Ein spannendes Verhältnis

Veröffentlicht: 21. Februar 2014 in Literatur, Politik
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Seit bald einem Monat schlag ich mich mit einer Buchbesprechung rum, obwohl ich das Buch bereits seit drei Wochen gelesen habe und zwar mit Gewinn. Es geht um das wirklich lesenswerte Buch von Lisa Herzog (2013): Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus.

Eigentlich ist Liberalismus ja pfui. Wir haben uns ja (fast) alle über die abgesägte FDP gefreut. Aber Herzog schafft es tatsächlich (aus einer sozialdemokratischen Sicht,) den Linksliberalismus wieder ins Spiel zu bringen. Profund setzt sie sich mit den Fehlern des Neoliberalismus als Idee (homo oeconomicus) und in der Ausführung auseinander und entwickelt eine Gegenposition, die Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verbindet. Freiheit sieht sie als individuelle Freiheit, die für alle bzw. jedeN EinzelneN gelten können muss. Weil aber nicht alle gleich sind, können nicht alle gleichbehandelt werden, sondern einzelne bedürfen größerer Unterstützung als andere. Auch das Verhältnis von Markt zum Staat denkt sie  aus dieser Sicht. Wie gesagt, nicht neu, aber neu liberal und nachvollziehbar begründet.

In der Linken besteht aus meiner Perspektive jedoch (zurzeit) ein blinder Fleck, was eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Liberalismus angeht. Dies betrifft sowohl die liberalen Elemente im eigenen Denken, aber auch die strategische Option einer Zusammenarbeit an eben diesen Punkten. Nun kann man in der entsprechenden Literatur für dieses  Idee sowohl Unterstützendes, als auch tiefe Gräben entdecken. So heißt es im Wörterbucheintrag „Liberalismus“ bei Janna Thompson:

„Marxismus und L[iberalismus] beziehen sich positiv auf menschliche Gleichheit, individuelle Selbstverwirklichung und gesellschaftlichen Fortschritt, obwohl sie diese unterschiedlich interpretieren. Beide erhielten Anstöße durch die französische Revolution, beide sehen sich in Gegnerschaft zu Konservatismus, Faschismus und religiösem Fundamentalismus.“ (Janna Thompson: Liberalismus, in: HKWM, Bd. 8/I, 1037).

Eine unversönliche Haltung nimmt Patrick Schreiner ein. Für ihn und viele andere ist der Sündenfall Chile entscheidend – nachvollziehbar. Auf theoretischer Ebene fasst Paolo Ercolani (Liberalismus, in: HKWM, Bd. 8/I, Spalte 1052-1059) die elitären und undemokratischen Fassaden manch liberalen Denkens zusammen.

Für mich ist ein bekanntes Marxwort aus dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ entscheidend, das den Brückenschlag gerade zu anbietet:

„An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ (MEW, Bd. 4, 482).

Über eine punktuelle Zusammenarbeit und Gemeinsamkeiten im politischen Bestand nachzudenken, sollte daher möglich sein. Dafür bietet Herzog eine gute Grundlage: Herzog, Lisa (2013): Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus, C.H.Beck.

 

Aktualisierung: 10.12.2014: Interview mit Lisa Herzog in Sternstunde Philosophie

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