Klassenkampf im dunklen Pop

Veröffentlicht: 29. März 2014 in Literatur
Schlagwörter:, , , , , , ,

 

photo credit: cosmonautirussi via photopin cc

photo credit: cosmonautirussi via photopin cc

 

Ich erinnere mich, ich hörte als Kind mal ein Geschichte, in dem Vampire vorkamen und ich fand das viel zu aufregend. Ein Fan von Gruselfilmen bin ich auch später nicht geworden. Klar habe ich Nosferatu, Dracula und Tanz der Vampire gesehen, aber sonderlich beeindruckt war ich nicht. Aber seitdem ich über eine Online-Videothek verfüge, gönne ich mir Vampire und Co. Während ich dies schreibe, hör ich übrigens die ??? und der „Vampir im Internet“. Vampire-Multimedial.

Heute morgen dachte ich, schauste mal, was das Internet so zu den Stichwörtern Vampir und Werwolf zu bieten hat. Und das ist eine ganze Menge. Von einem Eintrag, in dem die europäischen volkstümlichen Sagen auf vampir- und werwolfähnliche Gestalten untersucht werden, über einen lesenswerten und ausführlichen Wikipediaartikel zum Thema Vampir und einen weniger ausführlichem zum Thema Werwolf, in dem man aber immerhin findet, dass während der Hexenverfolgung Männer wegen „Werwolfverwandlung“ getötet wurden. Dafür gibt es allerdings eine „kleine Kulturgeschichte des Werwolfs“ von Kaith Roberts, die leider nur in einem Sammelband in Papierform und nur für den größeren Geldbeutel zu haben ist. Interessant ist auch das Buch „Vampire, Monster, irre Wissenschaftler: So viel Europa steckt in Hollywoods …“  von Silvia Kornberger, das es unter google Books in Auszügen zu lesen gibt.

 

Van Helsing und Underworld

Alles fing mit dem Filmchen Van Helsing an. Die Besprechung des Films auf Wikipedia ist wenig dazu angetan, mich jetzt als Fan zu outen, dennoch mir gefällts. Und in dem Filmchen wird zudem der Ursprung der Figurengruppen der Werwöfe und der Vampire thematisiert. Das Herr-Knecht Verhältnis wird zwar kaum behandelt, dafür aber ist ein Werwolf der einzige, der Dracula töten kann. Weshalb der Held kurzzeitig zum Werwolf mutiert und sich Dracula vorknöpft. Der Knecht kann seinen Herren töten. Diese Konstellation ist schon deshalb ungewöhnlich, weil wie Kronenberger zurecht festsstellt, die Sympathien meist bei den Vampiren liegen.

„Jenseits der rattenhaften Gesichtszüge eines Murnauschen Nosferatu zeigt sich der Vampir im US-Kino [in den 1940er Jahren, aber

photo credit: alvaro tapia hidalgo via photopin cc

photo credit: alvaro tapia hidalgo via photopin cc

auch noch bis heute] sexy mit noblem europäischen Touch. Egal, ob Graf Dracula (Bela Lagosi) oder Gräfin Marya Zaleska (Gloria Holden). Beide verkörpern auf ihre Weise als Vertreter des alten Adels die Romantik einer morbiden feudalen Welt ganz im Gegensatz zur modernen bürgerlich-rationalen Gesellschaft.“ (S. 140)

Ganz in diesem Sinne kann man auch Bram Stoker’s Dracula betrachten, der mit Zylinder und eleganten Kleidern, langen Harren und blauem Zwicker auf der Nase, verkörpert er die Pop-Version des Grafen.

Van Helsing gehört damit in die Kategorie „Abwandlungen„, wie „Mark Benecke, deutscher Vorsitzender der >Transylvanian Society of Dracula<“ die neueren Verfilmungen nennt, die eine „wilde Mischung an Elementen vereinen: >Wie in coolen Musikclubs, dort werden Hiphop und Techno gemischt, in Filmen zum Beispiel Werwölfe und Vampire.<“

Aber gerade in dieser Mischung liegt der Reiz. Der Reiz, der immer entsteht, wenn ein Verhältnis dargestellt wird. Und da die Vampire wie oben skizziert scheinbar aristokratisch sind, kommt den Werwölfen die Rolle der Sklaven zu. Durch ein „Kreuzung“ zwischen Mensch und Werwolf entsteht eine neue „Rasse“. Ein Umstand, der sich durch die Underworld-Reihe zieht, ständig geht es um eine Evolution der Großfamilie Vampir-Werwolf. Doch dazu später.

Underworld

Nun, wie Spartakus wird der erste Spross dieser neuen Spezies zum Anführer der Revoltierenden („Aufstand der Lykaner“, Teil 3). Diese haben im Gegensatz zu den ursprünglichen Werwölfen, die innovative Eigenschaft, dass sie menschliche Gestalt annehmen können, was für die Sklavenarbeit natürlich Vorteile hat, jedenfalls im Sinne des Vampirordens. Aber diese Revolte entsteht nicht alleine aus eigener Kraft, sondern auch durch eine transsilvanische Westside-Story. Sonja, die Tochter des Ordensoberhauptes Victor und der Alpha-Lykaner sind ein Paar und sie wird prompt schwanger. Aus Abscheu vor dem ungeborenen „Monster“ (Rassismus), das in seinen Augen bei einem Lykanervater  nur entstehen kann, tötet Victor seine Tochter. Lucian muss dabei zuschauen, womit eine persönliche Grundlage für die Feindschaft zwischen ihm und den Vampiren gelegt ist.
Aber auch unter Werwölfen werden Unterschiede gemacht. Die Kinder Williams, die sich nicht zurückverwandeln können, und die Lykaner. Im Kerker ruft Lycian ruft aus, „Wir sind keine Tiere! […] Sind wir Sklaven oder sind wir lieber Lykaner?“ Fast möchte man hinzufügen: Die Lykaner „haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.“ Damit nimmt der Film in diesem Teil Stellung für die Lykaner, die die besseren Menschen zu sein scheinen.

Der erste Verrat war der des Urvampirs Marcus an seinem Bruder und Urwerwolf  William (Underworld: Evolution, Teil 2). Marcus versprach dem Grafen Victor Unsterblichkeit, wenn er seinen Bruder fänge. Victor kerkert William in einer eignes dafür gebauten Festung ein. Viele Jahrhunderte später, als er erweckt wird, will „Marcus ihn befreien […], auf dass beide über eine neue Generation von Hybriden herrschen.“ Hier kommt ein instrumentelles Verhältnis Marcus gegenüber William zum Vorschein. Auch wenn es der eigene Bruder ist, geht es doch um die Weltherrschaft und darum wird unter den Vampiren und den Menschen gestritten. Marcus, als aristokratischer Ältester, Selene als Vampir-Kriegerin („Todeshändlerin“) und dem Menschen „Alexander Corvinus, den ersten Unsterblichen und Vater“ von Marcus und William und damit der gemeinsame Vorfahre aller Vampire und Werwölfe. Perspektivisch wird die meiste Zeit aus der Sicht der Vampire geschildert.

In der dominierenden Zeitlinie, die um das Jahr 2000 spielt, sind die Werwölfe nur noch eine Gefahr. Sie beschäftigen sich mit Genetik (Underworld), mit dem Ziel, eine Kreuzung zwischen Werwolf und Vampir zu erschaffen und verfolgen daher die Blutlinie der menschlichen Nachkommen Alexander Corvinus. (Alleine ein menschlicher Nachkomme könnte beide Spezies in sich vereinen.) Die Werwölfe besitzen Munition mit integriertem UV-Licht, die für Vampire tödlich ist (Underworld) und haben 2012 nach der gr0ßen „Säuberung“ (die Menschen haben nahezu alle Vampire und Werwölfe getötet; Awakening) Schlüsselstellungen der menschliche Gesellschaft eingenommen. Jetzt beschäftigen sie sich erneut mit der Wissenschaft, um sich selbst zu optimieren, d.h. größer, stärker und widerstandsfähiger zu werden. In dieser Zeitlinie kommt einVerständnis für Werwölfe jedoch kaum auf, sie werden einfach nur getötet. Am Ende des vierten Teils (Awakening) heißt es entsprechend: „DerVampirorden wird nicht nur diese Welt überleben, wir werden sie zurückerobern.“

photo credit: ^^baku^^ via photopin cc

photo credit: ^^baku^^ via photopin cc

Liebe und Wissenschaft

Als Selene das erstemal die UV-Munition der Lykaner im Vampirorden dem geschäftsführenden Ordensleiter Kraven zeigt, will dieser nicht glauben, dass Werwölfe zu einer solchen Leistung fähig seien, womit sich einmal mehr das Standesdenken und der Rassismus ausdrückt. Tatsächlich erfährt man im zweiten Teil der Reihe, dass ein verbannter Vampir die Munition erschaffen hat. Zwar antwortet der Vampirorden im Handumdrehen mit Munition, das mit flüssigem Silber abgereichert ist, doch ansonsten sind die Werwölfe diejenigen, die sich mit Wissenschaft beschäftigen.

Die Vampire bestehen auf der „natürliche Ordnung der Dinge“ (Aufstand …) für sie ist Wissenschaft in diesem Sinne nicht notwendig, es sei denn zur Verteidigung des Status quo. Für die Werwölfe dagegen bietet die Beschäftigung mit der Wissenschaft dagegen eine Möglichkeit sich gegen die Vampire durchzusetzen, womit sie ebenfalls in der Dualität des Herr-Sklaven verhaftet bleiben, aber es weht ein Hauch von Emanzipation mit.
Allerdings scheitern die Lykaner mit ihrer Wissenschaft. Beim ersten Versuch haben die Lykaner zwar den Missing Link zwischen den Nachkommen des Corvinus, Michael, gefunden, dieser verliebt sich jedoch in Selene und arbeitet mit ihr zusammen. Der erste Hybrid stellt sich also auf die Seite der Einzelkämpferin und Rebellin Selene. Michael, der bis zum Auftauchen der gemeinsamen Tochter, der einzige und mächtigste Hybrid der Familie Corvinus ist, hat sich mit dieser Wahl auch gegen die Werwölfe gestellt, obwohl diese ihn erst potentiller Hybriden identifiziert haben.

Und auch Eve, Michaels und Selenes Tochter, die nun als mächtigste Hybridien ihren Vater ablöst und in einem Institut der Werwölfen unter  Laborbedingungen aufwächst, wird Teil der Forschug der Werwölfe, die aus „Eves Blut einen Impfstoff“ herstellen, der ihnen als Dopingmittel dient. Aber auch Eve schließt sich Selene an. Das Testobjekt, an dem der Impfstoff versucht wird, Quint Lane, wächst durch ihn auf die doppelte Größe eines Lykaners heran, ist extrem stark und seine Selbstheilungskräfte wirken ohne Verzögerung. Aber indem Selene ihm im Kampf eine Silberhandgranate in den Bauch steckt, der Körper aber direkt heilt und die Granate umschließt, wird er in Stücke gerissen. Damit wird klar, dass sich die künstlich erworbenen Eigenschaften unbeherrscht gegen den neuen Besitzer wenden. Die Wissenschaft wird damit eher skeptisch bewertet.

Dagegen überschreiten sowohl Sonja als auch Selene die Grenzen ihrer eigenen Spezies, verlieben sich und werden schwanger. Was die Werwölfe mit der Wissenschaft erreichen wollen, erreichen die beiden durch ihre Liebe – die Kreuzung der Arten. Beide werden schwanger, doch alleine Selene bringt ihr Kind zur Welt. Und alleine durch sie konnte Michael zu dem werden, was er wurde.
Während in „Van Helsing“ der Vampir Frankenstein nachahmt, um mithilfe dessen Wissens seine Nachkommenschaft beleben zu können, wird in Underworld die Wissenschaft von den Proletariern unter den Untoten verwendet, während die Aristokratie sich Gefühle leistet. Man kann auch sagen in den Werwölfen steckt ein Stück Frankenstein.

Seit den Klonschaf Dolly 1996 wird das Thema Klonen und die Genetik immer wieder, wenn auch zu wenig in der Öffentlichkeit diskutiert. Seit April 2003 gilt das menschliche Genom offiziell als vollständig entschlüsselt und im gleichen Jahr erscheint Underworld. Natürlich ist dies Spekulation, doch diese Debatte scheint sich in Underworld niederzuschlagen. Mit all den Befürchtungen, die sich in dieser Debatte mitgeprägt haben, Selektion, die Furcht einer Teilung in natürlich/unnatürlich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s