Medienstars und Pussy Riot

Veröffentlicht: 8. Februar 2014 in Kultur, Punkgebte
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(c) kultgenosse

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Ich gebs zu, seit der Haftentlassung habe ich das Thema Pussy Riot aus den Augen verloren und bei meinem letzen Beitrag dazu war die Hoffnung wohl die Mutter des Gedankens.

Gestern erschien auf der Internetseites des Freitags der offene Brief: „Wir haben zwei Freundinnen verloren“. Darin wird deutlich, dass es, anders als ich gehofft habe, tatsächlich eine Hinwendung Maria Aljochinas und Nadeschda Tolokonnikowas zu einer reinen Menschenrechtspolitik gibt. „Aber diese Art der Vertretung ist mit radikalen politischen Statements und provokanten Kunstwerken kaum vereinbar – ebenso wenig wie Gender-Konformismus mit radikalem Feminismus vereinbar ist.“ Dies erklären die „anonymen Mitglieder von Pussy Riot“ auf Freitag.de.

Erstaunlich und positiv ist, wie ich finde ist, dass die unbekannten Mitglieder der Gruppe, das Vorhaben und die Arbeit nicht herabwürdigen, sondern feststellen:

„Ja, wir haben zwei Freundinnen verloren, zwei ideologische Teammitglieder, aber die Welt hat zwei starke Menschenrechtskämpferinnen gewonnen, die sich für die Rechte russischer Häftlinge einsetzen.“

Dieses Statement lese ich als eine notwendige Richtigstellung, was die Gruppenzugehörigkeit der beiden Entlassenen angeht. Notwendig? Ja, denn die medial bebilderte Aufmerksamkeit hatte nun drei, später zwei Gesichter, denen Geschichten und Äußerungen zugeordnet werden konnten. Die Personifikation der Pussy Riots konnte beginnen.

Der Spiegelredakteur Matthias Schepp hat im Interview mit Nadeschda Tolokonnikowa in einer Passage mit ihr über ihre Rolle in den Medien angesprochen. Und seine einleitende Feststellung lautete richtigerweise: „Durch die Verurteilung zu zwei Jahren Lagerhaft sind Sie weltweit zu einer Ikone der Freiheit und des Kampfes gegen das autoritäre Putin-System geworden, gleichzeitig aber auch zu einem Sexsymbol.“ Dass eine intelligente Frau, die aus dem Gefängnis heraus einen öffentlich wahrgenommenen Briefwechsel mit Slavoj Žižek unterhalten hat, die Reduzierung auf ein Bild oder Symbol anlehnt, ist klar. Ihr geht es damit ähnlich wie Sahra Wagenknecht, was jene aber nicht davon abhält, davon zu profitieren. Dennoch ist Tolokonnikowas Verhältnis zu den Medien in dieser Zeit ein anderes geworden, als das ihrer MitaktivistInnen unter den Strickhauben.

Damit hatte der anonyme Protest Gesichter bekommen, was nicht nur die beiden Frauen hindern würde, in der gleichen Weise weiter Politik zu treiben, sondern zwangsläufig auch die Struktur der Gruppe ändern müsste. Dass die anderen Frauen weiter machen wollen, dass ist die eigentlich positive Nachricht, die ich herauslese. Und dies ist auch bitter nötig, denn schon beginnt die Strategie der Umarmung und Vereinnahmung, mit der die moderne Gesellschaft Abweichungen absorbiert und lahmlegt. Kategorie: Riot Grrrls.

„Von solchen Verhältnissen konnten die ersten Punks in London in den Siebzigern nur träumen. Die Ideen jener Punks auf Russland 35 Jahre später angewandt zu haben, darin liegt die kulturelle Leistung, die der Westen nie gebührend würdigen konnte.“

Pussy Riot muss nun zeigen, dass sie weiterhin was zu sagen haben. Dieser offene Brief kommt zur richtigen Zeit und ist dringend nötig, um weiter Politik betreiben zu können.

Die Kampagne ‚Free Pussy Riot‘ ist vorbei. Wir als Kunstkollektiv haben das moralische Recht, unsere künstlerische Praxis, unseren Namen und unsere äußerliche Identität zu bewahren und uns von anderen Organisationen abzugrenzen.“ Schreibt das Kollektiv weiter. 

Aber möglicherweise gilt das Motto „Free Pussy Riot“ jetzt erst recht. Jetzt geht es offenbar um die Befreiung von ihren Medienstars, denn wie sie zurecht betonen:

„[Es] wird die Tatsache ignoriert, dass vor der Kanzel der Christ-Erlöser-Kathedrale nicht zwei, sondern fünf Frauen in Balaklavas standen und dass an der Performance auf dem Roten Platz acht Frauen teilnahmen.

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