Drei Männer: Die Revolutionäre

Veröffentlicht: 21. Mai 2014 in Kultur, Politik
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Lindner, Mühsam, Kopp (v.r.n.l.) Foto: kultgenosse

Lindner, Mühsam, Kopp (v.r.n.l.) Foto: kultgenosse

 

Vor mehr als einem Jahr schenkte mir der Buchhändler meines Vertrauens den Katalog „es geht um das buch“ 2013, darin fiel mir direkt ein Foto mit dem Untertitel „Die Revolutionäre“ auf. Die Aufnahme dreier Männer, die auf einer Treppe sitzen, habe ich gerahmt aufgehängt. Aber: Ich habe sie nicht erkannt bzw. mit meinem Tipp total daneben gelegen.

Vorgestern wollte ich Gewissheit haben. Zwar habe ich Erich Mühsam erkannt und schon deshalb, konnten die beiden anderen keine Unsympathen sein, dennoch wollte ich es nun doch genauer wissen. Ich habe also die Kurt-Wolff-Stiftung angeschrieben, die den Katalog herausgeben hat. Und zunächst hat sich erst mal hat die Tragik des Lebens bestätigt. Man findet nur etwas, wenn man weiß, was man sucht. Mit meinen begrenzten Angaben war sowohl das Suchen als auch das Finden schwierig. Nachdem Kerstin Wangemann, meine Ansprechpartnerin und zwischenzeitig auch der Vorsitzende der Stiftung und Verleger Stefan Weidle, weiter geforscht hat, bekam ich diese Nachricht.

„Das Foto zeigt (v.l.) Alois Lindner, Erich Mühsam und Guido Kopp. Der Fotograf war August Sander, mehr erfahren Sie im Netz. Mit freundlichen Grüßen, Stefan Weidle.“ Cool und herzlichen Dank.

Zwei von dreien nicht erkannt. Und August Sander sagte mir leider auch nichts, obwohl ich feststellte, dass ich zumindest eins seiner Bilder (Der Konditor, 1928) sehr wohl kannte. Aus meinem Geschichtsbuch. Also ab ins Netz.

Kurze biografische Notizen

Erich Mühsam war mir als Dichter bekannt und ich freue mich schon auf die Buchvorstellung seines Tagebuches am Sonntag. Eines meiner liebsten Gedichte von ihm habe ich unter dem Text plaziert.

Wie Mühsam war Alois Lindner 1919 Mitglied des Revolutionären Arbeiter- und Soldatenrates in München. Als Ministerpräsident Kurt Eisner auf dem Weg in den bayrischen Landtag von  „Anton Graf von Arco auf Valley erschossen [wurde], einem 22-jährigen Mitglied der völkischen, republikfeindlichen und antisemitischen Thule-Gesellschaft“, wie der br schreibt, ist Lindner außer sich. Lindner stürzte  in „besinnungsloser Aufregung“, wie Mühsam dies einschätzt, „in den im gleichen Gebäude liegenden Sitzungssaal und und gab die Schüsse auf Auer [SPD] ab, den er (wie wir alle) mindestens mittelbar für die Ermordung Eisners verantwortlich machte.“ In einem Brief an den „Priester und Sozialarbeiter“ Carl Sonnenschein, den Piens (Erich Mühsams Tagebücher – Gesamtausgabe, in: Erich-Mühsam-Gesellschaft: Zwischen Gewalt und Widerstand,19-20) wiedergegeben hat, weist Mühsam darauf hin, dass das Geschehen  im Affekt und ungeplant stattgefunden habe und Lindner  „>wegen hochgradiger Reizbarkeit<“ aktenkundig sei (ebd.). Mühsam bittet Sonnenschein sich für eine Amnestie einzusetzen.  Besonders beklagt Mühsam ihm gegenüber die ungleiche Behandlung Lindners im Vergleich zu von Arco und pauschaler: Linker und Rechter politischer Gefangener insgesamt. „Ist es billig, dass die bayerische Regierung in der Behandlung Arcos und Lindners nur um der politischen Richtung willen so völlig gegensätzlich verfährt? Lindner hat schwer gebüsst, die Fortdauer seiner Peinigungen hiesse sein Urteil in Todesstrafe umwandeln.“

Alois Lindner, Erich Mühsam, Guido Kopp, Reproduktion: kultgenosse

Mühsam hatte mit seinem Vorstoß wenig Erfolg. Erst drei Jahre später, 1928, nachdem sich die Rote Hilfe Deutschland und weitere Intellektuelle für ihn einsetzten, kam Lindner vorzeitig frei und besuchte Mühsam im Juni 1928. Bei diesem Besuch entstand das Foto (vgl. Piens, ebd.). Lindners Spuren führen in die Sowjetunion und verlieren sich 1943 in Kalinin (vgl.  Wikipedia).

Über Alois Lindner findet man bei einer oberflächlichen Suche, wie ich sie durchgeführt habe, im Vergleich zu Guido Kopp, leider recht wenig, obwohl seine beherzte, wenn auch unrühmliche Tat, doch weitreichende Wirkungen hatte. An Guido Kopp dagegen erinnert beispielsweise eine Internetseite des Stadtarchivs Rosenheim, andererseits gibt es einen Wikipediaeintrag zu Lindner aber nicht zu Kopp.

Kopp wuchs in der Nähe von Passau auf und war Soldat im ersten Weltkrieg. Ende des Kriegs befand er sich aus nicht ganz klaren Gründen in Rosenheim. Dort wurde er während der revolutionären Zeit im November 1918 zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates gewählt und gründete im April 1919 die örtliche KPD.

Im April 1919 rief er er „nach Münchener Vorbild die Räteregierung für Rosenheim aus und setzt die Geiselnahme von 30 Rosenheimer Bürgern durch. Anfang Mai 1919 ging die >Revolution der roten Räte< zu Ende. Die >weißen Truppen<, reguläre Heeresverbände und Einheiten des Freikorps >Oberland< brechen den geringen Widerstand der Revolutionäre in München, Rosenheim und Kolbermoor, den Revolutionszentren in Südbayern.“

Nach der Niederschlagung der Räterepublik kam er ins Gefängnis, verließ Deutschland nach seiner Entlassung und ging nach Österreich. Dort kämpfte er im Februar 1934 im Bürgerkrieg zwischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bzw. dem bereits „verbotenem Republikanischem Schutzbund und die den im Mai 1934 mit Rückendeckung Benito Mussolinis proklamierten Ständestaat anstrebende Regierung unter Bundeskanzler Dollfuß mit ihrer Exekutive (Bundesheer, Polizei, Gendarmerie) und mit der Heimwehr.“ (Wikipediaartikel „Österreichischer Bürgerkrieg„)

Hiernach wurde er aus Österreich ausgewiesen.  „Nach einem kurzen Lebensabschnitt in der Tschechoslowakei kämpfte er in Spanien gegen den Faschismus und kehrte anschließend wieder in die für ihn verbotene Wahlheimat Österreich zurück.“ Diese Angaben entstammen dem Ankündigungstext des  österreichischen Historikers Gernod Fuchs für eine Veranstaltung der infogruppe rosenheim zur Person Kopps. Im Rahmen der Übergabe eines Antifaschismus Mahnmals an die Öffentlichkeit, erinnerte Gert Kerschbaumer in Salzburg an Kopp.

„Der deutsche Antifaschist Guido Kopp, der ebenfalls auf der Fahndungsliste der Gestapo steht, wird nach seiner Rückkehr aus dem spanischen Bürgerkrieg im Mai 1937 auf dem Hauptbahnhof in Salzburg verhaftet und an Nazi-Deutschland ausgeliefert: Guido Kopp übersteht acht Jahre Haft in Konzentrationslagern. Kopp überlebte das KZ-Dachau und Buchenwald, wo er 1945 von den amerikanischen Truppen befreit wurde. Anschließend zieht der gebürtige Niederbayer wieder nach Salzburg. Dort schreibt er seine Lagererlebnisse nieder und beschäftigt sich weiter mit revolutionärer Politik. Er stirbt 1971.“

Eine illustre Dreiergruppe. Mir gefällt das Bild nun fast noch besser als vorher.

 

Erich Mühsam

Streit und Kampf

Nicht nötig ist’s, nach Schritt und Takt
gehorsam vorwärts zu marschieren.
Doch wenn der Hahn der Flinte knackt,
dann miteinander zugepackt
und nicht den Nebenmann verlieren!

Schlagt zwanzig Freiheitstheorien
euch gegenseitig um die Ohren
und singt nach hundert Melodien –
doch gilt es in den Kampf zu ziehen,
dann sei der gleiche Eid geschworen!

Aktionsprogramm, Parteistatut,
Richtlinien und Verhaltungslehren –
schöpft nur aus allen Quellen Mut!
Ein jedes Kampfsystem ist gut,
das nicht versagt vor den Gewehren!

Darum solang kein Feind euch droht,
verschont einander nicht mit Glossen.
Doch weckt euch einst der Ruf der Not,
dann weh das einige Banner rot
voran den einigen Genossen!

http://gutenberg.spiegel.de/buch/4656/69

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Kommentare
  1. besserwisser sagt:

    Bis gestern konnte ich mit dem Namen „Erich Mühsam“ nichts anfangen und gleich heute begegnet mir der Name wieder. Ich werde mich mal mit der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen beschäftigen müssen.

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