Werte II: Ein Spottlied auf die Wertegemeinschaft

Veröffentlicht: 6. Februar 2014 in Kultur, Politik
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„Die Rache der Journalisten an den Politikern ist das Archiv.“ In dieser Woche wurde dieser Ausspruch von Robert Hochner als zu hochtrabend entlarvt. Es langt ein (Kurzzeit-)Gedächtnis und die Bereitschaft es auch zu gebrauchen.Gestern morgen blieb mir beim Radiohören fast der Mund offen stehen. Nicht nur das Merkelhandy, sondern auch das Schrödermobil wurde abgehört. Soweit so einleuchtend. Die zweite Nachricht war, dass unser Bundespräsi einen Kranz an der „Einäscherungsstätte Mahatma Gandhis“ niederlegte.

Kurze Rückblende: Gauck eröffnte die 50. Münchner Sicherheitskonferenz und äußerte sich zur Außenpolitik der Bundesrepublik. Die Passage, die am meisten für Aufsehen sorgte, gibt die Süddeutsche wie fogt wieder: „Er fordert mehr internationales Engagement von Deutschland. Die Bundesrepublik solle sich ‚als guter Partner früher, entschiedener und substantieller einbringen‘, mahnt Gauck.“ (eig. Herv.)

Angesichts der Tatsache, dass Schröders Telefon abgehört wurde, weil er sich gegen einen Einsatz im Irak ausgesprochen hatte, klingt dies ja fast vernünftig. Ob Gauck diese Konsequenz wohl ahnte, als er in München formulierte: „Eben deshalb können die Folgen des Unterlassens ebenso gravierend wie die Folgen des Eingreifens sein – manchmal sogar gravierender.“

Aber immerhin ist sich Gauck sicher, dass man sich immer im Rahmen der gemeinsamen Wertegemeinschaft bewegen müsse.

„Lassen Sie uns also nicht die Augen verschließen, vor
Bedrohungen nicht fliehen, sondern standhalten, universelle Werte weder vergessen noch verlassen oder gar verraten, sonderngemeinsam mit Freunden und Partnern zu ihnen stehen, sie glaubwürdig vorleben und sie verteidigen.“

Eben jenen Werte, über die sich Wolfgang Bosbach, im Gespräch mit WDR2 etwas zerknircht zeigte, als er über die miserablen Aussichten auf ein No-Spy Abkommen mit den USA sprach. Der WDR gibt diese Stelle seines Beitrags schriftlich so wieder:

„Die Bundesregierung habe immer die enge Partnerschaft sowie gemeinsame Wertegemeinschaft mit den USA betont. Diese gemeinsamen Werte müssten aber auch für Grundrechte und Bürgerrechte gelten. Dabei verwies er auf den besonderen Schutz des gesprochenen Wortes in der Telekommunikation.“ (14.1.2014)

Aber ich schweife ab.

Obwohl sich diese Passage laut Redeskript des Bundespräsidenten auf Deutschlands Kompetenz zur „Prävention von Konflikten“ bezieht, wurde sie im Kontext der Auslandseinsätze der Bundeswehr interpretiert. So muss ihn wohl auch die Bild-Zeitung interpretiert haben, denn das zentrale Interpretationsmedium der deutschen Politik seit Gerhard Schröder erläuterte Gauck in der Unterüberschrift mit den Worten

„Bundespräsident macht sich für mehr Auslandseinsätze der Bundeswehr stark

Und es ist erneut die Bildzeitung, die subtil den Zusammenhang zwischen der Sicherheitspolitik und Gandhi erklärt.

„Die Freiheitsikone Gandhi ist ein Vorbild für den 74-Jährigen. In seiner ersten Rede als Bundespräsident im Bundestag zitierte er ihn.

‚Gandhi zeigte der Welt, dass es möglich ist, sich nicht in unseren Ängsten zu verlieren, sondern sich stattdessen zum Mutig sein zu entscheiden, sagte er in einem Interview mit ‚The Indian Express‘.“

Wer nun mit Adlerblick erkannt hat, dass hier ein Anführungszeichen zuviel (oder zu wenig) auftaucht, der hat Recht. Ich habe es von Bild übernommen, weil ich vermute, dass dieses Satzzeichen dafür steht, dass dieser plausible, inhaltlich und zeitliche Zusammenhang zwischen außenpolitischer Verantwortung und Gewaltlosigkeit, zwischen Sicherheitskonferenz und Gandhi selbst für Anne Merholz zuviel war. Direktes oder indirektes Zitat, diese Entscheidung hätte ich auch nicht fällen mögen.

Und so kann ich mich wieder beruhigen. Fälchlicherweise wollte ich Gauck nämlich Heuchelei vorwerfen, weil Gandhi ja eigentlich auch für Gewaltlosigkeit steht und das irgendwie nicht gepasst hätte. Aber ich habe die Komplexität der Wirklichkeit unterschätzt, es geht natürlich um Entscheidungsfreude. Um Freiheit in Verantwortung. Und um nochmal Gauck zu zitieren: „Es wird Sie nicht überraschen: Ich sehe das anders.“

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