Lessings Erbe – Selbstkritik und Hadern mit Deutschland

Veröffentlicht: 25. Mai 2014 in Kultur, Politik
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photo credit: Das blaue Sofa via photopin cc

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Die leichteste Form stolz zu sein, ist auf jemand anderen, das entlastet ungemein. Mir geht es mit Navid Kermani ein bisschen so, bei dem ich Ende der 90er im Proseminar saß. Vorgestern stellte Tagesschau.de fest, er sei „zu einem der bedeutendsten Intellektuellen in Deutschland gereift.“ Das könnte er nur noch toppen, wenn es hieße: deutscher Intellektueller, den Pass besitzt er 😉

Kermanis Medium ist die Sprache und als Orientalist und Islamwissenschaftler ist sie zudem sein Beruf. Sein Zugang zum Thema des 65. Geburtstag des GG war also ein sprachlicher, und doch hat er die Ebene der Sprache schnell verlassen, obwohl der die deutsche Verfassung sprachlich „vollkommen, nichts anderes“ nennt und auch später lobte er die Verfassung und ihren Geist immer wieder.

Dennoch weist er bereits im ersten Satz seines Jubiläumsvortrags auf ein Paradoxon hin: die Unantastbarkeit und die Schutzbedürftigkeit der Würde des Menschen.  „Die Würde existierte unabhängig und unberührt von jedweder Gewalt. Mit einem einfachen, auf Anhieb kaum merklichen Paradox ‑ die Würde ist unantastbar und bedarf dennoch des Schutzes“. „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (§1 GG Satz 2)

Er fährt fort, um zu dem vorläufigen Schluss zu kommen, das Grundgesetz habe als normativer Text „Wirklichkeit geschaffen durch die Kraft des Wortes“ – nur führt er mehr Beispiele dafür an, dass dem normativem Gehalt weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart sonderlich viel Wert beigemessen wird, als dass dem Wortsinn entsprochen wurde. Das drastischste Gegenbeispiel benennt er mit der Abschaffung der Todesstrafe. „Das war gerade nicht der Mehrheitswunsch der Deutschen (1949), die in einer Umfrage zu drei Vierteln für die Beibehaltung der Todesstrafe plädierten, und wird heute weithin bejaht.“

Und dies ist vielleicht das Wichtigste an seiner Rede. Kermani ist kein weltvergessener Bücherwurm sondern ein kluger, scharfsinniger und zugleich barmherziger Kritiker des Zeitgeschehens. Er hat mit „Vergesst Deutschland!“ 2012 eine der besten Beiträge zum Thema NSU, Nationalismus und Rassismus geschrieben und die Stimmung und Stimmen der Mehrheitsgesellschaft durchaus mitbedacht.

„Wohlgemerkt hatte die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds viele Jahre vor der Veröffentlichung von Thilo Sarrazoins Buch begonnen. Die Abschaffung Deutschlands ist nicht die Ursache, sondern eher der spektakulärste Ausdruck jener >Ideologie der Ungleichwertigkeit<, deren Ausbreitung sich auf vielen Ebenen der  Gesellschaft beobachten und empirisch belegen lässt (…)“. (S.38) Und auch die Medien bezieht er kritisch mit ein. „Bis weit ins bürgerliche und sogar intellektuelle Milieus haben sie ein Gedankengut, das einer breiten Öffentlichkeit vor wenigen Jahren als selbstverständlich extremistisch gegolten hätte, massenweise Verbreitung beschert“. (S. 39)

Möglicherweise dachte er beim Verfassen seiner Rede für das Jubiläum auch an jene Rede zur Eröffnung der Lessingtage (Vergesst Deutschland!). Darin schildert er, dass der Vater Süleyman Tasköprüs, eines der Opfer der NSU, von der Leiche des Sohnes „aus dem Ladenlokal weggeführt und mehrere Stunden lang auf der Polizeiwache verhört wurde.“ (S.24) „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Hier hat die staatliche Gewalt versagt, aber auch die Unantastbarkeit der Würde der toten und lebenden Opfer der NSU.

Da ist das Paradoxon in Reinkultur, denn die staatliche Gewalt schützte die Würde des Menschen nicht, obwohl dies ihre ureigenste Pflicht gewesen wäre und dies obwohl die Würde eigentlich unantastbar sein sollte. Die Menschen waren es nicht.

photo credit: 1way2rock via photopin cc

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Noch zwei weitere Male greift er auf die Sprache und Kultur zurück, um zugleich den Gegenwartsbezug herzustellen. Zunächst wendet er Brandt und dessen Kniefall („Hier hatte einer seinen Patriotismus so verstanden, dass er vor den Opfern Deutschlands auf die Knie ging.“) und schließlich Lessing gegen Gauck und dessen Ausspruch vom besten Deutschland.

„Seit dem 18. Jahrhundert, spätestens seit Lessing, der den Patriotismus verachtete und als erster Deutscher das Wort >Kosmopolit< verwendete, stand die deutsche Kultur häufig in einem antipodischen Verhältnis zur Nation. Goethe und Schiller, Kant und Schopenhauer, Hölderlin und Büchner, Heine und Nietzsche, Hesse und die Brüder Mann – sie alle haben mit Deutschland gehadert, haben sich als Weltbürger gesehen und an die europäische Einigung geglaubt, lange bevor die Politik das Projekt entdeckte.

Im ersten Moment könnt man denken, einen Bürger des 19. Jahrhunderts zu hören, der die Kultur der Politik entgegenhält. Gerade das Klein-Klein der heutigen Politik ist es jedoch, das er durch diesen Exkurs und unterstützt von vielen verstorbenen Gewährsleuten, nun angreift. Während er einmal mehr Brandt aufs Schild hieft, wirkt die heutige Politik blass.

„Es ist diese kosmopolitische Linie deutschen Geistes, die Willy Brandt fortführte […] Und es wirft dann vielleicht doch kein so günstiges Licht auf das heutige Deutschland, wenn bei den Fernsehduellen vor der Bundestagswahl nach der Außenpolitik so gut wie nicht mehr gefragt wird oder ein Verfassungsorgan die Bedeutung der anstehenden Europawahl bagatellisiert“.

„Auch im Vergleich mit den Verfassungen anderer Länder wurde der Wortlaut ungewöhnlich häufig verändert, und es gibt nur wenige Eingriffe, die dem Text gutgetan haben“ Das ästhetische Argument, das sich mit dem Wortlaut verbindet, wird prompt zum inhaltlichen. “ >Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.< ‑ geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinandergestapelt und fest ineinander verschachtelt wurden, nur um eines zu verbergen: dass Deutschland das Asyl als Grundrecht praktisch abgeschafft hat.“ „Dem Recht auf Asyl wurde sein Inhalt, dem Artikel 16 seine Würde genommen.“ Sicherlich unbeabsichtigt verlagert Kermani die Würde vom Menschen auf den Paragrafen.

Dieser starke Text findet kein Verständnis. Plastisch wurde dies etwa im Interview mit Susanne Stichler während der Tagesschau am Abend nach seiner Rede. Bereits einleitend zitierte sie nur den ersten und bekannteren Satz des Artikel eins des Grundgesetzes und der zweite Satz („Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“) entfiel. Dadurch wird die Rede jedoch unverständlich. So fragte  die Sprecherin Kermani offenbar ohne Kenntnis der Rede, weshalb er sich entschlossen habe, am Jubiläumstag Kritik am Grundgesetz zu üben.

Fast empört wies Kermani dies zurück und drückte seine Hoffnung aus, ganz im Sinne der Idee des Grundgesetzes geredet zu haben. Die weitere Frage nach der Kritik am Asylrecht offenbarte, dass unterschiedliche Textverständnisse herrschen. Während Kermani die Verfassung als normativen Text versteht, der eine eigene Charakteristik besitzt und eine bestimmt Idee beinhaltet, die sprachlich klar ausgedrückt wurde, ist die andere Sicht auf den Text, die auf eine Verfügungsmasse. Im ersten Fall bedeutet eine Änderung, zumal die des §16, einen Bruch, der ästhetisch, aber auch ideell schwer ins Gewicht fällt.  Aus der zweiten Perspektive geht es um einen Text, dessen Änderung auf wundersame Weise nie die dahinterstehende Idee berührt, auch wenn man ihr widerspricht. Diese zweite Perspektive, eine Verwalterperspektive, erkärt den Geist des GG für heilig und unveränderlich, ohne sich je auf ihn beziehen zu müssen, weil er automatisch auf jede Änderung übergeht. Die Selbstvergewisserung an der Idee entfällt zugunsten des Geisterglaubens.

Kermani ging es um die Selbstvergewisserung und -kritik, um die Werte aber auch um die Geschichtlichkeit des Textes zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

„Von Lessing lernen bedeutet also nicht nur, die Selbstkritik zum Prinzip zu erheben, dem Geltenden zu widersprechen. Es bedeutet die Wertschätzung des Fremden, den Beistand für den Schwachen. Das ist, so meine ich, ein fundamentaler Anspruch an jedwede Intellektualität und Literatur auch heute: der Respekt für das andere und die Unerbittlichkeit gegen das Eigene; die Verteidigung des Marginalisierten und die Bestreitung des Herrschenden.“ (Vergesst Deutschland!, S. 27) Und dem entspricht der aktuelle §16a gar nicht.

Man könnte den Rest der Rede sicherlich als persönlichen Teil unbeachtet lassen, wenn nicht darin eben auch eine Wertschätzung gegenüber dem toleranten Deutschland mitschwänge, die, so rhetorisch geschickt sie an dieser Stelle auch ist, sicherlich mehr ist. Ich vermute, dies geschieht aus einer übergeordneten und vergleichneden Perspektive, hat er doch auch die Geschehnisse in dem anderen Land, dessen Pass er besitzt, vor Augen. Und genauso perspektivisch denkend wie die Eltern des Grundgesetzes spricht der den Botschafter des Iran an: „Es wird keine 65 Jahre und nicht einmal 15 Jahre dauern, bis auch im Iran ein Christ, ein Jude, ein Zoroastrier oder ein Bahai wie selbstverständlich die Festrede in einem frei gewählten Parlament hält.“  Nicht nur die Unterschiede der beiden Länder, aber sicherlich auch diese, bringen ihn zu einem versöhnlichen Ende seiner Rede.

„Er hat seine Zuhörer und also das ganze Land mit Lob und mit Kritik geradezu überschüttet, er hat es nicht geschont, weil es nicht mehr geschont werden muss“, wertete  Lenz Jacobsen in der ZEIT. Dazu gehört aber auch, dass die ganze Kritik wahrgenommen wird.

 

 

 

 

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Kommentare
  1. sunflower22a sagt:

    alle Achtung, ein tolles literarisches Werk!

  2. besserwisser sagt:

    Gut zusammengefasst und kommentiert. Hat mir gefallen

  3. […] nicht zu passen. Diese  Hochkultur war schon bei zwei Anläufen zur Weltmacht unzeitgemäß und unpassend. Insofern hat Hanson recht, dass diese Künstler nicht für eine Politik taugen, wie sie der Pfaffe […]

  4. […] Mal habe ich stärker aktuelle politische Themen (Der Nahe Osten,  Gauck, Lanz, Montagsdemos, Kermani und noch einige mehr) schriftlich angedacht, andere Artikel gingen stärker ins Theoretische (Die […]

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