Mythen des Internets

Veröffentlicht: 7. März 2014 in Internet
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Die Carta Redaktion hatte mein Posting „Brainstorming zur Theorie des Internets im Kapitalismus“ übernommen und das Brainstorming unterschlagen. Dabei war mir dies insofern wichtig, als ich mich in dem Thema nicht auskenne und nur das niedergeschrieben habe, was mir als Inhalte wichtig wäre, wollte ich daran arbeiten. Nicht umsonst habe ich es unter der Kategorie Schreibstattwerk abgelegt, was die Carta-Leser aber auch nicht sehen konnten. Kontextloses Lesen ist blind.

Aber da es darauf Reaktionen gab, habe ich die Hinweise soweit ich konnte, verfolgt und noch ein bisschen dazu gelesen. Einen Hinweis habe ich auch in die Kommentare geschrieben und obwohl im weiteren Verlauf der weiteren Kommentare niemand darauf einging, möchte ich das Thema nicht aufgreifen. Und hiermit strukturiere ich ein wenig meine Gedanken.

Wiedergeburt der Moderne?

photo credit: raincoaster via photopin cc

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„Wundert mich, dass das noch niemand getan hat – dieses Konzept ist doch im Prinzip eine >Theorie des Internet im Kapitalismus<”, schreibt Thorstena. Gemeint ist der Text „Wiedergeburt der Moderne?“ von Richard Barbrook und Andy Cameron vom 05.02.1997 auf Telepolis. Beim Lesen des Textes fällt auf, dass es sich nicht um eine Theorie des Internets, sondern um eine Kritik der „kalifornische[n] Ideologie“ handelt. Nichts desto trotz bin über den Hinweis froh, denn in der Kritik der Entstehungsgeschichte, spielen die Geisteshaltungen der Entwickler des Internets genauso eine Rolle, wie die kulturindustriellen Umsetzungen amerikanischer Mythen und Vorstellungen. So spiegeln sich die beiden Fraktionen, die gemeinsam an dem Projekt Internet beteiligt waren, die Hippies (die Neue Linke) und die Yuppies (ökonomisch geprägt und die Neue Rechte) jeweils in der Kultur wieder. Die heutigen (1996) Informatiker sind die „Erben der radikalen Ideen der kollektiven Medienaktivisten. Die kalifornische Ideologie spiegelt daher gleichzeitig die Disziplin der Marktökonomie und die Freiheiten des künstlerischen Hippietums wider.“ Wolfgang Michal nennt dies zurecht den neuen Überbau. „Beide Stränge, die anfangs gleich stark vertreten waren, bildeten zusammen den Überbau, die >Religion<, die wir heute in Deutschland als >sektenhaftes< Verhalten wahrnehmen.“

Dass diese Stränge sich letztlich annähern konnten, liegt an der traditionelle Überlieferung vom Entstehen der Nation durch starke Individuen,

die in Freiheit ihrem Gewinn nachstrebten – durch die Trapper, Cowboys, Prediger und Siedler im Wilden Westen. Die amerikanische Revolution hatte selbst das Ziel, die Freiheiten und das Eigentum der Individuen gegen unterdrückende Gesetze und ungerechte Steuern eines fremden Königs zu schützen. Für die Neue Linke und die Neue Rechte stellen die ersten Jahre der amerikanischen Republik ein mächtiges Modell für ihre konkurrierende Versionen der individuellen Freiheit bereit.“

Abweichend von diesen mythologischen Figuren des Wilden Westens, galt es für die eher alternativen bis linken Hippies neue Figuren zu schaffe, die den neuen Umständen entsprachen.

„In vielen Cyberpunkgeschichten wird dieser asoziale Liberalismus durch die zentrale Figur des Hackers dargestellt, der als einsames Individuum in den virtuellen Welt der Information um sein Überleben kämpft.“ „Mit ihrem Tun durchbrechen Hacker die Grenzen zwischen persönlicher Informationsfreiheit und öffentlicher Kontrolle, zwischen Staatssicherheit und Anarchie, zwischen normalen Bürgern und Abweichlern“, beschreibt Christian Funken (2010) die Sozialfigur des „Hackers“ (Moebius/Schroer (Hrsg.) (2010), 190). „Wegen der Ambivalenzen und Antagonismen, die sie in sich vereinen, eignen sie sich vorzüglich als Gegenstand von Erzählungen, die Ausdruck für die (ir)rationalen Ängste vor der Macht der Maschinen sind, die das moderne Leben beherrschen.“ (Ebd.). Das beste Beispiel ist Anonymous, die, obwohl sie sich nicht als Hacker verstehen, zum Sinnbild für die ambivalente anarchistische NetzbürgerIn wurde.

Wie sich beide Inhalte perfekt ergänzen, erzählt Konrad Lischka anhand von „Apples Image: Werkzeuge des Guten“. Appel und Steve Jobs nehmen nicht etwa Bezug auf die ökonomischen Wurzeln, sondern auf die alternative projekthafte Lebensweise der Hippies.

Dank dieser hat Apple es geschafft, selbst als börsennotierter Konzern mit Milliardenumsätzen als rebellische Kraft der Gegenkultur zu gelten – obwohl Apple seine Kunden zu immer neuen Ausgaben drängt, seine Produkte zu Profitmaschinen ausbaut und Nutzer im eigenen Ökosystem aus Geräten, Software und Inhalten gefangen hält.“

Das ideologische Fundament lassen sich in drei Aussagen zusammenfassen, die sich bereits im Whole Earth Catalog, dem Evangelium einer besonderen US-Gegenkultur“ finden lassen:

    • Gesellschaftliche Zusammenhänge sind irrelevant: Jeder Mensch für sich kann im privaten Handeln eine bessere Welt schaffen.
    • Technik-Glaube: Wer das richtige Werkzeug nutzt, kann alle Widrigkeiten überwinden. Technik ermächtigt Individuen, sich gegen den Staat, gegen das Bildungssystem, gegen Kirchen zu behaupten.
    • Der Staat ist der Feind, Freiheit ist vor allem die Freiheit des Markts.

In diesem Zusammenhang ist es erhellend, dass Barbrook und Cameron darauf hinweisen, dass der amerikanische Staat finanziell bei der Entwicklung sowohl von Computern als auch der Infrastruktur beteiligt war. Und auch in der Bundesrepublik fühlt sich der Bund bzw. der Innovationsminister, sowohl für die Schaffung der „Rahmenbedingungen für ein investitionsfreundliches Klima“ als auch die Finanzierung zuständig. So soll die „so genannten Digitalen Dividende, in die Digitalbranche“ zurückfließen. Die Staatsferne ist als Versatzstück der eigenen Wahrnehmung jedoch offenbar wichtig.

Obwohl auch bisher schon zum Teil schon über die wirtschaftliche Seite gesprochen wurde, haben wir uns immer noch auf der ideologischen Ebene bewegt. Auf der anderen Seite verschleiern die ideologisch aufgeladenen Erzählungen, wie ich sie oben dargestellt habe, zum Teil ökonomische Interessen. Aber stimmt, was Michal im Dezember 2012 behauptet? „Die Internet-Konzerne konzentrieren sich jetzt auf ihre wirtschaftliche Tätigkeit. Sie wachsen und gedeihen, und sie verlieren dabei ihre kommunitären Vorstellungen (oder pflegen diese noch zu Werbe- und Kampagnenzwecken)“. Lischkas Hinweis, dass die Apple Produkte die Botschaft immer noch mit sich schleppen, spricht dagegen. Außerdem scheint sich die Ideologie zwar möglicherweise von ihren Schöpfern gelöst haben, ist damit aber nicht verschwunden, sondern soweit verbreitet, dass selbst diejenigen, die die Figur des Ideologischen durchblicken, zugleich von ihr infiziert sind. Auf der einen Seite kritisiert etwa Lobo die kalifornische Ideologie, um auf der anderen Seite zwei Jahre später, wenn auch aus anderen Gründen, seine Enttäuschung über das kaputte Netz zu Protokoll zu geben. Genauso Michal. Klar kritisiert er, wie oben gesehen, die ideologische quasi Religion, um mit kämpferischen Optimismus 2014 den aktivistischen Journalisten und Blogger zu fordern. Wir alle sind in gewisser Weise in dieser Ideologie gefangen.

Dies geht umso leichter, als sich die beiden Stränge der kalifornischen Internetreligion sowohl ergänzen, als auch gegeneinander in Stellung bringen lassen. Die gegenkulturelle demokratische Tradition lässt sich sowohl gegen den Kommerz als auch staatliche Einmischungen aktivieren. Die unternehmerische Tradition, kann zwar nicht offiziell gegen die vermeintlich demokratische Internetöffentlichkeit wenden, zumal sie von ihr auch ökonomisch profitiert, aber disqualifizieren (der „Netzpöbel“) oder gemeinsam mit dem Staat durch Gesetze knebeln.

Wenn ich also davon geschrieben habe BloggerInnen mit zu beobachten, dann unter anderem, weil die Figur des kalifornische Ideologie immer weiter getragen wird. Die anderen Gründe habe ich schon ausgeführt.

Fortsetzung folgt ….

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Kommentare
  1. Thorstena sagt:

    Du hast Recht, der Text ist eher eine Kritik als eine Theorie.

    Wolfgang Michals „Überbau-Text“ ist ja vor den NSA-Enthüllungen geschrieben worden. Was danach ausgerufen wurde – nicht allein von Sascha Lobo – ist das Ende der kalifornischen Utopie, siehe zB Tilman Baumgärtel in der NZZ: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/das-ende-der-utopie-1.18110281

    Auf jeden Fall war Dein Text bei Carta ein Anstoß für mich, den Wurzeln der kalifornischen Ideologie mal nachzuspüren, siehe http://www.thorstena.de/?p=6224

    Interessant in diesem Zusammenhang für Dich eventuell auch der Blogpost zur Whole Earth-Ausstellung in Berlin: http://www.thorstena.de/?p=5592

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