Die Medien und die Anti-Politik

Veröffentlicht: 9. September 2014 in Gesellschaft, Politik
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Thesen: Die Teilnahme an der öffentlichen Kommunikation ist voraussetzungsvoll, die Kenntnis der politischen Traditionen und Erzählungen ist wichtiger Teil für ein Verständnis, das sich nicht nur in ein gesellschaftliches oben und unten auflöst. Das Desinteresse bzw. der Stolz unpolitisch zu sein, führt dazu, dass immer weniger politische Sichtweisen und Narrationen verstanden werden. Die Medien als die Verbreiter der Erzählungen werden mit ihnen zum Teil zurecht identifiziert.

Medienkritik kann man aus zwei Perspektiven betrachten, entweder isoliert oder als Symptom gesellschaftlicher Veränderungen: das Auftauchen populistischer Einzelpersönlichkeiten und Parteien, die als ein-Punkt-Partei auftraten und sich als anti-Politik- und anti-Parteien-Parteien ausgeben: die Piratenii und die Alternative für Deutschland oder soziale Bewegungen, wie die Mahnwachen für den Frieden oder Occupy.

– Betrachtet man die Medien zunächst als ein Systemiii, dann ist seine Funktion die des Gatekeapers, des Entscheiders über Themen und Wichtigkeiten und der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Wirklichkeit. Allerdings wird diese Funktion mit der Konkurrenz des Internets brüchig. Die User unterlaufen, diese wichtige Funktion der Medien, indem sie die Informationen für die Medien (Agenturen, PM) mitlesen. Sie können bestenfalls zu Agendasettern werden und Themen auf die Tagesordnung setzten. Allerdings sind sie dafür wiederum auf die herkömmlichen Medien angewiesen. Das Internet erlaubt es den Internetusern zudem Themen zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn sie es nicht in die Medien schaffen, und haben damit eine Möglichkeit des Urteils über das Präferenzsystem der Medien.

„Das große Misstrauen in politische Institutionen, die starke Unzufriedenheit mit der existierenden Demokratie und die geringen Einbindung in etablierte politische Organisationen verdeutlichen die Entfremdung gegenüber dem bestehenden politischen System. Die geringe Einbindung in bestimmte politische Szenen weist zudem auf eine schwache ideologische Festlegung hin, […].“iv

2. Dieses Misstrauen gegenüber dem System erstreckt sich auch auf die Medien. Wurde das Mediensystem vorher schon von als Teil von „denen da oben“ gesehen, hat die öffentlichkeitswirksame Demonstration der Vernetzung zwischen Politik bzw. Lobbygruppen und Journalismus durch die Kabarettsendung „Die Anstalt“ dies belegt. Hinzu kommt, dass eine eigene Verortung im politischen Ideenspektrum für viele nach eigenen Angaben nicht möglich ist (ebd.), was zu einer Skepsis gegenüber von zusammenhängenden politischen Ideen führt. Dass diese Skepsis, im Falle der Mahnwachen im Bezug auf die Außenpolitik erwachte, ist kein Zufall, wird diese doch auch von der Politik selbst als Interessenpolitik bezeichnet. Die Interessen werden jedoch kaum medial hinterfragt und so werden die Medien Teil der politischen Inszenierung erlebt. Die Kritik an der Russland-Berichterstattung ist daher Teil des Misstrauens gegenüber einer eindeutigen Schuldzuschreibung, die Medien und Politik weitgehend teilen.

3. Auch die AfD hat mit dem Euro, der mit der EU-Politik verknüpft wurde, ein außenpolitisches Thema aufgegriffen. Außer der Kritik am Euroist das Motto Ideologiefreiheit. „Wir verorten uns überhaupt nicht in diesem Rechts-Links-Schema, wir sind eine Partei des gesunden Menschenverstands“ erklärte Lucke mehrfach.v Bei den Piraten dominierten Protest und Kritik an den etablierten Parteien. Ihnen fehlten die politische Grundhaltung und das politische Thema, die ihre Politik in eine gesellschaftliche Richtung wiesen“ nennt Saskia Richtervi einen von drei Punkten, die die Piraten prägen. Sie sind die Anti-Parteien Partei der letzten Jahre und folgen damit den Grünen der 80er. Wurden die Piraten mit ihrem Thema Internetsicherheit und Demokratie als zeitgemäße Einpunkte-Partei wahrgenommen, wurde die AfD weitgehend medial gemieden. Weshalb sich die Medien aus Sicht der Mitglieder als Teil des Establishments erwiesen und die Distanz zu den Medien wuchs.

iDieser Text er schien leicht abgewandelt zuerst auf Publixphere.de

iiVgl. Saskia Richter (2013): Paradoxie gesellschaftlicher Revolutionen. Wie Grüne und Piraten den Zeitgeist verloren. (URL: http://www.bpb.de/apuz/172968/wie-gruene-und-piraten-den-zeitgeist-verloren?p=all)

iiiDamit ist nicht gemeint, dass es nicht auch abweichende Stimmen gibt, sondern, dass diese im Vergleich nur leise vernehmbar sind und wenig prominente Sendetermine haben.

ivPriska Daphi: Montagsmahnwachen: Internetaffin und postdemokratisch, in: Cicero. URL: http://www.cicero.de/blog/goettinger-demokratie-forschung/2014-08-14/internetaffin-und-postdemokratisch

vLucke: Wir sind nicht radikal, auf: OVB online. URL: http://www.ovb-online.de/politik/lucke-sind-nicht-radikal-3829626.html vom 3.9.2014

viSaskia Richter, a.a.O.

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