Der Tag der Arbeit

Veröffentlicht: 8. Mai 2014 in Politik
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Manchmal fallen Ereignisse zusammen. Dies ist nun mein 101ster Beitrag und nun geht es ausgerechnet um meinen Lieblingsfeiertag, den 1. Mai. Für mich ist dieser Tag, als ob ich mich in die Tradition dieses Feiertags einreihe, in die Geschichte der Arbeiterbewegung, die zum Teil turbulent und abwechslungsreich und ehemals wirkungsmächtig war.

In diese Tradition sieht sich laut Grundsatzprogramm auch die LINKE. „DIE LINKE knüpft an linksdemokratische Positionen und Traditionen aus der sozialistischen, sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegung sowie aus feministischen und anderen emanzipatorischen Bewegungen an.“ Für mich sind alle emanzipatorische Bewegung wichtig, allerdings nicht gleichgewichtig.


Roberto hat sich zurecht darüber erregt, dass Sommer in seiner Ansprache den Mindestlohn lobte, „dieser sichere die Würde der menschlichen Arbeit.“ Etwas unglücklich formuliert, das gebe ich zu, gemeint ist damit aber vermutlich, dass wir längst hinter die Errungenschaft der Flächentarifverträge gefallen sind. Der Hauptberuf deckt leider immer seltener den Lebensunterhalt oder den soziokulturellen Bedarf. Wir haben es gesellschaftlich zugelassen, dass der Lohn im neoliberalen Sprech zum Standortnachteil und Wettbewerbsfaktor verkommen ist – in der Folge kam es zu der Schwächung der Gewerkschaften und in der Hochphase der Globalisierungsdiskussion auch zur Kooperation derselben mit den Unternehmensleitungen. Und leider hat sich diese Haltung zur Gewohnheit entwickelt. Und dass die ArbeiterInnen zuerst bei sich selbst sparen, bzw. zulassen, dass dies passiert, hat Tradition.


 „Deutsche Ware ist gefragt – aber nur im Ausland. Die eigene Nachfrage hat sich Deutschland mit Lohnzurückhaltung, Agenda 2010 und Hartz IV gründlich ausgetrieben. Im Februar 2011 lagen sowohl der Absatz des Einzelhandels als auch die Reallöhne in etwa auf dem Niveau von 1994. Die Unternehmen konnten deshalb im Inland praktisch keine, im Ausland aber umso höhere Umsatzsteigerungen erzielen.“ (Werner Vontobel im Freitag vom 02.05.2012).


Auch wenn von der Gewerkschaft langsam wieder höhere Gehälter gefordert werden und die Abschlüsse über der Inflationsausgleich liegen, ändert das an der obigen Aussage wenig.


„Gewerkschaftsgenossenschaften entstanden ursprünglich durch die spontanen Versuche der Arbeiter, diese Konkurrenz [untereinander , K.] zu beseitigen oder wenigstens einzuschränken, um Kontraktbedingungen zu erzwingen, die sie wenigstens über die Stellung bloßer Sklaven erheben würden. Das unmittelbare Ziel der Gewerkschaftsgenossenschaften beschränkte sich daher auf die Erfordernisse des Tages, auf Mittel zur Abwehr der ständigen Übergriffe des Kapitals, mit einem Wort, auf Fragen der Lohn- und Arbeitszeit.“ (Marx zitiert nach Schneider: Kleine Geschichte der Gewerkschaften, S. 409)


Und in diesem Kampf sind wir eigentlich wieder. Längst haben die Gewerkschaften dieses wichtige, aber eng Feld verlassen und der Forderung Marx, dass sie „jede soziale und politische (!) Bewegung unterstützen, die diese Richtung einschlägt. … Sie müssen die ganze Welt zur Überzeugung bringen, daß ihre Bestrebungen, weit davon entfernt, begrenzt und selbstsüchtig zu sein, auf die Emanzipation, der unterdrückten Millionen gerichtet sind.“ (Ebd. 410)


 Alleine der letzte Punkt gelingt schon nicht mehr, wenn man die regelmäßigen Umfragen zu den Auswirkungen von Streiks betrachtet. >Verhandlungen sind ein Geben und Nehmen. Die Arbeitnehmer können nur verhandeln, wenn sie zeigen, dass ihre Arbeit sich auch gesellschaftlich auswirkt. Wenn Mülltonnen nicht geleert werden oder Flüge, Bahnen oder Busse stehen, entstehen den Arbeitgebern Kosten und auch andere Arbeitgeber leiden darunter. Wenn sich aber die Mitbürger nur als Kunden und nicht als politische und solidarische Menschen zeigen, verliert jede Streikaktion an Kraft.

 „Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will“, dichtete Georg Herwegh 1863 für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein.



Auf dem Feld der Solidarität und der Arbeit ist viel zu tun. Das sieht Roberto auf ad sinistram genauso. Und bemängelt dies an der Rede Sommers, die dieser im Fernsehen und vermutlich für das Fernseh gehalten hat.

Nun geht er von der Vielfalt der Aufgaben aus und kommt zu dem Ergebnis, insofern sei „Kippings für viele schrullige Forderung nach Namensänderung schon verständlich.“ Ich konnte es nicht fassen, als ich davon las, denn obwohl die Arbeit als Kategorie im Spätwerk ein wenig in den Hintergrund tritt, ist er doch für Marx und damit für die Denktradition der Linken ein wichtiger Anker und Grundlage für die Kritik der politischen Ökonomie.

Ich rief im Büro Kipping an und hoffte zu hören, dass der Fokus- und der Welt-Artikel Enten seien. Die Mitarbeiterin konnte meine Aufregung nicht verstehen und vermittelte den Eindruck, dies sei lediglich ein Gedankenspiel gewesen. Offensichtlich nach dem Motto auch in der Linken muss man doch mal was sagen dürfen. Hm. Nee.


„Menschliche Arbeit ist nötig. Aber nichts, was Würde verleiht. Die haben Menschen jedoch von vorneherein. Ob mit oder ohne Arbeit. Ob arbeitsfähig oder nicht. Die Würde ist unveräußerlich und bedingungslos.“ Diese Einschätzung ist nicht unbedingt marxistisch. „In Marxens Werk nimmt Arbeit eine Zentralstellung ein, als ökonomische Kategorie, als zweckmäßige, bewußte Tätigkeit des Menschen, als Grundbedingung menschlicher Existenz, als Quelle des Reichtums etc.“ (Jäger/Pfeiffer, 1996,234). Auch wenn es unterschiedliche Einschätzungen darüber gibt, inwieweit es ein Kontinuität oder einen Bruch (11) zwischen Früh- und Spätwerk gibt, muss Arbeit als Grundlage für das gesellschaftliches Leben gesehen werden.


„In -arbeitsteiligen Verhältnissen treten die Produzenten erst vermittelt über den Austausch ihrer Produkte, also gegenständlich vermittelt, zueinander in Kontakt: Die Individuen treten sich nur als Eigenthümer von Tauschwerthen gegenüber, als solche, die sich ein gegenständliches Dasein für einander durch ihr Product, die Waare, gegeben haben. Ohne diese objektive Vermittlung haben sie keine Beziehung zueinander (MEGA II/2, 53).“ 44)


Selbst wenn es stimmt, was Kipping in der „Welt“ wiedergibt „Viele Menschen würden sich inzwischen nicht mehr vor allem über ihre Arbeit definieren. Sie würden zwar immer noch gern demonstrieren gehen, aber für vergnüglichere Dinge als Arbeit“), bleibt die Erwerbsarbeit eine Grundlage der Gesellschaft.
Mit der symbolischen Abwendung der LINKEN vom Namen „Tag der Arbeit“ sagt sie entsprechend mehr über sich und ihre Wahrnehmung der Realität aus, als ihr lieb sein dürfte. Zumal die konservative Welt auch noch am Artikelende hervorhebt, dass die Benennung des 1.Mai auf Landesebene passiert und dieser etwa in NRW „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“ heißt. Damit ist Kippings Vorschlag „lediglich“ ein Wirken in die Partei hinein, was dennoch Fragen aufwirft.


Selbst die „Welt“ scheint sich ein wenig über Kipping lustig zu machen, wenn sie gleich zweimal darauf hinweist, dass dieser Tag ein international begangener Festtag ist, der zur Tradition der gesamten organisierten Arbeiterschaft und deren Parteien, nicht nur national sondern auch international,


Sollte dieses Gedankenspiel tatsächlich seinen Weg in offizielle Papiere der Partei finden, kappt die sie mehr als ihre Wurzeln und wird nichts gewinnen.

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