Ich, der Kapitalismus und ich

Veröffentlicht: 26. Juli 2014 in Popkultur
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copy left K. Alidusti. Nein, kein verwunschenes Märchenschloss sondern ebenfalls London.

copy left K. Alidusti. Nein, kein verwunschenes Märchenschloss sondern ebenfalls London.

 

Ich hatte mir vorgenommen noch ein wenig mehr zum Thema User im Zusammenhang mit den Überlegungen zum Internet im Kapitalismus zu schreiben. Wer meinen Blog verfolgt, hat vielleicht bemerkt, dass ich mich dem Thema auf unterschiedlicher Weise angenähert habe. Jetzt versuche ich ein paar Überlegungen dazu.

Erst dachte ich, die Kritik an der Popkultur könnte weiterhelfen. Das erwies sich als wenig fruchtbar, weil dies eine Ahnung von Ästhetik voraussetzt, die ich als Nicht-Musikant schwer nachvollziehen kann.

Als nächsten Schritt dachte ich an Gramsci und die Culture Studis, da hier scheinbar eher das Individuum betont wird und einzelne Praxen in den Vordergrund treten. Zugleich werden aber wieder neue Gr0ßgruppen geschaffen, die Arbeiter, die Frauen, die Afro-Amerikaner etc. Was klar ist, sonst schriebe man ja eine Biografie. Also bleibt nichts anderes übrig als Musterfrauen und -männer anzunehmen. „Praktiken ermöglichen also auch subordinierten und maginalisierten Gruppen, über ihre Lebensbedigungen zu verfügen und bis zu einem gewissen Grad Kontrolle über sie auszuüben.“ (Winter, 2001, Die Kunst des Eigensinns, 268) Das gestaltet sich allerdings schwierig, da Jürgen Fenn m.M. nach zurecht darauf hingewiesen hat, dass es alleine verschiedene Generationen User gibt, die unterschiedliche Wahrnehmungen des Internets haben, was sich in den verwendeten Metaphern niederschlägt. Tatsächlich haben etwa viele jüngeren User facebook wieder verlassen, während middleager und oldies noch damit spielen und von anderen Tools noch nichts gehört haben etc. Auch muss man m.M. nach das Schreiben bei facebook in den meisten Fällen, wenn auch nicht durchgehend, vom Bloggen unterscheiden. Und noch mal zwischen denjenigen unterscheiden, die weiterhin auch die sog. Leitmedien nutzen und jenen, die sich völlig davon gelöst haben.

Da ich über niemanden mehr aussagen kann, als über mich, will ich mal ganz unbescheiden, mich als Beispiel nehmen. Ich will kurz von zwei Entdeckungen erzählen, die mir ein wenig die Augen über mich geöffnet haben. Die erste war der Klassiker „Die feinen Unterschiede“ von Pierre Bourdieu. Und es wurde für mich eines der wichtigsten Bücher, die ich gelesen habe, denn es hat mir viel bei meiner Eigenwahrnehmung geholfen, indem es mir die Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und kulturellen Praktiken erklärte. Auch meiner eigenen.

Die zweite Einsicht kam mir beim Betrachten meiner Bilder. Ich fotografiere gerne und meine Aufnahmen sind soweit ganz ok, finde ich. Als Lokalschreiber der auch fotografierte, habe ich sowohl beruflich als auch  privat viel fotografiert. Und als ich mir einen Überblick über meine Fotos schaffte, fiel mir etwas auf. Irgendwie sehen alle so aus, als hätte ich genau so fotografiert, wie ich es bereits vielfach gesehen habe. Besonders deutlich wurde es, als ich in Berlin am Denkmal für die ermordeten Juden Europas einen Mann beim Sprung von einer Stehle auf eine andere ablichtete. Schönes Bild und schon beim Abdrücken wußte ich, ich fotografierte, weil ich das Bild schon kannte. Seitdem weiß ich, dass die eigentliche Kunst der eigene Blick ist, was aber immer schwieriger werden dürfte. Weil nicht nur ich durch Postkarten, Film, Fernsehen und Werbung optisch vorgeprägt bin und zwar nicht nur in der Motivauswahl, sondern auch in der Perspektive.

 

copy left K. Alidusti. Londoner Subway. Irgendwie bekannt aus Film und Fernsehn, mein Genschmack war wohl gelenkt.

copy left K. Alidusti. Londoner Subway. Irgendwie bekannt aus Film und Fernsehn, mein Genschmack war wohl gelenkt.

copy left K. Alidusti Könnte auch aus dem Süddeutschen Magazin sein, oder?

copy left K. Alidusti. Könnte auch aus dem Süddeutschen Magazin sein, oder?

copy left K. Alidusti: Pub in London

copy left K. Alidusti: Pub in London

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

copy left K. Alidusti. vitra design museum

copy left K. Alidusti. vitra design museum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich hatte nie auch nur vor bei der Auswahl der Motive jemanden nachzuahmen, dafür kenne ich weder die Fotografie als Kunst, noch entsprechende Fotografen gut genug. Meine Ahnung geht gegen Null.

Vielmehr ist es ein unbewußtes ästetisches Empfinden, geprägt durch die optischen Eindrücke, die mich umgeben, das mich dazu gebracht haben, etwas zu schön zu finden, das auf einem Foto wie ein Plagiat erscheint. Wahrscheinlich ist das für einen Absolventen der Kunsthochschule kalter Kaffee, für mich war das ein Aha-Effekt.

Na und?

Wenn ich jetzt ein bisschen abstrahiere, ergibt sich folgendes Bild. Ich nehme meine Umwelt wahr, verarbeite die Eindrücke und kann gar nicht anders als sie so darzustellen, wie ich sie erfahre. Aber genauso, wie ich lediglich Perspektiven und Motive übernehme, übernehme ich einen Schein von Wirklichkeit. Die Postkartenwirklichkeit wird lebendig.

 

 

 

 

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