Für einen politischen Sport!

Veröffentlicht: 6. Juni 2014 in Gesellschaft, Politik, Popkultur
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Alle Jahre wieder muss diskutiert werden, nach welchen Kriterien nun sportliche Großveranstaltungen vergeben werden. Nee muss nicht. Solche Veranstaltungen sind weder gesund noch spaßig, zumindest für die, die den ganzen Zirkus aushalten müssen. Oder doch?

Gefühlt gibt es seit einem Jahtzehnt eine fortlaufende Diskussion um die sozialen und politischen Rahmenbedingungen, die an die Ausrichterländer gestellt werden. Nun könnte man meinen, dass die Diskussionen ja immer mindestens eine ganze Olympiade Vorlauf haben.  Tatsächlich gäbe es noch viel mehr Zeit sich über die Zustände zu sorgen, werden die Austragungsländer doch mit einigen Jahren Vorlauf festgelegt. Doch die Diskussion dauert meist nicht ganz so lange und ist meist auch schnell wieder vergessen. 2008 waren die Olymischen Sommerspiele in Peking, letzes Jahr waren die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau, dieses Jahr ist die Fußball- Weltmeisterschaft in Brasilien. Im nächsten Jahr finden die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking statt, gefolgt den Olympischen Spielen in Brasilien 2016, den Fußball-Weltmeisterschaften 2018 in Russland und in Katar 2022.

Nun steht man tatsächlich vor einem Dilemma. Schließt man die Länder aus, die einen nicht genehm sind? Welche sind das und warum? Schaut man sich die Liste an, finden sowieso vergleichsweise viele Großveranstaltungen in Europa statt. Drängt man die USA, Russland oder China dazu ihre Menschenrechtspolitik zu ändern? Russland vielleicht? Dort fanden die Leichtathletik-Spiele doch sogar während der sich zuspitzenden Proteste in der Ukraine statt. Doch die Athleten wehrten sich dagegen, dass immer sie protestieren sollten. Tatsächlich werden unsere Politiker u.a. dafür bezahlt, damit sie diesen Protest unterbreiten, nicht die Semiprofis von der Tartanbahn. Und wenn unser neoliberaler Bundespfarrer die Sperspitze des Protestes ist, weil er sich entschied abwesend zu sein, sollte dies doch zu denken geben. Stellt sich die Frage, ob das Nichtfliegen und der Nichtbesuch der Olympischen Spiele besser ist als das Nichtwählen, aber das wäre eine Nichtgeschichte.

Rück- und Vorausschau

Und dabei wurden unter anderem, weil zeitgleich in Deutschland das Coming out von Ex-Profi Hitzlsperger diskutiert wurde, Russland in diesem Jahr im Vorfeld sogar viele kritische Fragen  gestellt. Und das Triko des Teams aus Deutschland erinnerte manch einE an die Regenbogenflagge, die neben der Bedeutung der Toleranz noch eine in sich trägt: „Sie soll ein Symbol für lesbischen und schwulen Stolz darstellen, sowie gleichzeitig die Vielfalt dieser Lebensweise.“ Obwohl bereits im Spätsommer 2013 darüber diskutiert wurde, ob man angesichts der homosexuellenfeindliche Gesetzgebung die olympischen Spiele verlegen sollte, klebte der DOSB-Generaldirektor Michael Vesper am Neutralitätsgebot.

„Vesper erläuterte, selbstverständlich gelte für die Deutsche Olympiamannschaft und alle anderen Athletinnen und Athleten in Sotschi grundsätzlich das Recht der freien Meinungsäußerung. Beachtet werden müsse lediglich ein eigens für die Wettkampfstätten und Olympischen Dörfer zum Schutz der Veranstaltung geltendes Neutralitätsgebot, das helfe, die Spiele nicht zur Bühne für die zahllosen weltweiten politischen, religiösen oder ethnischen Konflikte werden zu lassen und deshalb demonstrative Gesten, Bekleidung oder Banner untersage.“

Bedenkt man, dass der Ort an dem JournalistInnen und SportlerInnen sich bei den Spielen hauptsächlich an den Orten treffen, die nach Vesper dem Neutralitätsgebot unterliegen, glich dies einem quasi-Maulkorb. Dass sich einzelne SportlerInnen doch während der Spiele äußerten, lag zumindest nicht am Deutschen Olympischen Sportbund. Dabei wurden sind die anderen kritikwürdigen Punkte, die den Bau der Sportanlagen in Sotchi betrafen, noch gar nicht angesprochen.

Die Zustände in Katar sind bekannt. Die  Arbeiter in Katar müssen unter Zuständen arbeiten, die hier in den Medien mit Sklavenarbeit vergliechen wurde und in der Tat war es das wohl auch, weil sie sie zum Teil unentlohnt verrichtet werden mussten. Es wurden einfach keine Löhne gezahlt. Ähnliche Aussagen hat man auch aus Russland gehört. Mitte Mai hatte Katar sich dazu entschlossen seine Arbeitsgesetze zu reformieren. Eigentlich könnte die FIFA damit richtig zufrieden sein, konnte sie sich doch gemäß des eigenen Wunschbilds darstellen. So schreibt die FIFA über Katars Entschluss: „Die angekündigten Reformen belegen den Willen der Behörden des Landes, den Schutz der Arbeitsmigranten zu verbessern und die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2022™ als Katalysator für positive soziale Veränderungen zu nutzen.“

Zwei Tage später hat sich Blatter darübert geäußert, dass die Vergabe an den Golfstaat ein Fehler gewesen sei. Dies bezog sich aber auf die Hitze, die die Spieler zu erleiden hätte, nicht auf die miserablen Zustände auf den Baustellen. Gleichzeitig deutete er an, dass bei der Abstimmung des Austragungsortes nicht alles ganz regelmäßig gewesen sein könnte. Nun ist in den Zeitungen zu lesen, dass aufgrund der Korruptionsvorwürfe eine Neuvergabe doch wieder im Gespräch ist. Böse könnte man nun spotten, dass nachdem Katar nun den Weg zu angemessenen Arbeitsbedingungen eingeschlagen hat, die FIFA eine Möglichkeit gefunden hat, den Austragungsort zu wechseln. Das österreichische Satiremagazin DIE TAGESPRESSE hat auch schon einen alternativen Austzragungsort gefunden. „FIFA zieht Notbremse: WM 2022 nach Burundi verlegt“.

Peking hat diese Woche das Gedenken an die Opfer der Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Platz des himmlichen Friedens gewaltsam verhindert. Und auch weiterhin gibt es politische Gefangene.

Wir wissen alles, na und?

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Schon seit mehreren Wochen hört und liest man von Protesten in Brasilien. Etwa davon: Demonstrierende Lehrer, die mehr Geld für Bildung statt für die WM forderten, haben sogar der Tourbus der brasilianischen Mannschaft angegriffen. Die Preise kann sich kaum einE BrasilianerIn leisten und es kommt zu vielfältigen menschlichen Kolateralschäden.“Die Fußball-WM bringt Brasilien moderne Stadien, neue Straßen und Metrolinien. Der Bauboom hat aber auch eine Schattenseite: In mehreren Städten mussten dafür Hunderte Wohnhäuser abgerissen werden, die Besitzer wurden enteignet, … “ berichtet der Deutschlandfunk ausführlich. Aber auch Kabel1  und die öffentlich-rechtlichen berichten. Ich glaube nicht, dass die Berichterstattung über die Auswirkungen der WM ganz an jemanden vorbei gehen kann. Gleichzeitig gibt es weitere Sendungen, wie brasilianisches Kochen und der ehemalige Fußballer Ailton hat nun seine kurze brasilianische Werbephase. Er wirbt mit Grillwürstchen am Strand und macht gemeinsam mit Thomas Müller eine Werbekampagne für Rewe.

In einem tollem Kommentar hat darauf hingewiesen, dass die Darstellung der Brasilianer

Wenn ich bei meinen Überlegungen bisher keinen Fehler gemacht habe, stellt sich das ganze so dar. Jedermann und Jedefrau weiß, dass Großveranstaltungen von den Ausrichterländern teuer bezahlt werden – weshalb, so konnte man lesen, immer weniger Gemeinden und Kommunen in den Industriestaaten besonders scharf darauf sind – bezahlt mit den Nebenwirkungen einer kapitalistischen Großinvestition, in der Land und Bewohner auf ihre Rolle als Arbeitskräfte und Konsumenten reduziert werden, aber kein Mitspracherecht haben. Die Informationen stehen zur Verfügung und spielen gleichzeitig keine Rolle. Spätestens wenn der Anpfiff ertönt, der runde Ball rollt und 90 Minuten lang ins Eckige muss, sind wir wieder ganz Sommermärchen und Fußballnation, ein Merkelkettchen in schwarz-rot-gold. Wochenlang gibt es täglich einen Blockbuster mit dem Rasen als Projektionsfläche, Publicviewing löst die Montagsdemos ab und erfüllt gleichzeitig deren Traum, kein Rechts und Links mehr nur noch wir, nur ausnahmsweise Merkel mit ihrer Regierungsbank, stattdessen der Bundeslöw und seine Mannschaft. Bauch und Beine, alle anderen Körperteile stören.

photo credit: boriskoch via photopin cc

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Was wir über die FIFA, das Internationale Olympische Kommitee und Korruption wussten, tritt nicht nur in den Hintergrund, sondern läuft in einem anderen Kino. Sollte es Versuche geben sollen, dran etwas zu ändern, müssten alle Profis sich einigen und geschlossen alle Spiele ausfallen lassen. Begründungen gibt es genug. Gemeinsam könnten die Spieler aller Länder auf den Straßen Brasiliens, an den Sandstränden denen ein Schauspiel liefern, die durch die Baumaßnahmen vertrieben wurden. Erst wenn die Sportler aufhören den Wahnsinn zu unterstützen, in dem sie die Schauspieler und Anästhesisten des Systems sind, werdenn auch die Zuschauer aufwachen. Nicht durch Nachrichten sondern dadurch, dass Sportler offen politisch werden. Ein Neutralitätsgebot für SportlerInnen ist zynisch, solange auch nur ein Menschenkind darunter leidet, dass sportliche Großveranstaltungen stattfinden.

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Kommentare
  1. sunflower22a sagt:

    warum sollten die SportlerInnen aufhören, den Wahnsinn zu unterstützen? dafür kassieren sie viel zu viel. Ich finde eher, den zuschauern könnte langsam der spaß daran vergehen….andere Gelegenheit „to have fun“ gibt es doch mehr als genug.

    • kultgenosse sagt:

      Stimmt genau. Aber es ist eben ein Spektakel, dient der Unterhaltung und bietet Indentifikationsmöglichkeiten. Warum sonst wurde „Das Wunder von Bern“ auch zum Kinohit? Und es lässt sich so schön konsumieren, man lässt ja Laufen, dabei wird leider alles andere zur Nebensache. Aber du hast total recht.

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