Brainstorming zur Theorie des Internets im Kapitalismus

Veröffentlicht: 23. Februar 2014 in Internet

Die Debatte, die Wolfgang Michal losgetreten hat, hat mich die letzten Tage beschäftigt. Dazu einige Überlegungen.Ausgangspunkt ist die bereits zitierte Vorstellung von Michal von einer Idee des Internets im Kaptalismus. “Es fehlt nicht an Theorien des Internets, es fehlt eine Theorie des Internets im Kapitalismus. Erst dann gibt es einen realistischen Zugang, erst dann wird man die Technik, die Strukturen und die Beteiligten in einem anderen Licht sehen können.” Die zweite Idee, die sich bei mir im Kopf dazu vermengte, war eine Formulierung von Christoph Kappes „How about einen Schuss Pop? Poppy Carta“. Bei mir hat sich dies allerdings gedreht, in die Idee der Popkultur und deren Kritik.

Bei der ersten Suche nach Informationen im eigenen Bücherregal fiel mir ein Aufsatz von Wolfgang Fritz Haug in die Hände:
„Kapitalismus + Computer = ?“. Die Industrie 4.0, kann hier noch nicht berücksichtigt werden, so wie deren  Folgen noch nicht absehbar sind, obwohl sie Michal häufiger als Beispiel nennt. Es gibt jedoch auch gegenwärtige Konsequenzen und Folgen in der Wirtschaft.  Die Frage, die sich stellt, ist, ob nicht viel häufiger als für mich sichtbar, die gewerkschaftliche  und arbeitssoziologische Sicht lesbar sein sollte, schließlich sind die ArbeitnehmerInnen Beteiligte. Internet und Ökonomie darf nicht nur auf virtuelles Geld und die Informationsdienstleistungen und den Handel beschränkt werden.

Aber auch die Zunahme von Freiberuflern, die mit dem Internet zuhause eine Infrastruktur nutzen können, ohne die eigene Sichtbarkeit und Arbeitsfähigkeit nicht zu gewährleisten wäre und zu denen nicht zuletzt viele freie JournalistInnen gehören, müsste in die Betrachtung einfließen. Der potentiell anderer Pool des flexiblen Menschen ist der des Prekären  (Opitz: Der flexible Mensch, in: Diven, Hacker, Spekulanten, 146).

Hier muss natürlich zwischen den Folgen der Computerisierung und den Netzwerken unterschieden werden, aber dies sind Feinheiten. Haug spricht in Anlehnung an Lüthje vom Computer als „Leitproduktivkraft“  (Haug, 2005, Kapitalismus + Computer =?, 112), weil Computer und das Internet eben kaum noch auf einen Bereich eingrenzbar seien. Dies gilt sowohl für die Arbeitswelt, als auch für das Private.

„Was er [Herbert Marcuse] als Doppelfunktion des wissenschaftlich-technischen Fortschritts (als Produktivkraft und Ideologie) beschrieb, können die heutigen Computer-Kids an ihren Terminals und Spielekonsolen erfahren, beim Gebrauch des Handys, beim Chatten im Internet.  Auf ihre Weise erfahren das auch die Kapitalismus- und Globalisierungskritiker, wann immer sie sich über das Internet artikulieren und organisieren“ (Haug, 2005, Kapitalismus + Computer =?, 116).“

Hier kommt die Idee der Popkulturkritik ins Spiel. In einem großartigem Beitrag für Beatpunk erläuterte Roger Behrens den Ansatz einer „kritischen Theorie der Popkultur“, und stellt dabei Fagen und macht Feststellungen, die sich auch auf das Internet übertragen lassen. Ich denk hier vor allem an die BloggerInnen, die man durchaus als Kulturschaffende fassen könnte. So werden Blogger im einem Call der Sektion Professionssoziologie und der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie exemlarisch als Beispiele einer Amateurkultur verstanden, die „das Berufsprinzip sowie die Experten und Professionellen“ herausfordert. Die Soziologen stellen unter anderem die Frage: „In welchem Ausmaß sind Neue Medien die entscheidende Bedingung für die Renaissance der Amateure?“

„Wenn man von Benjamin den Vortragstitel ›Der Autor als Produzent‹ als Formel nimmt und auf die Popkultur überträgt und dann vom Popmusiker als Produzenten spricht, wird man nach meiner Erfahrung leicht feststellen, dass die Produktionsverhältnisse in der Popkultur nie thematisiert werden.“

Dazu gehört, dass zwar einige der BloggerInnen hauptberuftliche JournalistInnen sind, andere aber das ganze Spiel in der Freizeit betreiben. Dies bedeutet in einem gewissen Sinne, dass auch die Freizeit so strukturiert werden muss, dass für das Schreiben Zeit bleibt. Ist die Professionalisierung der Freizeit ein erstrebenswertes Ziel? Welche Rolle können/wollen Amateure übernehmen, wenn sie nicht nur permanent mit US-amerikanischen Bloggern, sondern auch mit bezahlten Kräften verglichen werden? Auch diese Fragen gehören dazu, wenn man über die Beteiligten am Internet fragt.

Fasst man die Bloggospäre tatsächlich als Teil der Sphäre der Kulturschaffenden, stellt sich natürlich auch die Frage nach deren Wirkungsweise, zumal, wenn die Anlehnung an Mainstreammedien stark ist. Dann besteht die Gefahr, dass „kulturellen Verhältnisse eine Eigendynamik entwickelt haben und gleichsam die gesellschaftlichen, repressiven Strukturen verdoppeln und verlängern.“ Nun ist diese Sphäre nicht einheitlich und kann auch nicht als solche gefasst werden, doch die Frage nach ihrer Funktion sollte gestellt werden, zumal, wenn embedded Blogger auf den Online-Seiten der Printmedien schreiben und dort eine vermeintlich außenseitige Stellung einnehmen.

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Kommentare
  1. sunflower22a sagt:

    Ich glaube es ist differenzierter. Natürlich gibt es hauptberufliche Journalistinnen die auch bloggen, aber darunter sind auch solche die in ihrem Hauptberuf ganz andere Dinge schreiben (müssen) als in ihren Blogs. Die können zwar auf eine solide journalistische Praxis und Ausbildung zurückgreifen, aber sie machen den Blog letztlich auch in ihrer Freizeit. Aber damit reprosuzierren sie definitiv keine repressiven Verhältnisse, im Gegenteil. Ich reproduziere mit meinem Blog mein persönliches Unbehagen über diese Verhältnisse, aber mache keinen Mecker. und Jammer-Blog sondern einen Blog in dem auch schöne Dinge genug Raum bekommen. Das geht leider vielen Polit-Blogs ab. Leider.

    • kultgenosse sagt:

      Der Punkt, dass auch JournalistInnen nebenberuflich bloggen, ist richtig, dennoch ist dies auch nie ganz nur Hobby. Aber da kann man unterschiedlicher Meinung sein. Was die Reproduktion von Kunst oder Kultur angeht, so geht Roger Behrens nach dem marxistischen Überbaumodell davon aus, dass sich die ökonomischen Verhältnisse ideologisch auch in der Kultur ausdrücken. Selbst abweichende Meinungen und Einstellungen werden letztlich als Teil der Kulturindustrie aufgesogen, indem man etwa versucht „den abgerissenen Szene-Look mit Schönheit zu kombinieren“ (aus meinem Lieblingsartikel) 🙂 Selbst der Besuch des bissigsten Kabaretts, dient doch nur dazu, hinterher äußerst kritisch doch so weiter zu machen wie vorher. Besser erklärt findest du es, wenn du dem angebenen Link folgst.

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