Schautssoaus? Gedanken zur Zeit

Veröffentlicht: 5. März 2014 in Kultur
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Was ist ein Staat? Kann er Nachfolger haben und wielange gelten Ansprüche? Sollte man an die Geschichte als Erklärungsmuster nehmen?Ich bin ein Fan von Isabel und ihres Blogs „Durch die Blume gesehen“, auch wenn sie ihr Ziel bei mir nicht immer erreicht, „einiges etwas anders zu sehen“, nachdenkenswert ist es immer. Und so bin ich ihrem Link auf den Artikel „Die Geschichtslosigkeit der Deutschen“ gefolgt und hab mir den Artikel noch ein zweites mal durchgelesen. Aber der Artikel beunruhigt mich genauso, wie Isabels Hinweis auf 1914. Wir blicken gerade auf die Geschichte, erstarrt wie ein Kanichen vor der Schlange.

Krims-Geschichte

Isabel hatte den Vergleich mit dem Kosovo erwähnt. „Die NATO hat das Kosovo zu einem unabhängigen Staat gemacht, unter dem Jubel der Kosovaren aber unter dem Protest Serbiens“, wobei der Protest unter den Namen Kososvokrieg bekannt wurde.  Im Gegensatz dazu schreibt Frank Lübberding, dass es eine Geschichtsvergessenheit wäre, dass irgendeine russlische Regierung „in einer Situation wie jetzt in der Ukraine anders reagieren könnte als der amtierende Autokrat im Kreml. Die Ukraine ist aus historischen, ökonomischen und politischen Gründen für Russland existentiell.“ Historisch begründet er es zum einen damit, dass die Krim seit Katherina der Großen zu Russland gehöre und in der Zeit der Sowjetunion nur der Ukraine zugeschlagen wurde, „weil Chruschtschow 1954 aus machtpolitischen Kalkül den Einfluß Russlands in der KPdSU schwächen wollte.“

Nun ist die Geschichte Russlands und der Krim-Tataren wechselhaft, wie man dankswerterweise den von Lübberding verlinkten Texten entnehmen kann. Da haben Russen unter dem Krim-Khanat (um 1430-bis wurde 1783) und der golden Horde (1238 bis 1480) gelitten und später nach 1783 (Katharina II. deklarierte am 8. April 1783 die Krim „>von nun an und für alle Zeiten< als russisch„) war es eher umgekehrt.  Entsprechend kann ich zwar Lübberding Warnung verstehen, dass man die Ressentiments der ansässigen RussInnen nicht wecken soll, andererseits habe die Krimtartaren ebenfalls historisch begründet allen Grund sich Russland nicht verbunden zu fühlen. Und nun?

Sein Argument, dass das heutige Konstrukt um die Krim nur Bestand hat, weil Berg-Karabach „das abschreckende Beispiel gewesen [ist], was passieren könnte, wenn die in der Sowjetunion eingefrorenen nationalen Konflikte wieder ausbrechen sollten„, ist dagegen nachvollziehbar.

Um auch mal einen historischen Vergleich zu ziehen: 1235 war der wird der Große Mainzer Landfriede geschlossen. Es ist das sogenannte Hochmittelalter. Nur drei Jahre vor Beginn der Herrschaft der goldenen Horde in Russland, auf die Lübberding verweist.  Vom Hochmittelalter bis heute sind Reiche entstanden und vergangen. Auf welches Stück Land gibt es in Europa und der Welt, schaut man sich die wechselnden Dynastien und Herrschaften an, historisch betrachtet nicht mehrere Ansprüche. Sich eine Perspektive zu eigen zu machen, statt aus der Gegenwart heraus eine Lösung zu finden, scheint mit falsch.

Geschichtsvergessenheit oder Versessenheit

Es ist 2014, 100 Jahre sind seit dem Beginn des I. Weltkriegs vergangen und die Historiker haben mal wieder Hochkonjunktur. Heute sehen wir (die russischen Soldaten sind mittlerweil auf den Weg zurück in die Kasernen) uns vermeintlich in einer Wiederholung. Am Anfang der Woche sah es danach aus, als ob Viktor Janukowitsch, mit seiner Bitte um Hilfe, die Rolle des erschossenen Erzherzog Franz Ferdinand einnehmen wollte. Phasenweise war ich irritiert, dass eine Art Kriegserwartung aus- und andererseits die täglich Banalität nicht abbrach.

„Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist uns die Welt von vor 1914 wieder näher gerückt. Wir entdecken frappierende Ähnlichkeiten mit unserer Zeit: die Erfahrung von Beschleunigung und Globalisierung, von Dynamik und der schnellen Veränderung gewohnter Lebensumstände und Alltagswelten durch neue Technologien, das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben – bis hin zu psychosomatischen Reaktionen, die heute nicht Neurasthenie, sondern Burnout heißen.“

Vergleiche können richtig verstörend sein und wäre nun tatsächlich um die Ukraine ein Krieg ausgebrochen und die NATO oder die EU hätte sich gegen Russland gewandt und sich eingemischt, vielleicht hätte ich den Text, den ich vor zwei Tagen begann, nicht weitergeschrieben. Aber wir können uns mit unserem Wissen um die Geschichte auch selber lähmen, vor allem, wenn wir historische oder ideologische Ansprüche für heute als geltend annehmen. Diese Haltung, die im Nahen Osten seit Jahrzehnte die Gegenwart prägt, sollte nicht zur Weltsicht werden. Es gilt Lehren aus der Geschichte zu ziehen, nicht die Vergangenheit zum Deutungsmuster der Gegenwart zu machen.

Und: „das Aushalten von Uneindeutigkeit und Krise ist eine Grundbedingung der gesamten Moderne. Nichts ist unabwendbar und nichts ist sicher. Alles kommt anders als gedacht, und manchmal ist es entscheidend, einfach nur Zeit zu gewinnen.“

Und zugleich gilt, wir gestalten die Zukunft selber, indem wir die Gegenwart als offen ansehen.

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