Rechts integrieren, nein Danke!

Veröffentlicht: 28. Mai 2014 in Gesellschaft, Politik
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photo credit: agfreiburg via photopin cc

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Seit dem zweiten Weltkrieg gibt es immer wieder rechte Parteien und scheinbar hat sich fast jeder daran gewöhnt. Eigentlich müsste Europa aufschreien bei folgender Analyse der DIARIO DE NOTICIAS aus Lissabon: „Man könnte fast sagen, dass in den reichen Ländern die Proteststimmen an das rechte Lager gingen, in den armen dagegen an die Linken“.

Doch was passiert? Nichts. Die Stimme aus Lissabon war eine direkte Reaktion vom Tag nach den Wahlen und eine Stimme aus dem „Süden“. Zum gleichen Thema am gleichen Tag die taz, deren Kommentar durchaus differenzierter ist, als in der Presseschau des Deutschlandfunks zusammengefasst: „Auch die atemlose Aufregung über den >veggie day<, als vermeintliches Symbol für eine repressive political correctness zeigte, dass es einen neuen Resonanzboden für Ressentiments gibt, der bis weit in die Mitte reicht: Endlich Schluss mit diesem Gutmenschen-Getue.“ Mit dieser Einschätzung der Stimmung mag Stefan Reinecke ja recht haben und dies deckt sich in etwa auch mit dem, was an Reaktion auf Sarrazin in den Foren zu lesen war – aber er setzt „Gutmenschen-Getue“ nicht Anführungszeichen. Es ist folglich seine eigene Meinung. Die taz als Teil des Resonanzbodens? Vorstellbar, es haben ja auch schon andere ihre Vergangenheit entsorgt. Der Fuchs fährt fort:

Erfüllen sich Hoffnungen?

„Aber: Steckt im Erfolg der Eurogegner nicht eine Art europäische Normalisierung des deutschen Parteiensystems? Denn in Österreich, den Niederlanden und anderswo hat die Ablösung wirtschaftsliberaler Parteien durch rechtspopulistische längst stattgefunden. So gesehen ist der AfD-Erfolg eine Art Angleichung an die EU-Norm.“

Also alles normal? Kein Grund zur Sorge, weil „wir“ endlich in allem Europäer sind und das scheinbar dazu gehört? Was mich dabei besorgt ist, dass nun eingetreten ist, was immer besprochen wurde. Gefühlt hat man bereits bei der Pro NRW und bei Sarrazin und schon vorher immer wieder zwischen Bangen und Hoffen nach Rechtspopulisten Ausschau gehalten. „Anders als in Dänemark, Österreich oder den Niederlanden gibt es in Deutschland bislang keine politische Kraft, die Integrationsskepsis und Antiislamismus zum politischen Programm verdichtet hätte“, schrieb Matthias Krupa im Jahresausblick 2011 und weiter: „Und obwohl die Voraussetzungen günstig sind, spricht wenig dafür, dass sich das 2011 ändern wird.“ Weil: „Und Thilo Sarrazin? Der Mann, der die Lawine lostrat, lässt bislang keine Neigung erkennen, seinen Erfolg parteipolitisch umzuwandeln. […] Der Rechtspopulismus bleibt in Deutschland vorerst unbehaust. Die Wut aber wird nicht so einfach verschwinden.“ Dies stand 2011 im Jahresuablick in der ZEIT. Nun müsste konsequenterweise morgen dort ebenfalls eine Art unterdrückte Freude lesbar sein. Hat die Wut doch endlich eine Stimme.

Warum das kein Grund zur Panik ist erklärte gestern taz-Autor Stefan Reinecke:

„Was dieses Ergebnis andeutet, ist nichts weniger als eine Neuformierung des Liberalismus hierzulande – die Aufspaltung in eine linksliberale, grüne Partei und die AfD, die nach rechts weit offen ist. Ganz neu wäre das nicht: Etwas Ähnliches gab es in der Weimarer Republik. Nein, es gibt keinen Grund für Hysterie. Jetzt bloß nicht mit Nazivergleichen herumfuchteln. Aber mit der AfD gibt es erstmals in der Bundesrepublik eine erfolgreiche europaskeptische Kraft. Es ist ernst.

Euroskeptiker sind ja auch viel böser als eine Partei, „die nach rechts ganz weit offen ist“. Rechte lassen sind ja auch viel besser integrieren als Euroskeptiker.

 

photo credit: agfreiburg via photopin cc

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Hallo, Mr. Nazi

Unter den Blogs, die ich abonniert habe ist auch Blumio. Er rappt politisch und das gefällt mir gut. Dem Song „Hey. Mr. Nazi“ konnte ich nicht viel abgewinnen, habe ihn aber unter jugendlichen Idealismus verbucht, geht es in ihm doch darum, Mr. Nazi die Vielfalt näher zubringen und auf den Nazi individuell anzusprechen. Im Herbst letzten Jahres haben sich einige youtube-Stars dann eine Kampagne gegen Rechts überlegt. „Weil wir dem ganzen Thema nicht mit Hass entgegnen wollten, sondern auf eine freundliche und offene Art und Weise, haben wir uns dazu entschieden, „Hey Mr. Nazi“ von „Blumio“ zu covern und neu aufzulegen“, erklärt MaximNoise am Ende seines Videos. „Mein Remake vom Blumio-Song >Hey Mr. Nazi< ist ein Statement gegen Fremdenfeindlichkeit in unserem Land und auf der ganzen Welt“, schreibt er auf der gleichen youtube Seite. 

Dies wird auch deutlich, wenn man sich die Lieder anhört. Seltsamerweise schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung jedoch davon, dass Künstler wie DieAussenseiter, AlexiBexi, BullShitTehVau, Albertoson, Simon Desue, Digges Ding, MaximNoise und TC von Y-Titty den Song parodiert hätten. Ein grobes Missverständnis? „So wollten sie Verständnis für andere Nationalitäten, Kulturen und Religionen wecken und Angst vor >dem Fremden< nehmen“, lässt die bpb wissen. Den Künstlern, die zumindest zum Teil Migrationshintergrund besitzen und sicher auch ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus und/oder Nazis gemacht haben, mache ich keinen Vorwurf. Es geht ja  auch individuell darum miteinander auszukommen, wenn man sich schon nicht aus dem Weg gehen kann. Doch so verständlich dies auch ist, sollen die Opfer von Rassismus auf die Täter zu gehen? Wer soll nun integriert werden? Nazis?

Der bpb kann ich aber nicht abnehmen, dass ihre sie ihre „interaktive YouTube-Kampagne“ nicht begleitet habt und dabei feststellte, dass die Einladung an Mr. Nazi nun im Vordergrund steht. Vielleicht irre ich mich, dann entschuldige ich mich im Voraus, doch schaut selbst auf der Seite Youtuber gegen Nazis 2013 der bpb. Ich glaube nicht, dass dies der Bundeszentrale verborgen geblieben ist und falls doch wäre dies in der Tat erschreckend, denn was auf der individuellen Ebene erklärbar ist, kann kein politisches Statement sein: „Hallo Mr. Nazi, komm auf meine Party“.

Mir fiel übrigens als ich eben die Videos anschaute eine Weihnachtsgeschichte ein, die ich Anfang der 90er als Schüler auf einer Demo gegen Rechts vorgelesen. Darin wanderten sämtliche Produkte, die aus anderen Ländern stammen, aus, weil in Deutschland Rassismus herrschte, einzig die heilige Familie blieb da, um den Deutschen den Weg zurück zur Menschlichkeit zeigen zu können.  Ziel war es den Rechten klar zu machen, dass wir alle täglich mit Dingen und Menschen umgehen, die eigentlich eines anderen Ursprungs sind. In den Videos kommt häufig derselbe Gedankengang vor, doch muss man sagen, wir sind zwei Jahrzehnte weiter. Längst haben die Glatzen Haare und bekommen Stück für Stück auch Ideologie geliefert. Sarrazin versucht Rassismus zu biologisieren, indem er Völkern spezifische Gene oder besondere Fruchtbarkeit zuschreibt und zu kulturalisieren, die Folge Islamophobie. Oder aber Ausländer werden stigmatisiert: „Dönermorde“. Sarrazin etwa hat mit daran gewirkt, dass das „zivilisatorische Weltbild auf den Kopf“ gestellt wurde (Kermani).

Keine Party mit Rechts(populisten)

Kommen wir auf die Ebene der Journalisten und Institutionen. Hier herrscht offenbar die Priorität, dass alles weiter laufen muss wie bisher. Solange die Möglichkeit besteht, dass man die Rechte integriert, wird dies auch eisern getan und oder herzlich zum gemeinsamen Spielen eingeladen. Wir haben ja jetzt endgültig nordeuropäische Zustände. Die CDU und CSU lernen nicht dazu, sondern laufen jedem populistischen Stöckchen nach und merken noch nicht mal, dass sich dieses Hinterherhecheln noch nie gelohnt hat. Selbst das Gefasel von EUropa-ist-keine-Sozialunion kurz vor der Wahl hat nicht geholfen. Wie haben sich die Herrn und Frauen WahlstudiomoderatorInnen angewöhnt zu sagen, dann wählen die Leute lieber das Original.

Nicht wir müssen die Rechte integrieren, sondern wir müssen ihr etwas entgegensetzen, damit klar wird, dass dies eine Gesellschaft mit anderen Vorstellungen  ist, als die, die die Rechte vertritt. Das ist unsere Party, komm wieder, wenn du unsere Werte teilst.

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