Marx und das Ernteschach

Veröffentlicht: 5. September 2014 in Literatur, Popkultur
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photo credit: ~MVI~ (warped) via photopin <a

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Ich war neulich in Trier, im Karl-Marx-Haus, das heute als Museumsaußenstelle der Friedrich Ebert Stiftung dient. Eine interessante Erfahrung, denn ich wollte schon lange hin, sooft ich das Autobahnschild Trier las. Auch wenn sich das Cafe Lecca als spannender erwies 😉

Zugeben, es ist sicher nicht leicht, den alten Zottel so darzustellen, dass jeder mit seiner Interpretation auf seine Kosten kommt. Nein, es ist unmöglich. Marx ist ein Standortvorteil und natürlich ist Marx ein Superstar. Die nette Dame an der Kasse machte sich gegenüber den deutschen Besuchern schon über die  Schulklassen aus China lustig, die ganz den Vorurteil gegenüber Japanern und Amerikanern folgend mit dem Bus anreisen, fotografieren und wieder in den Bus steigen. Dass das Mueseum und die Marxköpfe in allen Farben geradezu danach schreien, Ikonenkult zu betreiben, war der Mitarbeiterin wohl nicht klar.

„Orthodoxie in Fragen des Marxismus bezieht sich ausschließlich auf die Methode.“ (Lukács: Was ist orthodoxer Marxismus?, in: Geschichte und Klassenbewusstsein). Zum gleichen Schluss kommt auch das Museum in seinem letzten Raum und entlässt mit einem ähnlich lautenden Text die Besucher nach Hause. Allerdings nicht nur aufgrund der Austellung hatte ich den Verdacht, dass sich die Friedrich-Ebert-Stiftung  und die SPD sich mit diesem Verweis eher distanzieren. Zumindest aber erscheint Lukács deutlich glaubwürdiger, als die Sozialdemokratie.

photo credit: julia_HalleFotoFan via photopin cc

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Aber selbstverändlich habe ich ebenfalls kommerziell dem Superstar gehuldigt. Unter anderem mit dem Buch „Jonathan Meese, Slavoj Zizik. Ernteschach dem Dämon“ herausgegeben von Robert Eikmeyer. Meese kannte ich eigentlich sehr wenig und am meisten präsent war er mir durch seinen Hitlergruß, aber auch durch das mir nicht einleuchende Konzept der Diktatur der Kunst. Aber dieses Büchlein, in dem die getrennt geführten Interviews mit Meese und Zizek abwechselnd auf Doppelseiten abgedruckt sind, bietet sowohl Einsichten über die Revolution der Kunst bei Meese und eine interessante Einführung zu Zizek. Allerdings muss man beachten, dass das Buch bereits 2007 erschienen ist. Alles erschließt sich mir bei Meese zwar nicht, aber das ist ja manchmal spannend. Etwa:

„Die Getreidekammer möge uns regieren. Jeder kriegt sein Korn ab, das schält sich, es gibt das Mutterkorn, das ist so ultimativ interessant, was da stattfindet, das ist ein Geheimort.“

Erstaunlicherweise ergänzen sich die Interviews teilweise, obwohl Meese von Kunst und Zizek über die verschiedenen Marxinterpretationen spricht.  Besonders erhellend sind die kleinen Widersprüche beim Popmarixisten Zizek.  Ein erstaunliches Buch. Ansprechend gemacht und interessant, etwas abseitig, aber das ist manchmal, das beste.

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Kommentare
  1. andreabreuer sagt:

    Da wollte ich schon immer mal hin – und ins Cafe Lecca jetzt auch… 🙂

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