Der ITler, das revolutionäre Subjekt der Netzwerkgesellschaft? by Philipp Adamik

Veröffentlicht: 17. Mai 2014 in Digitaler Realismus, Popkultur
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Philipp Adamik. foto: privat

Philipp Adamik. foto: privat

Hier erneut ein Beitrag von Philipp Adamik. In seinem Text erklärt er, weshalb in den letzten Wochen hier häufiger Fernseh- und Filmbeiträge im Mittelpunkt standen. Tatsächlich entstand mein Beitrag „Der nerdy Urknall“ als Ergänzung dieses Artikels. Philipp bloggt auf http://digitalrealism.info/ und http://digitalerrealismus.wordpress.com.

 

Auf dem letzten Chaos-Communication-Congress (30c3) rief der Internetaktivist und Betreiber der Whistleblower-Plattform Wikileaks Julian Assange in seiner Rede Sysadmins of the world, unite  Systemadminstratoren und andere ITler zur Weltrevolution auf. Sie sollten sich von den Geheimdiensten, Unternehmen und Behörden anwerben lassen, dort geheime Informationen sammeln und diese dann der Öffentlichkeit zugänglich machen. Selbstverständlich kann man Assange vorwerfen, dass er nur die ökonomischen und politischen Interessen seiner Plattform Wikileaks vertreten habe, aber, wie immer wenn die legitimen Interessen von Menschen und Organisationen kritisiert werden, greift diese Kritik zu kurz. Assanges Rede wirft aus einer neo-marxistschen Perspektive die Frage auf, ob der ITler das revolutionäre Subjekt der Netzwerkgesellschaft ist.

Michael Hardt und Antonio Negri  Michael Hardt und Antonio Negri verwenden in ihren Werken für das revolutionäre Subjekt den Begriff der Multitude. Diese existiert für sie gleichzeitig in zwei Seinszuständen, sowohl als ontologische als auch als politische Multitude. Die ontologische oder auch ewige Multitude besteht aus denjenigen Menschen, die sich zu jederzeit gegen Autoritäten und deren Logik des Kommandos gewährt haben. Die politische Multitude stellt das Potential der ersten, der ontologischen Multitue dar sich zu einer revolutionären Klasse zu vereinigen und so die Weltrevolution zu praktizieren. Während Hardt und Negri Mitte der 2000er Jahre diese zweite Multitude noch im Reich der Utopie gesehen haben, sehen sie in ihrem neusten Buch Demokratie die Zeit der politischen Multitude gekommen. Auch wenn sie dort das revolutionäre Potential der zahlreichen Proteste, seien es die globalen Proteste der Occupy-Bewegung oder die des arabischen Frühlings wohl etwas überschätzen, zeigt sich doch eine Zunahme der globalen Protestbereitschaft. Ein Hauptgrund hierfür ist in der Erfindung des Internets zu sehen, welches zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die technologischen Voraussetzungen für die Weltrevolution bereitstellt. Während Karl Marx im Manifest noch davon träumte den Klassenkampf mit Hilfe der Eisenbahn innerhalb weniger Jahre durch eine Nation zu verbreiten, ist dies heute innerhalb weniger Sekunden auf globaler Ebene möglich*. Aus diesem Grund haben Diktaturen wie China oder Pseudodemokratien wie Deutschland, die Türkei, Großbritannien, und die USA so viel Angst vor dieser technischen Entwicklung, dass sie entweder versuchen ökonomisch unverantwortliche Internetsperren zu verhängen oder die aus ihrer Perspektive ökonomisch und machtpolitisch sinnvolle digitale Totalüberwachung der Weltbevölkerung zu betreiben oder von ihr zu profitieren.

Diese immense Bedeutung des Internets für die politische Multitude kann aus den ITlern die revolutionären Avantgarde der digitalisierten Proteste machen. Und tatsächlich sind ITler bereits ein Teil der ontologischen Multitude. Sie beteiligen sich an den Protesten auf der Straße wie den Anti-Acta Protesten, den Protesten gegen die Totalüberwachung, engagieren sich im Internet in Facebookgruppen für Netzpolitik oder sind gar Whistleblower wie Edward Snowden, die einen globalen Geheimdienstskandal an das Licht der Öffentlichkeit bringen.

Wie sieht es aber mit der politischen Multitude aus, an die sich Julian Assange wendet. Haben die bislang unpolitischen ITler das revolutionäre Potential, welches die politische Multitude in eine ontologischen Multitude umschlagen lässt?

Der slowenischen Philosoph Slavoj Žižek argumentiert, dass sich der Klassenkampf heute hauptsächlich in Form von popkulturellen Kämpfen artikuliert. Popkulturellen Repräsentationen sozialer Beziehungen in Fernsehserien verwandeln sich aus dieser Perspektive zu einer Form des Ausfechtens des Klassenkampfes.

Diese Repräsentationen und Manifestationen lassen sich anhand der amerikanischen Fernsehserie The Big Bang Theory und der britischen Fernsehserie The IT Crowd genauer am Beispiel von ITlern betrachten.

Titelbild The Big Bang Theory (public domain)

Die beiden Hauptfiguren von The Big Bang Theory, die technik- und internetbegeisterten Physiker Dr. Sheldon Cooper und Dr. Leonard Hofstadter weisen kaum ein revolutionäre Potential auf. Wie es Kyrosch Alidusti treffend darstellt, führen sie ein von Popkultur und wissenschaftlichen Heroen durchzogenes Mittelschichtsleben, erledigen ihre Arbeit in der Universität sehr zuverlässig, orientieren sich an dem Systemkonformen Ziel den Nobelpreis zu erhalten, vergöttern die Größen des Wissenschaftssystems wie Stephen Hawking und geraten höchstens wegen ihres konservativen Genderverständisses in Konflikt mit der Personalabteilung der Universität.

Anders stellt sich die Situation in der Serie The IT Crowed dar. Der Klassenkampf ist hier eines der Leitmotive der Serie. Die IT-Abteilung ist, wie es dem Stand des digitalen Proletariats angemessen ist, im Keller des fiktiven Unternehmens Reynholm Industries untergebracht. Die Hauptakteure des Klassenkampfes sind dabei die mittleren und höheren Büroangestellten der Firma und die beiden ITler Moss und Roy.

Moss und Roy verachten die Büroangestellten für ihre technischen Inkompetenz und ihre Ignoranz. Besonders Roys ständig scheiternde Versuche ein Date mit den Frauen aus den Büros der Chefetage zu bekommen verdeutlicht die Ambivalenz dieses Verhältnisses. Roy verachtet sie und will gleichzeitig ein Teil ihres Lebens sein. Der Klassenkampf wird dabei häufig, wie in der Theorie Žižeks, auf Basis von popkulturellen Distinkitionsmustern ausgefochten Personalisiert wird dieses Konzept in der Serien durch den gefallen Top-Manager der Unternehmens Richmond, der durch seine Liebe für die Band Cradle of Filth zum Goth wurde. Durch seinen düsteren Kleidungsstil, seinem sehr stark geschminktem Gesicht und seiner gleichmütigen Stimmung war er für die Chefetage nicht mehr tragbar und wurde in die IT-Abteilung versetzt. Seitdem sitzt Richmond in einem fensterlosen Raum neben dem Büro von Roy und Moss und beobachtet teilnahmslos die blinkenden Lämpchen des Firmenservers. Im Gegensatz zu Richmond, der sein Schicksal hinnimmt, regen sich Moss und Roy über die herablassende Art der Büroangestellten auf. Aber jedwede Form von politischen Engagement ist den beiden eben so fremd, wie Sheldon und Leonard in The Big Bang Theory.

Die Hauptfiguren beider Serien sind also ein Teil der politischen Multitude, die sich noch nicht entschlossen hat für die Anerkennung ihrer Rechte zu kämpfen. Durch die Wahrnehmung und ihrer privaten Kritik an den bestehenden Verhältnissen sind aber Roy und Moss deutlich näher dran ein Teil der ontologischen Multitude zu werden, als es Leonard und Sheldon sind.

Titelbild The IT Crowd (public domain)

Verlässt man die Ebene der Repräsentation und wendet sich den kulturellen Einfluss der beiden Serien zu, verstärkt The Big Bang Theory Mentalitäten, die mit der neoliberalen Ideologie konform gehen, während The IT Crowd eher anarchistische Tendenzen verstärkt. Auch wenn die Charaktere kein politisches Engagement zeigen, ist der Humor von The IT Crowd deutlich anarchistischer ausgeprägt. Ständig verursachen Moss und Roy durch ihre eigene Inkompetenz irgendwelchen Schaden für den jeder Angestellter, jede Angestellte mit der sofortigen Entlassung rechnen muss. Durch ihren Einfallsreichtum und ihre generellen Inkompetenzunterstellung gegenüber den höheren Angestellten und der Chefetage gelingt es ihnen immer der sicheren Entlassung zu entgehen. So verkauft Moss einen kleinen Brand in ihrem Büro dem Chef der Firma Denholm Reynholm erfolgreich als neuen Bildschirmschoner.

Aber wie sieht es mit den zahlreichen ITlern in den Geheimdiensten, Behörden und Firmen aus? Steckt ihn ein noch größeres politisches Potential? Nicht nur Julian Assanges Rede auf dem 30c3 gibt einige Hinweise in diese Richtung. Das gesamte Programm des Kongresses ist in den letzten Jahren immer politischer geworden. Obwohl dieser Trend von einigen ITlern kritisiert wird, konnte der Kongress im letzten Jahr einen Teilnehmerrekord und der Chaos Computer Club einen Rekordzuwachs an neuen Mitgliedern verzeichnen. Auch bei dem Kölner Anti-Überwachungsbündnis #StopWatchingUs wirken einige ITler an der Gestaltung und der Organisation der Proteste oder Webseite mit. Dies alles sind Hinweise, wenn auch keine Belege auf ein weiteres verborgenes Protestpotential der ITler außerhalb klassischer Netzproteste. Allerdings kann an dieser Stelle nur eine finanzierte empirische Untersuchung Klarheit bringen. Die im letzten Jahr erschiene ansonsten sehr empfehlenswerte Untersuchung Die neue Macht der Bürger versäumt es leider diesen Punkt systematisch zu beleuchten.

© Philipp Adamik 2014

*Leider gilt dies auch für faschistisches Gedankengut.

Bilder IT Crowd und Big Bang Theory public domain, Bild Hardt und Negri CC-BY-SA 3.0.

Eine interessante Ergänzung bietet der aktuelle Beitrag des Strafrechtlers Henning Ernst Müller, der auf die Diskrepanz zwischen der Darstellung der Wirklichkeit im „Tatort“ und den realen Tätigkeit in Strafverfolgung und Justiz eingeht. Auch wenn es hier nicht um das „revolutionäre Subjekt“ geht, hat die älteste deutsche Fernsehreihe ohne Zweifel einen Einfluss auf unser Gerechtigkeitsempfinden und das, was „wir“ von Polizei und Justiz erwarten.

CC BY-SA 3.0

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