„Kill your darlings“ oder „Hang the DJ“?

Veröffentlicht: 10. Juli 2014 in Gesellschaft, Kultur, Politik, Popkultur
Schlagwörter:, , ,

Ich verpass ja immer das Wesentliche, aber heute habe ich einen der letzten Artikel der Kolumne von Eric T. Hansen mit dem schönen Titel: Tötet die Kultur!“ gelesen. Spannend.

Bei meiner Aliassuche habe ich mir ein paar Gedanken gemacht, nicht aber um die Kultur beim Kultgenossen, obwohl ich gegenüber Hohlphrasen, Kultur ist dies zum Teil, allergisch bin. E und U sind nur etwas für Puristen, was ich vielleicht aber auch nur so sehe, weil ich für klassische Musik nicht viel übrig habe. Das über Nachdenken über Kultur ist häufig auch eine Reflexion der politischen und sozialen Bedingungen, die Aussagen hierzu findet man offensichtlich oder versteckt in der Kunst und Bewußtseinsindustrie. 

Eric T. Hansen schreibt seit zwei Jahren für Zeit-Online und hat acht Bücher geschrieben. Wobei die Intention des letzten Buches folgende ist: „Deutschland, werd’ erwachsen.“  Als amerikanischer Journalist und Autor hat er einen Vortrag im Rahmen des NZZ-Podiums «Amerika – Mission und Wirklichkeit» gehalten, den die NZZ veröffentlichte. Da ich nicht die gesamte Reihe auf ZEIT-Online lesen möchte, nehme ich diesen Artikel als Ergänzung des Artikels auf ZEIT-Online. Dabei muss ich zugeben, dass einige der Punkte aus der NZZ durchaus plausibel sind und stimmen, zumindest auf der beschreibenden Ebene.

Die Frage, die sich Hansen stellt, ist die: Die USA ist in der Wahrnehmung der Europäer auf dem sinkenden Ast, doch was tun sie, um die Nachfolge anzutreten? Sie sind nicht bereit dazu, ist seine These.

„Man sollte es ruhig aussprechen: Europa hat das Potenzial, vielleicht sogar die Verantwortung, zur dritten Supermacht des 21. Jahrhunderts zu werden.“ Und „Viele Europäer freuen sich, dass die Kräfte der USA momentan am Schwinden sind, weil sie das Gefühl haben, dass jene Europas im Vergleich dazu steigen. Tatsache ist aber, dass Europa genauso an Machtschwund leidet, so dass sich im Verhältnis faktisch gar nichts ändert. Will Europa wieder aufsteigen, reicht es nicht, mit dem Finger auf Amerika zu zeigen – es muss selber aktiv werden.“

Genau hier setzt Hansens Artikel auf Zeit-Online ein. Schon in der Unterüberschrift geht es zur Sache: „In Zeiten des Wandels braucht es furcht- und schamlose Freidenker, keine gehemmten Epigonen.“ Wer häufiger hier vorbeischaut, mag sich bei dieser Formulierung an das atomisierte Denken erinnert fühlen, doch dies ist hier mitnichten der Fall. In welchen Kontext er sich einordnet, dazu kommt er selbst schnell zu sprechen.

Der Artikel beginnt mit dem Zitat von Arthur Quiller-Couch “ „Kill your darlings“ – „Tötet eure Lieblinge.“ Hatte der Professor sich an Schriftsteller gewandt, münzt Hanson dies auf das „deutsche Volk“, das seit dem Fall der Mauer „an einer äußerst zähen Neuerfindung seiner Selbst“ arbeitet oder arbeiten sollte.

„Oder Herr Gauck: Er wird nie müde zu betonen, dass Deutschland Verantwortung in der Welt übernehmen muss, und dass diese in äußersten Fällen militärische Einsätze einschließt. Das ist neu. Das Deutschland, das ich in den achtziger Jahren kennenlernte, wird in den kommenden zehn oder 20 Jahren ganz verschwunden sein. Gott sei Dank. Nur eins fehlt den Deutschen in dieser Zeit des Wandels: Kultur. Genauer: eine Kultur, die in der Lage ist, diesen Wandel zu reflektieren, zu hinterfragen und zu begleiten“

Die bisherige Kultur scheint für diese Mission wenig tauglich, das ist zunächst mal positiv und erstaunlich. „Was man heute als deutsche Kultur bezeichnet, ist in Wahrheit eine Kultur, die vor Hunderten von Jahren für eine winzige Elite einiger feudaler Kleinstaaten geschaffen wurde, die nicht mehr existieren. Goethe und Schiller sind keine Autoren der BRD.“ So weit hat Hansen eindeutig recht. Was für die kleine Schicht des aufkommenden Bürgertums geschrieben wurde, ist in der nachbürgerlichen Gesellschaft immer noch Kanon und scheint oberflächlich betrachtet nicht zu passen. Diese  Hochkultur war schon bei zwei Anläufen zur Weltmacht unzeitgemäß und unpassend. Insofern hat Hansen recht, dass diese Künstler nicht für eine Politik taugen, wie sie der Pfaffe Gauck predigt. Auf der anderen Seite hat niemand dieses Erbe angenommen, sondern wenn es sein musste uminterpretiert. Als „Bildungs- oder Kulturgüter“ boten sie keinen Schutz vor primitives Großmachtdenken. Dass Hansen Grass und Böll ebenfalls aufgrund ihres Geburtstdatums als wichtige und auch intellektuell prägende Figuren der BRD ebenfalls ausschließt, ist allerdings willkürlich.

Als Rezept nennt er die inhaltlich  nicht festgelegte Popkultur. „Wir hatten die innere Freiheit, alles neu zu erfinden – weit weg von den verknöcherten Strukturen Europas konnten wir uns mit den Dingen beschäftigen, die uns wirklich bewegten. Nur so konnte die mächtigste Kultur der modernen Welt entstehen: die Popkultur.“ Dies ist die Frage. Bewegte die Popkultur tatsächlich die Menschen, oder ist die Popkultur und ihre Verbreitungswege so taub für die Realität, dass es sich empfielt erst gar nicht auf den Inhalt zu hören? Sonst passiert, was man über die Entstehung des Liedes „Panic“ von The Smith erzählt.

„A story circulated as the basis for the song is that days before recording the song, Marr and Morrissey were listening to BBC Radio One when a news report announced the Chernobyl disaster. Straight afterwards, disc jockey Steve Wright played the song „I’m Your Man“ by Pop duo Wham!. „I remember actually saying, ‚What the fuck does this got to do with people’s lives?'“ Marr recalled. „We hear about Chernobyl, then, seconds later, we’re expected to jump around to ‚I’m Your Man'“. While Marr subsequently stated that the account was exaggerated, he commented that it was a likely influence on Morrissey’s lyrics.[4] The band even commissioned a t-shirt featuring Wright’s portrait and the phrase „Hang the DJ!“ Entsprechend heißt ein Vers des Liedes:

„Burn down the disco
hang the blessed dj
because the music that they constantly play
it says nothing to me about my life

 

Dass dieses Lied ein Hit wurde und kontextlos im Radio läuft, ist bezeichnend dafür, dass Kritik im Pop nicht ankommt. Insofern bietet sich Pop dafür an, wenn Kritik unerwünscht ist.

„Die Ära, die Deutschland im 21. Jahrhundert bevorsteht, könnte zur aufregendsten Zeit werden, die die Deutschen je durchmachen. Aber wie soll das kommuniziert werden, wenn es keine begleitende Kultur gibt, die aktuell, relevant und von furcht- und schamlosen Freidenkern für ihre Zeitgenossen geschaffen wird.“ Spätestens an der Stelle muss die Frage gestellt werden, was steht bevor und wofür soll die Popkultur die Begleitmusik liefern? In diesem Artikel lässt sich nur der Hinweis auf Gaucks Position als Antwort lesen. Und im NZZ Artikel der bereits zitierte Passus: „Will Europa wieder aufsteigen, reicht es nicht, mit dem Finger auf Amerika zu zeigen – es muss selber aktiv werden.“

In Hansens Artikel geht es nicht um Kultur, sondern um die gute alte militärische Marschmusik. Kultur ist, was Größe schafft. Pfui deibel.

Aktualisiert am 15.7.14

 

Advertisements
Kommentare
  1. tikerscherk sagt:

    Was findet Hansen so verkehrt am Deutschland der 80er Jahre?
    Zuviel Sozialstaat?

  2. Verfasser sagt:

    Um mal bei den Blogrebellen zu klauen&remixen: Deutsch mich nicht voll, möchte man da sagen. Immer schön irgendwer vs. irgendwen anders. Europa gegen USA auf dem Schlachtfeld der Kultur, wenn sein muss.
    Was stimmt: Es ist die Popkultur, die längst global ist. Und längst global an die Kandare der kapitalistischen Verwertungslogik genommen wird. Aber hey, so eine aufgehübschte Deutsche-Leitkultur-Debatte hatten wir ja lange nicht, und wohin auch mit dem Nationengefasel, wo die WM ja bald vorbei ist.
    scnr, hab den Originaltext noch nicht gelesen, zugegeben 🙂
    (Ich nehm dich in Gedanken mit am Samstag, auf das Mühsamfest)

  3. sunflower22a sagt:

    Hansen. Typisch amerikanische Diskussion. Wozu sind Supermächte überhaupt gut? Ich will überhaupt keine mehr. Schön dass die USA auf dem absteigenden Ast sind. Schön dass Europa unwillig und unfähig zur Supermacht ist. Hoffentlich ist den Chinesen die Supermachtrolle zu teuer. Naheliegend wäre es. Die KP regiert über den wirtschaftlichen Aufstieg, nicht über teure Kriege. Gauck ist doch von vorgestern, alter Opa, geh endlich in Rente. Verantwortung heißt, eben nicht überall nur vom Militär zu schwafeln und von Supermachtrollen zu träumen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s