Freiheit oder atomisiertes Denken?

Veröffentlicht: 5. Juli 2014 in Gesellschaft, Politik
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„Zahme Vögel singen von Freiheit, wilde Vögel fliegen.“ Vielleicht kennt ihr den Spruch.  Es hing in der WG Küche einer Bekannten. Mich hat das Plakat immer fasziniert. Eine Zeitlang dachte ich, ich nehme Anlauf und fliege. Dann dachte ich, ich fliege. Danach sang ich noch von Freiheit und heute fällt mir die Melodie nur noch manchmal ein. Und als ich die Melodie nur noch als tonlos in mir verspürte, kaufte ich mir das Motiv als Aufkleber.

 

Den Anfang diese Beitrags habe ich bereist vor Tagen geschrieben und ich hatte so meine Zweifel, ob der online gehen sollte. Nun hatte ich am gleichen Tag, als ich so auf den Blogs so rumsurfte die Seite „Schlafschafe“ mit dem Beitrag „Entscheide dich dafür frei zu sein …  und du bist es“  gefunden. Und nun juckt es mich doch …

Es ist schon seltsam, in einer Gesellschaft zu leben, die sich einstmals als Teilder freien Welt bezeichnte (und im Vergleich zu zahlreichen anderen ist dies immer noch richtig). „Die Frage ist nun, wenn dieses schlafende Gesellschaft sich selbst als freie bürgerliche Gesellschaft träumt, wie dieser Traum aussieht.“ Das Plakat von den wilden Vögeln ist eine Variante. Die andere ist die Idee des Individuums. Keine Frage, wir sind alle Individuen.

Wem fällt da nicht „Live of Brain“ ein, als er seinen nicht willkommenen JüngerInnen zuruft: „Ihr seid alle Idividuen.“  „Ja, wir sind alle Individuen.“ „Und ihr seid alle verschieden.“ „Ja, wir sind alle verschieden.“ „Ich nicht!“ ruft ein Einzelner. Diese Szene ist göttlich, denn meiner Meinung nachverhält es sich tatsächlich so. Zu sich als Individuum Ja zu sagen, genügt nicht, das Nein ist konstituiv. „Sobald du aber anfängst an dich zu glauben und beginnst eigenständig zudenken ohne dich von außen manipulieren zu lassen, egal welche Meinung andere darüber haben, wirst du ein freier Vogel sein der nicht nur davon träumt zu fliegen, sondern wirklich fliegt!

photo credit: Eduardo Amorim via photopin cc

photo credit: Eduardo Amorim via photopin cc

Aber wilde Vögel sind klüger als wir, sie fliegen im Zug und nicht allein. Carina Bohnat, die Autorin, ist sich der Wechselwirkung der zwischen dem/der Einzelnen und der Gesellschaft bewußt, kann sich aber keine eindeutige Wertung abringen, wie stark dieser Einfluss ist.

Es ist deine Entscheidung dich wie ein Spielball von den anderen hin und her werfen zu lassen oder dir deinen eigenen Weg zu bahnen mit deinen eigenen Gedanken, […]. “ oder „Die Gesellschaft erschafft sie [Grenzen, K.] in unseren Köpfen um uns klein zu halten, um uns die Macht zu nehmen, damit sie ihren Traum von Geld und Macht umsetzen können. Unsere Träume sind ihnen dabei völlig egal, wir sind nur Mittel zum Zweck um ihre geldgierigen Pläne um zu setzen.

Können wir nun selbst bestimmen, ob wir frei sein wollen oder werden unsere Grenzen von anderen gesetzt? Beides und damit hat Bohnat recht. Nur, selbst wenn wir entscheiden, dass wir frei sein wollen, wird uns das ohne die Hilfe anderer auch nicht gelingen. Selbst das Nein braucht, wenn es Folgen haben soll, ein Gegenüber. Dennoch hat sich eine Idee des Individuums entwickelt, die ständig reproduziert wird.  Der Außenseiter, der widerspentige Rentner, der Säufer, wie in Leaving Las Vegas, oder Forrest Gump, der mit einem „Intelligenzquotient von nur 75„, die Welt herzlicher betrachtet und aggiert als alle anderen. Die Reichen und Schönen gehören genauso dazu, wie die der Rockstar und Tramp. Freiheit gibt es nach dieser Erzählung nicht in der Gesellschaft sondern nur außerhalb. Damit kehrt sich um, was vor dem Christentum als gesetzt galt, dass der Mensch nur in der Gesellschaft frei sein kann. Deshalb hat Aristoteles schon bemerkt: „Wer aber nicht in Gemeinschaft leben kann, oder, weil er sich selbst genügt, einer solchen nicht bedarf, der ist entweder ein Tier oder ein Gott.“

Eine Sphäre reinen Wissens? Gibet net!

Seit Jahren hören wir von Parteienforschern, dass die Bindungskraft der Volksparteien (nein, nicht die AfD) verloren gegangen ist. Das alleine wäre ja möglicherweise nicht ganz so furchtbar, aber vielleicht sind die ja fast schon programmatisch formulierten Gedanken von Bohnat ein Indiz für einen weit größere Veränderung. Meine Hypothese lautet: wir sind zurück in dem Stadium atomisierten Denkens, was eine Gefahr für die Vergesellschaftung bedeutet.

Karl Mannheim, ein Klassiker und Mitbegründer der Wissensoziologie hat von der Seinsverbundenheit des Wissens geschrieben und hat damit die sozialen, gesellschaftlichen und geistigen Gegebenheiten gemeint  in denen „geistige Gebilde“ auftauchen. Dabei geht er davon aus, dass es die Aufgabe der Wissensoziologie sei, „nachzuweisen, ob es zwischen den immanent herausgearbeiteten Denkstandorten und den sozialen Strömungen (sozialen Standorten) eine Korrelation, eine Entsprechung besteht.“ (Karl Mannheim: Das Problem einer Soziologie des Wissens, in: Karl Mannheim. Wissenssoziologie, Soziologische Texte, hrsg. von Maus/Fürstenberg, 1980, S. 375).

Er gibt eine Abfolge an, nach der sich das Wissen entwickelt hat. Die geistige Tätigkeit in der traditionellen Gesellschaft, die sich durch auszeichnet, dass sie sozial mehr oder wenig statisch und homogen ist, wodurch das tradierte Wissen lange Zeit eine Orientierung bietet, nennt Mannheim „das auf Konsensus basierte Denken“ (Die Bedeutung der Konkurrenz im Gebiet des Geistigen, in: Karl Mannheim. Wissenssoziologie, Soziologische Texte, hrsg. von Maus/Fürstenberg, 1980, S. 576).

In der nächsten Phase ist es eine starke Institution, die Kirche, die mit der Dominanz ihres Gedankengebildes die Gesellschaft prägt. „Den zweiten Typus repräsentiert jenes Wissen, das auf die Monopolsituation einer (zumeist ständisvch geschlossenen) Schicht basiert ist. Die mittelalterliche-kirchliche Weltauslegung, die chinesische Literatenweisheit usw. gehören hierher.“ (578)  Auch hier wird die Gesellschaft als statisch gesehen. Der Unterschied zwischen beiden Zuständen ist nur, dass das eine volkstümliches Alltagswissen, das andere theoretisch-theologisches Herrschaftswissen ist.

Mit dem Verlust der Macht und Bindungskraft der kirchlichen Weltauslegung beginnt eine Epoche, „die in ihrer grundlegenden Struktur dem nächsten Typus entspricht“, der „atomisierten Konkurrenz“ (581). Spontan denken wir dabei an das Bürgertum, aber das Deutungsmonopol bröselte erst mal innerkirchlich, das Bürgertum trug später das Seine dazu bei. Doch weil ich auf diese Phase gleich nochmal zurückkomme, hier est mal das Wesentliche: Es bildeten sich viele unterschiedliche Gruppen und Zentren u.a. auch „Universitäten und Akademien“ und „Lebenskreise“, die aus ihrer Perspektive und ihren Lebensumstände Ideen formulierten und die Deutungshoheit beanspruchten.

Nun kam es zu einem „Konzentrationsprozeß der konkurierenden Standorte“, indem unterschiedliche Bestandteile („Denkwollungungen“) ein und desselben „Denkstils“ sich als solche identifizierten, sich zummentaten und sich gegenüber  anderen Denkstilen in „Polaritäten“ gliederten. Die politischen „Denkplattformen“, etwa die des konservativen, liberalen oder sozialistischen Denkens, entstanden.

 

Neoliberale Denkfreiheit

Nach Mannheim muss die Basis der Untersuchung eines Denkstils einer Epoche mit der Gesellschaftsstruktur beginnen, um die Umstände des (wieder) Aufkommens einer Idee erklären zu können. Ich mach es mir mal leicht. Unter „Analysen & Kommentaren“ in der Zeitschrift Sozialismus schreibt Horst Arenz:

„Auch wenn mehr denn je unverzichtbar bleibt, auf die für die Individualitätsentwicklung notwendigen gesellschaftlichen Voraussetzungen hinzuweisen: Die gesamte politische Linke hat europaweit keine konsistente Antwort auf die mit Individualisierung und Alltagsleben im heutigen Kapitalismus verbundenen widersprüchlichen Prozesse, die auch die traditionelle Stellvertreterpolitik und die parteiinterne Diskussionskultur in Frage stellen.“

Dies soll als Beleg genügen, dass die politischen Plattformen als Kristallisationspunkte seinsgebundenen Denkens errodieren. Wenn die „Individualisierung“ ein Kennzeichen dieses Bröckelns ist, müsste es darum gehen, diese neu zu formieren. Wenn ich aber die obige Aussage: „Es ist deine Entscheidung dich wie ein Spielball von den anderen hin und her werfen zu lassen oder dir deinen eigenen Weg zu bahnen mit deinen eigenen Gedanken, […]“ repräsentativ ist, sind wir momentan erneut in der Phase selbstgewählem atomisierten Denkens, nicht wissend, ob und in wie die Re- oder Neuformierung einer Plattform aussieht. Auch ist die Frage, ob sich dieser Individualismus aus dem gegenwärtigen kapitalisitischen Strukturen samt neuer Kommunikationsmöglichkeiten ergibt oder die inhaltsleere Endmoräne des Neoliberalismus ist, nicht ganz unwesentlich.

Mannheim erkannte in der Phase der atomisierten Konkurrenz  des Denkens die Emanzipation von „den Ordo der Monopolistuation“. Eines der Schlagworte des Neoliberalismus war „Verkrustung“, die Darstellung des Vorgefundenen als ein System, welches aufgebrochen werden muss. Zwei Konsequenzen ergaben sich aber aus dieser Konkurrenzsituation: „Alles schien auseinanderzufallen, als lebte man gar nicht in ein und derselben Welt. An Stelle des Ordo trat die multipolare Weltsicht, die von mehreren Standorten her versuchte, denselben neuauftauchenden ‚Tatsachen‘ gerecht zu werden.“ (586). Der andere war der aufkommende Konzentrationsprozess. Vergegenwärtige ich mir, dass mit der Piratenpartei (Inhalte im flow), der AfD (Monothematik) und der Friedensbewegung 2014 („Ideologiefreiheit“) innerhalb einer scheinbar kurzer Zeit Strukturen auftauchen, populär werden und wieder abtauchen, kann ich darin unter Umständen unterschiedliche Fassungen eines Denkstils auf der Suche nach einer Plattform finden.

Arenz weist auf einen weitern Umstand hin, die „Akademisierung der Arbeitswelt, festzumachen u.a. an der ‚drastischen Verringerung der Lehrberufe‘, womit sich diese Individualisierung „geistiger Schichten“ als Begleiterscheinung der Veränderung der Sozialstruktur interpretieren ließe, wobei die andere Seite, die Prekarisierung der AkademikerInnen, die sich zwangsläufig mit der steigenden Zahl einhergeht, ebenfalls mit in die Suchbewegung einer aktuellen Wissenssoziologie eingehen muss.

However, wir fliegen auch gedanklich im Schwarm unserer Zeit.

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Kommentare
  1. alphachamber sagt:

    Habe Mannheim gelesen und schätze ihn. Seine Konstrukte einer besseren Gesellschaft und Idee der Kompromisse sind allerdings etwas „weich“. Dafür hat er die Fehlannahmen des Marxismus weise bewertet. Es ist meine Ansicht, dass zu viel „social engineering“ betrieben wird (jeder ist heute ein „Soziologe“) und aber die philosophischen Grundlagen fehlen. Ohne philosophische Axiome kann man kaum weder menschliche noch gesellschaftliche Entitäten erkennen und leiten.

    • kultgenosse sagt:

      Ich habe mich auf die angegebenen Texte bezogen und den Anlass dagestellt. Die Idee der potentiellen Rolle der Wissenssoziologie als Schiedsinstanz könnte man im weitesten Sinne als social engineering betrachten, dies war aber gar nicht Inhalt meines Beitrags. Mannheims Intention war es ja gerade im Gegensatz zur Philosophie soziologisch-historisch sowohl die Gesellschaft als auch die Geistigen Gebilde und die Wechselwirkung zu beschreiben.

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