Der nerdy Urknall

Veröffentlicht: 7. April 2014 in Kultur, Popkultur
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photo credit: chicgeekuk via photopin cc

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Wenn ich mich an meinen Physikunterricht erinnere, werde ich nicht gerade euphorisch, dennoch schau ich mir gerne die bekanntesten drei Fernseh-Physiker und den Ingenieur Howard an – The Big Bang Theory.

Es hat lange gedauert, bis ich mir das erstmal „The Big Bang Theory“ angeschaut habe, aber sie hat mir gleich gefallen. Und offenbar hat sie nicht nur meinen Geschmack getroffen. Und als ich endlich dachte, ich hab verstanden, was Nerds sind, hab ich Folgendes auf Fabians Weblog entdeckt: „Als bekennender Nerd will ich dem Mainstream trotzen und eine Lanze für das Nerdtum alter Schule brechen.“ Und Fabian hat gleich ein Nerdstöckchen für alle ausgepackt. Mh, dachte ich, schauste mal und schon war ich schrecklich unnerdig. Da wende ich mich lieber wieder den Fernsehnerds zu. 😉

photo credit: Daniel Semper via photopin cc

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Popkultur in der Popkultur

Meine liebste Folge der zweiten Staffel ist „Die Geschenk-Hypothese“ (The Bath Item Gift Hypothesis). Alle Themen rund um Nerds werden angeschnitten. Einen Blick auf einen anderen Lebensstil eröffnet sich Leonard durch David Underhill, einem Physikerkollegen und Gewinner des „MacArthur Genius Grant“. Zwar hat David mit seiner Forschung Leonards obsolet werden lassen, doch aus dieser beruflichen Zusammenarbeit ergeben sich für Leonard Eindrücke von einem Physikerleben, dass so ganz anders ist als seines. Als Leonard von einem Treffen mit seinem neuen Freund nach Hause, ins „Nerdwana“ (1/14) kommt, spielen Sheldon, Raj und Howard gerade Wii-Bowling.  Begeistert erzählt Leonard von „Dave“, der in einer Rockband spielt. „Na und, wir spielen auch in einer Rockband“ erwidert Howard empört. „Neein. Wir spielen Rockband auf der X-Box.“ Während der Unterschied zwischen Erleben und Simulieren für Howard offenbar unwichtig ist, stellt Leonard im Verlauf der Serie seinen Lebensstil mehrmals infrage. So stellt es in der ersten Staffel (1/14) fest, „Mädchen, wie Penny, stehen einfach nicht auf  Typen mit Zeitmaschinen.“ Deshalb steht er kurz davor, seine Sammlung, für die ihm Howard „2600 $ und zwei Bäume in Israel“ bietet, an den Comicladen zu verkaufen, als ihn der Anblick von Pennys neuem Bekannten von dem Vorhaben abbringt.

Penny stellt in der Serie den weiblichen Part und den (materialistisch-)weltlichen Außenbezug für die Nerds dar. Dies spiegelt sich auch in ihrem Namen  wider, ist Penny neben dem gebräuchlichen Vornamen umgangssprachliche in den USA auch die „Bezeichnung für die 1-Cent-Münze“ . Obwohl sie soviel Verständnis wie irgendmöglich für ihre Nachbarn Sheldon und Leonard hat und sich mit ihnen anfreundet, befindet sie sich mit ihrer Definition von „normal“ in der WG in der Unterzahl, wie Sheldon in einer Folge anmerkt. Allerdings versteht sie ihre Nerds und deren Macken.

In „Die Geschenk-Hypothese“ fragt Penny Sheldon danach, ob sie, die WG Bewohner, einen Weihnachtsbaum hätten. Sofort erklärt Sheldon, „in seinem geliebten Weihnachtsspecial“, wie Howard von der Couch aus einwirft, dass sie das „antike heidnische Fest [gemeint ist das Aufstellen des Weihnachtsbaums] basierend auf den Saturnalien nicht feiern.“ Penny hält jedoch schon zwei Päckchen in der Hand, Weihnachtsgeschenke für Leonard und ihn. Dies bringt Sheldon in eine Situation, die ihm Unbehagen bereitet. Sheldon scheint nur in der Lage Schenken als Austausch von Äquivalenten  zu sehen, „d.h. du schenkst mir nichts, du erlegt mir ein Verpflichtung auf.“

Leonard Nimoy. photo credit: nooccar via photopin cc

Leonard Nimoy. photo credit: nooccar via photopin cc

Sheldon fährt also mit Howard und Raj einkaufen. In einem Dekoladen, der in Geschenkkörben Badezubehör verkauft, drängen Howard und Rej Sheldon dazu Penny einen solchen Korb zu schenken. Doch nun steht dieser vor der Frage, welche Größe wohl als Gegengeschenk an Penny angemessen wäre. Um keinen Fehler zu begehen, kauft Sheldon einen Korb in jeder Größe und Howard, Raj und Sheldon haben Mühe all die Körben zu tragen. Dahinter steckt Sheldons Plan, nachdem er Pennys Geschank erhalten hat, kurz zu verschwinden, um unter den Körben ein Geschenk mit passenden Gegenwert auszusuchen.
Womit er jedoch nicht rechnet, ist, dass Penny ihm ein ideeles Geschenk macht. Eine Serviette aus dem „The-Cheesecake-Factory-Restaurant“ mit der Widmung: „Für Sheldon, lebe lang und in Frieden, Leonard Nimoy“. Shaldon ist begeistert.  Als er dann hört, dass sich Nimoy mit der Servitte den Mund abgewischt hat, sich also dessen DNA darauf befinden könnte, ist er außer sich vor Freude.

Also bekommt Penny nicht nur einen Geschenkkorb, sondern alle und weil Sheldon dennoch nicht das Gefühl hat, den Gegenwert getroffen zu haben, umarmt er Penny.

 

Nerds sind die wahren Popkultur-Natives

photo credit: kurichan+ via photopin cc

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photo credit: Jose C Silva via photopin cc

„Stein, Papier, Schere, Echse, Spock“: photo credit: Jose C Silva via photopin cc

In The Big Bang Theory verschränken sich die Erzähl- und Popkulturebenen. Nicht nur, dass die Freund regelmäßig Comics und Filme kaufen, und elektronisches Equipment brauchen, dazu kommen Merchandising-Produkte, wie Spielzeuge, Aktionfiguren, Requisieten, Modelle, Kostüme, Roboter oder Darth Vader Sprachverzerrer (1/14, Die Zeitmaschine). Mit dem schnöden Fan hat der Nerd gemeinsam, dass er als Teil des „Pop- oder Massenkultur“ (Mikos, L.: Der Fan, in: Moebius/Schroer: Diven, Hacker, Spekulanten, S. 108) gelten muss. Neben dem notwendigen Geld, die das fröhnen des Kultes verschlingt (Leonard hat für die Zeitmaschine im Internet 800 $ geboten), ist Fan-Sein „eine Distinktionspraxis.“ (Ebd, S. 110). Fabians Formulierung vom „Nerdtum alter Schule“, die sich gegen den Mainstream richtet, deutet darauf hin, dass Nerds ähnlich ticken.

Die Sitcom The Big Bang Theory besitzt selbst mittlerweile einen gewissen Kultstatus und besticht durch Verweise auf die unterschiedliche Serien und aktualisiert sie auf unterschiedlicher Weise. Zum einen tritt mit Wil Wheaton einer der Darsteller von „Star Trek. Next Generation“ mehrmals zu Teil in tragender Rolle auf, aber auch Brent Jay Spiner hat in der fünften Staffel eine Gastrolle und der schon erwähnte Leonard Nimoy leit einer Aktionfigur in einer Folge im englischen Orginal seine Stimme. Damit sind nicht nur die Star Trek Charaktere präsent, sondern auch die Darsteller, die sich selbst spielen. Aber auch Wissenschaftler, wie Stephen Hawking, in dessen „Boxencrew“ Howard kurzzeitig arbeitete, und der Unternehmer und Appel-Mitbegründer Steve Wozniak traten in der Serie auf.

Damit ist die Ebene der Vorbilder genauso präsent, wie die der Jünger, die sich ständig darüber unterhalten und den Serien huldigen, etwa indem Sheldon klingonisch spricht. Darüber hinaus kommt noch eine dritten Ebene hinzu, nämlich unsere, die der Zuschauer der „Big Bang Theory“. Indem wir, wie der hüpfende Fan oben, der gleichzeitig den vulkanischen Willkommensgruß zeigt, womit er sich als Trekki outet, und mit seinem gekauften Fan T-Shirt auf  The Big Bang Theorie verweist und wiederum gesehen werden will, die Ebenen mischen, ohne uns auf was anderes zu beziehen als die pure Popkultur, basteln wir uns eine eigenwillige Fernsehchronik, die mit der Welt außerhalb des Fernsehers und Kinos nur noch auf den Conventions in Berührung kommt. Kulturindustrie as its best.

Aber auch diejenigen, die jetzt aufstehen und es „wild“ haben wollen, begleiten uns:

born to be ein bisschen wild. Vielleicht wären wir gerne Wildschweine im Bett, würden gerne vor Lebensgier röhren wie Hirsche und uns aufregende neue Welten erobern wie Rotfüchse in der Innenstadt – aber am Ende bleiben wir Rehe im Scheinwerferlicht des Spätkapitalismus„,

wie Till Raether bemerkt.

 

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Kommentare
  1. […] und Dr. Leonard Hofstadter weisen kaum ein revolutionäre Potential auf. Wie es Kyrosch Alidusti treffend darstellt, führen sie ein von Popkultur und wissenschaftlichen Heroen durchzogenes Mittelschichtsleben, […]

  2. […] Leonard Hofstadter weisen kaum ein revolutionäre Potential auf. Wie es Kyrosch Alidusti treffend darstellt, führen sie ein von Popkultur und wissenschaftlichen Heroen durchzogenes Mittelschichtsleben, […]

  3. […] Leonard Hofstadter weisen kaum ein revolutionäre Potential auf. Wie es Kyrosch Alidusti treffend darstellt, führen sie ein von Popkultur und wissenschaftlichen Heroen durchzogenes Mittelschichtsleben, […]

  4. […] Artikel erschien ursprünglich hier auf Kyrosch Alidustis Blog […]

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