – aus eigener Perspektive – hinzufügen, dass regelmäßige Besuche im Studio ein schönes Körpergefühl auslösen, die Endorphinausschüttung wird angekurbelt. Ich mag das sehr.

    Vielleicht ist es auch noch ein Kontrollding: Wenn man schon nicht den Verlauf des eigenen Lebens kontrolliert, so doch immerhin in einem begrenzten Rahmen den eigenen Körper. Was sich aber auch wiederum gut anfühlt, entlastend, stabilisierend. VG

    • kultgenosse sagt:

      Das ist ja das gemeine. Sport ist gesund und die Trimm-dich Bewegung hat ja auch an die Gesundheit gedacht. Problematisch ist es halt, wenn man Nicht-Fitness als Kriterium nimmt – Verbeamtung, beim Vorstellungsgespräch und in der täglichen Beurteilung des Gegenübers. Gefährlich ist diese gedachte Plausibilität: Übergewichtig, Stubenhocker, undeszipliniert, faul, ungesund, nicht-leistungsfähig. UNd die umgangsprachliche Wendung ein gesunder Geist in einem gesunden Köper, ist ja auch nicht neu. Gegen Sport ist nichts zu sagen. Semantisch würde ich deshalb zwischen Fitness und Sport unterscheiden, weil fit sein auch schon in die Ökonomen-Sprech eingegangen ist – fit für die Börse, fit für den Markt etc. auch ein Unternehmen kann also fit sein, aber nicht sportlich, oder durchtrainiert. Aber das ist meine persönliche Differenzierung.

  2. […] (Die Idee des demokratischen Konföderalismus) natürlich zu Medien und deren Nutzen und zur Popkultur. Hin und wieder habe ich es geschafft, Eindrücke und O-Töne von Veranstaltungen etc. zu […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s