Alles links oder was?

Veröffentlicht: 27. Februar 2014 in Gesellschaft, Kultur
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photo credit: Thomas Rodenbücher via photopin cc

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Vom 25.02.2014

Sarrazin, Medienmacht und die Kommentarfunktion

Immer wieder bin ich verwundert, wie sehr meine Wahrnehmung sich offenbar von der der Mehrheit unterscheidet. Manchmal bin ich direkt froh, auf der anderen Seite stellt sich dann die Frage, aus welcher Einzelperspektive schreib ich da eigentlich? Nachdem Deutschland sich abgeschafft hat, beklagt Thilo Sarrazin die Diktatur der Mehrheitsmeinung und die sei: links (?). Vorweg, ich hab „Der neue Tugendterror“, wie auch keines der anderen Bücher des Ex-Senators, Ex-Bundesbankvorstandsmitglieds gelesen, kann also nur verwundert wiedergeben, was sich in meiner Lektüre der Rezensionen und Leserkommentare in einigen wenigen Medien so findet. Und das ist allerhand.

Als ich am späten Morgen den elektronischen Posteingang öffnete, hatte in den Newsletter von Cicero Online bekommen. Der online Cicero ist immer einen Blick wert, also hab ich den Newsletter geöffnet und bin über folgende Einleitung gestolpert, die sofort ihren Dienst tat:

„Liebe Leserinnen und Leser,

Alexander Kissler findet, es kann einer Gesellschaft nur guttun, wenn da einer nervt und quengelt und die Ruhe des vermeintlichen Einverständnisses stört. Deswegen verteidigt er Thilo Sarrazin.“

Also ein gelungener Aufmacher, denn ich bin dem Link gefolgt. Eigentlich hatte ich gehofft, dass nach den Dingen, die ich über die anderen Bücher gelesen und gehört hatte, neben dem Hoch auf einen Querulanten, doch einiges an Kritiken stehen würde. Stattdessen kritisiert Alexander Kissler Sarrazin eher sacht und kommt ihm in dem wesentlichen Punkt entgegen.

Sarrazins zentrale These ist, diesem Artikel zufolge, eine Mehrheit der Journalisten seien linker eingestellt, als ihre Leserschaft und die Gesamtgesellschaft. Dieser Befund, den ich zunächst als konservativen Mythos abtuen wollte, wird allerdings in der Studie „Politikjournalistinnen und –journalisten“ von Lünenborg und Berghofer (Selbsteinschätzung: „leicht links von der Mitte“)und auch in „Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft: Eine Einführung“ (S. 155) bestätigt – obgleich die ursprüngliche These wohl aus den 1970ern stammt. Im gleichen Buch wird dies allerdings auch wieder relativiert, wenn die Einbettung der JournalistIn in die Organisationseinheit Redaktion betrachtet wird. Aber hier gibt es unterschiedliche Sichtweisen (S. 157), die letztlich auf den ideologischen Streit über die Autonomie eines Individuums in einem System verweisen.

Dass Kissler als „Ressortleiter Salon“ eher der Autonomiethese anhängt, mag wenig überraschen, zumal wenn er auf die Aussage von Sarrazin zu der „Linkstendenz der Journalisten“ feststellt: „(präziser wäre: vieler Journalisten)“. Womit er sich politisch positioniert. So schreibt er:

Der Blick auf den gegenwärtigen Bundestag, in dem letztlich nur sozialdemokratische und sozialistische Positionen vertreten sind, bestätigt den Befund“. Und weiter: „Zutreffend identifiziert Sarrazin eine übersteigerte Gleichheitsideologie als den Kern linker Menschheitsbeglückungsphantasien, die auf dem Rücken der zu beglückenden Menschen ausgetragen werden.“ Und schließlich schließt Kissler seinen Artikel mit seinem Dank an Sarrazin: „Dem Staatsbürger Sarrazin ist dafür zu danken, trotz alledem, trotz alledem. Soweit aus dem online Teil des „Magazins für politische Kultur“, dessen Redakteur vom Fundus seines Wortschatzes her offensichtlich im Kalten Krieg verblieben ist.

Medien und der vorbereitete Diskurs

Das Problem bei diesem Diskurs, den Sarrazin in „Der neue Tugendterror“ aufgenommen hat, ist, dass er der landläufigen Meinung recht gibt, zumal, wenn die Medien das Buch kritisieren.

So stellt ein FAZ-Leser fast vergnüglich fest:

Habe das Buch am Samstag per Download als E-Book erworben und 80 % durchgelesen. Das aktuell ablaufende Verhaltensmuster der Medien ist 1:1 in seinem Buch beschrieben. Es zaubert mir ein lächeln aufs Gesicht, wenn ich die Schnappatmung der Presse förmlich spüre.“ (Die Reaktion der Medien bestätigt Sarrazin 1:1).

Ohne es jetzt auch nur belegen zu wollen, bitte ich kurz nur mal innezuhalten und sich erinnern: Wer hat nicht schon über linksliberale Lehrer, linke Hochschullehrer und linke Journalisten gelesen, die angeblich ihre Institutionen oder gar die Gesellschaft dominieren? Und ich frage mich regelmäßig, wo sind sie denn? Die Schwierigkeit an der jetzigen Debatte ist, dass die Medien sie selbst anschlussfähig gemacht haben. In diesen Diskurs gehört auch der um die Political Correctness. Der Fokus Money Journalist Thomas Wolf fragt entsprechend: Was darf man in Deutschland sagen – und was nicht?

Denkschablonen statt ergebnisoffener Debatten – das hat viel mit den Medien zu tun. Schließlich fallen die Vorstellungen davon, was gut und richtig ist, nicht einfach vom Himmel. Der Medientheoretiker Norbert Bolz spricht Klartext: Seit Jahrzehnten dominierten die Linksintellektuellen den Diskurs, sie hätten ›das ausgeprägt, was wir Political Correctness nennen‹.“ (ebd.)

Wie viele Tachelesredner und angebliche Tabubrecher haben nicht schon in den Talkruden gesessen, von Hans-Olaf Henkel bis zum Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky?

Da ist es schon ein seltsamer „Ausrutscher“, dass David Hugendick in seiner Besprechung von Sarrazins Buch ausgerechnet von Gutmenschen und und von „Sprachhygieniker“ohne Anführungszeichen schreibt, obwohl er Sarrazin „Der neue Tugendterror“ und seine Stellung in der öffentlichen Debatte überzeugend seziert.

Totalität linker Meinungsherrschaft?

Ich habe nun einige sicher nicht repräsentative Beiträge aus verschiedenen Leserforen aufgelistet, die für sich selbst sprechen. Allen gemeinsam ist jedoch der Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber Medienmachern. Ein Umstand, der zu denken geben sollte, vor allem, weil die hier aufgeführte konservative Spielart des Medienmisstrauens von der politisch anderen Seite nicht wesentlich anders ausschaut (Lanz-Debatte). Warum ist dies beachtenswert? Weil die Medien für sich als „vierte Säule“ des politischen Systems quasi Verfassungsrang beanspruchen und damit einer Legitimation bedürfen, die sie sich aber anders als die anderen Institutionen erst verdienen müssen.

Wenn der Vorwurf, dass die deutschen Medien redaktionell links stehen, falsch ist, welche politischen Sendungen oder Nachrichten im öffentlich[..]-rechtlichen Fernsehen wären denn dann redaktionell noch konservativ? Welche Haupt-Zeitungen wäre[n] noch konservativ zu nennen? Welcher Journalist traut sich noch ARD und ZDF entschieden zu widersprechen, wenn um die sensitiven Themen geht? Welche[r] Journalist der etablierten Medien traut sich z.B. „Flüchtlinge“ illegale Einwanderer zu nennen?“ (Wie gerade beim Fall der Anti-Lanz-Petition …)

Diese Position, die inhaltlich einen massiven Vorwurf enthält, ist vergleichsweise moderat im Ton und eine der ersten Kommentare von 345 (Stand 25.02.14, 21:41) auf einen Artikel von Kaube in der FAZ, hinter der sich ja immer gut frisierte Köpfe finden lassen.

Letztendlich sagt er [Sarrazin, K.] nichts wirklich Neues – doch er erregt sich dabei sehr – das schafft (leider) Stammtischatmosphäre. Ohne seine schenkel-klopfenden „Jünger“, wäre er durchaus ein fähiger Zeitgeistanalytiker.“( Gehobener Stammtisch oder der große Durchblick ?)

Ich hoffe, dass ganz viele erkennen, wieviel Wahres an dem provokanten SPD-Mann dran ist, die AfD wählen! Wenn es Europa, Deutschland und den lauteren Bürgern dient, stehe ich als sozialer Humanist bei den Populisten in der ersten Reihe!“ (… und er hat DOCH recht!)

Im Fokus wurde am 24.02.2014 gemeldet, dass sowohl Maischberger als auch der RBB geplante Sendungen, die der Buchvorstellung dienen sollten, abgesagt hat.

Auch in dieses Thema hätte Sarrazin und sein Buch gepasst. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen auch vom öffentlich verordneten Mainstream abweichende Meinungen anhören. Das ist Demokratie. Würgen sie Sarrazin ab, beweist dies seine These vom „Tugendterror“.“(„Hartz IV für alle: Sind wir das Sozialamt Europas).

In unserem Land ist seit Jahren zu beobachten, daß Meinungen[,] die nicht dem politisch korrekte[n] LEITBILD entsprechen, unterdrückt werden. Eine unausgesprochene, heimliche Zensur. Man kann es besonders deutlich feststellen, wenn man beobachtet wie die neue €-kritische Partei AFD in den Medien behandelt wird. Für eine DEMOKRATIE ein Skandal!“(ARD lädt Sarrazin aus)

Gesamtschau

Natürlich sind das unwesentlich wenige Zitate, von denen es mit gleicher Stoßrichtung allerdings erheblich mehr gibt, und es gibt mindestens, wenn nicht mehr kritische Anmerkungen zu Sarrazin und dessen Thesen. Weshalb dann der ganze Artikel? Die Antwort kommt ebenfalls aus den Leserreihen:

Ein weiterer müßiggängerhafter Blick in die Foren erhellt dann aber, was der Plebs so denkt[. D]ieses Dummvolk ist doch glatt näher am Thema, kann das auch begründen und schlägt sich, das jedenfalls war zu erwarten, doch mehrheitlich auf die Seite des Autors.

Unserer Presse täte es gut, hinterfragte sie endlich die Ursachen dieser sich zwischen ihr und dem Dummvolk doch aufgetanen Kluft. Fürs Dummvolk scheint die Presse bei manchen Themen nicht mehr zu schreiben, für wen bitte dann?“(QED!)

Aber da ist etwas passiert, etwas, das unsere Demokratie gefährdet…Man sehe sich einige [T]ausend [F]oren an. Völlig unabhängig voneinander werden die Medien von vielen nur noch als Desinformationsschleudern wahrgenommen.“(ein tatsächliches Problem) (eig. Herv.)

Dieses letzte Zitat ist das wesentliche. Sarrazin hat mit seiner Schrift bzw. mit der ausgelösten Debatte ein Unwohlsein getroffen, das gewaltig an der Legitimität der Medien kratzt. Ganz ungesehen davon, ob die These von der linksliberalen Medienmeinung nun stimmt oder nicht.

Aber man kann leider nicht sagen, dass Medien selbst unschuldig an der Situation wären. Und damit widerspreche ich der These von der linken Medienmeinung. Die beiden angeführten Beispiele sind nur exemplarisch für einen zunehmend unreflektierten Umgang mit Zuschreibungen (Gutmenschen, Sprachhygieniker, denn zumindest Ersteres findet sich meinem Eindruck nach mittlerweile erstaunlich häufig )– die andere Interpretationsmöglichkeit, die Absicht, führt in ein zunehmend kulturalistisch aufgeladenes ideologisches Ringen, womit wir uns einer US-amerikanischen Lagerbildung annähern würden.

Nun ist es ungewöhnlich, dass man in Zusammenhang mit Medien von Legitimität spricht. Doch die Medien haben nicht nur die Funktion der vierten Gewalt, sondern auch eine Mittlerfunktion zwischen dem Ereignis und den Medienrezipienten. Für beide Funktionen benötigen sie jedoch Vertrauen, deshalb ist bereits das Bröckeln desselben alarmierend.

Eine etwas geglättete Version findet sich in Laufe des Tages auch auf Carta.

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