Eine Quelle der Inspiration: Michail Bakunin

Veröffentlicht: 31. Mai 2014 in Politik, Popkultur
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photo credit: fortinbras via photopin cc

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Für viele war und ist er ein Schreckgespenst, selbst für die Autoren, die 1848 behaupteten, ein Gespenst gehe um im Europa, das Gespenst des Kommunismus, und erst recht für die braven Bürger. Und ausgerechnet dieser Bürgerschreck wurde zum Kronzeuge des Systems gemacht, das er am meisten verabscheute, den Kapitalismus. Gestern vor 200 Jahren tat er (vermutlich) seinen ersten Schrei.

schwedische_bakuninIch bin einen Tag zu spät drann, mindestens zwei, wenn man ich den 200sten Geburtstag Michail Bakunins hätte ankündigen wollen.

 

 

 

 

 

 

 

Obwohl keine Party stattfindet, wird ihm dennoch gedacht, wenn hauptsächlich außerhalb Deutschlands und nicht unkritisch und manchmal auch mit ein wenig Häme. So zitiert die NZZ Bakunin aus einem leider nicht näher benannten Brief, den er „kurz vor seinem Tod“ geschrieben haben soll:

«Zu meiner grossen Verzweiflung muss ich feststellen, dass das Volk überhaupt keine Leidenschaft für die Revolution zeigt. Wie soll man die Massen denn organisieren, wenn sie nicht wissen, was sie wollen müssen, und wenn sie das nicht wollen, was allein sie retten kann?»

Weniger schön formuliert geht mir das ja nun auch manchmal durch den Kopf. Doch ist Bakunins Leben und vor allem sein Handeln durch eine gewaltige Kraftanstrengung und Hoffnung geprägt, seine Idee auch in die Tat umzusetzen. Prägnant hat dies Wolfgang Sofsky auf caprichos in einem sehr lesenswerten Text zusammengefasst:

„Ein Leben für die Freiheit, jenseits aller Karriere, mit allen Gefahren für Leib und Leben. Auf einer Irrfahrt war Bakunin unterwegs, von Aufstand zu Aufstand, von Konvent zu Konvent, vom habsburgischen, dann zaristischen Zuchthaus in die sibirische Verbannung, woraus ihn nur die Flucht von Irkutsk, den Amur hinauf nach Japan, Kalifornien, London rettete. Den autoritären Kommunisten widerstand er schon Jahrzehnte, bevor Lenin, Trotzki, Stalin, Berija samt Helfershelfern den Staatsterror in Gang setzten, dennoch übersetzte er das Manifest des Denunzianten Marx ins Russische.“

Sosfsky mahnt daneben aber auch an, Bakunins theoretische Leistungen nicht zu unterschätzen.

Da Bakunin in seinen Schriften und in seiner revolutionären Reisetätigkeit zur praktischen Umsetzung zu den Verbreitung der Idee und der Politik beigetragen hat, gehörter zu den Größen, die mit der Geschichte und Idee des Anarchismus untrennbar verbunden sind. „Mit Bakunin entwickelt sich der Anarchismus erstmals zur revolutionären Massenbewegung, in Spanien und Italien hält der Sozialismus sogar insgesamt zuerst in Gestalt von Bakunins Anarchismus Einzug.“

Das Verhältnis zu Marx und Engels und die Auseinandersetzung zwischen den Staatssozialisten, wie die Anarchsiten Marx und die Sozialdemokraten nannten, und dem Anarchismus, wie ihn Bakunin verstand, prägt heute vielfach das Interesse. Dies ist auch im Willi Winklers Geburtstagsartikel in der Süddeutschen der Fall. Der Gegensatz zu Marx schafft es in die Unterüberschrift. Und seine Kritik am „marxistisch-totalitäre[n]“ wird ausführlich zitiert. Eingeleitet wird dies von der Vermutung, die „gnadenlosen Etatisten Lenin und Trotzki hätten keinen Tag gezögert“ ihn nach der Revolution zu erschießen. Obwohl dies tatsächlich nicht unwahrscheinlich gewesen wäre, hätte Bakunin zu dem Zeitpunkt noch gelebt, nutzt Winkler den Artikel, um mit allen Zweigen des sozialistischen Denkens abzurechnen, als steckten wir noch im kalten Krieg. Das Geburtstagskind kommt in der Darstellung kaum besser weg als Marx, was sich schon auf Seite Eins im Hinweis auf den Artikel („Er war auf jeder Barrikade: 200. Geburtstag von Michail Bakunin“, was sich wie die Erzählung vom pupatierenden Jugendlichen liest) und in der Überschrift andeutet: „Die süße Hoffnung des Zerstörers“ (S. 12), wobei das Süße im Online-Artikel entfiel und nur noch die „Hoffnung des Zerstörers“ übrig blieb. Bei dieser sanften Wahrnehmungsführung wird Bakunin sicherlich nicht zum Liebling der SZ-LeserInnen aufgestiegen sein.

Dabei ist  Wolfgang Eckhardt nach Worten von Antje Schrupp überzeugt: „einen solchen >Kampf der Giganten<(Bakunin/Marx) hat es nie gegeben. Letztlich ist die ganze Geschichte eine Erfindung von Marx und noch mehr von Friedrich Engels, die ihr eigenes Scheitern im Hinblick auf die Internationale einfach Bakunin und seinen angeblichen Intrigen in die Schuhe geschoben haben, anstatt sich die Frage zu stellen, weshalb ihre politischen Vorschläge und Analysen von der großen Mehrheit der europäischen Arbeiter und Arbeiterinnen nicht aufgegriffen oder rundheraus abgelehnt wurden.“ Das hört sich auch ein wenig simple an.

Tatsächlich zeugen zahlreiche Stellen in seinen Schriften davon, dass Bakunin Marx als wichtige Figur in der internationalen Arbeiterbewegung anerkannt hat, zugleich warnte er auch immer wieder sich eine zentralistiche Ausrichtung für die Revolution zum Vorbild zu machen. Einen beißenden Spott gegenüber Marx findet man aber auch. Wichtiger aber ist, er setzt stattdessen auf eine dezentral verlaufende Revolution.

„Die vollkommenen Unabhängigkeit der Kommune, die Föderation der freien Kommunen und die soziale Revolution innerhalb der Kommune, d.h. die  kooperativen Gruppiereungen, ersetzen die etatistische Organisation der heutigen Gesellschaft – das ist so lehrt Bakunin, das Ideal, welches sich aus dem Dunkel der Vergangenheit vor unserer Zivilisation erhebt. Das Individuum begreift, daß es nur dann richtig frei sein wird, wenn alle anderen Individuen ebenfalls frei sind.“ So stellt Peter Kropotkin (1993, Der Anarchismus. Ursprung Ideal und Philosophie, hrsg. von Heinz Hug, 89)  Bakunin Ideen dar.

„Mit einem Wort, die Revolution muß überall unabhängig von dem Zentralpunkt sein, der ihr Ausdruck, ihr Produkt, nicht ihre Quelle, Leitung und Ursache sein muß. Es ist notwendig, daß die Anarchie, die Erhebung aller lokalen Leidenschaften, das Erwachen des spontanen Lebens überall sehr groß sei, damit die Revolution lebendig, wirklich und mächtig ist und bleibt.

Die politischen Revolutionäre, die Anhänger der ostensiblen Diktatur empfehlen nach dem ersten Sieg die Beruhigung der Leidenschaften, Ordnung, Vertrauen und Unterwerfung unter die auf revolutionärem Wege errichteten Gewalten. Auf diese Weise stellen sie den Staat wieder her. Wir im Gegenteil werden alle Leidenschaften nähren, erwecken, entfesseln und die Anarchie hervorrufen müssen, und als unsichtbare Lotsen im Volkssturm müssen wir ihn leiten nicht durch eine sichtbare Macht, sondern durch die kollektive Diktatur aller Alliierten. Eine Diktatur ohne Schärpe, ohne Titel, ohne offizielles Recht, die desto mächtiger ist, weil sie keinen Anschein der Macht hat. Dies ist die einzige Diktatur, die ich zulasse.“

Ob eine Diktatur der wohlmeinenden Alliierten ohne Schärpe wohl besser wäre, kann man durchaus bezweifeln. Aber es ist die Angst vor einem neuen aufkeimenden Staat, der Dikatatur einer Partei und sei es auch eine sozialistische, die ihn umtreibt und die ihn als Prophet der kommunistischen Parteien à la „Lenin, Trotzki, Stalin, Berija samt Helfershelfern“ (Sosfsky) erscheinen lässt.  Dabei ist er dabei nicht wesentlich radikaler als Luxemburg.

Tatsächlich lesen sich die drei ersten Punkte der „Zusammenfassung der Grundideen des Revolutionären Katechismus (1866)“ wunderbar und können inspirieren:

„a) Verneinung Gottes.

b) Achtung der Menschheit muß den Kult der Gottheit ersetzen. Die menschliche Vernunft wird als einziges Kriterium der Wahrheit anerkannt, das menschliche Gewissen als Grundlage der Gerechtigkeit und die individuelle und kollektive Freiheit als Quelle und einzige Grundlage der Ordnung in der Menschheit.

c) Die Freiheit des einzelnen kann nur in der Gleichheit Aller verwirklicht werden. Die Verwirklichung der Freiheit in der Gleichheit ist die Gerechtigkeit.“

Und da wir bis zur Revolution noch ein wenig Zeit haben, sollten wir „Ton, Steine, Scherben“ folgen:

 

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