Alice im Spiegelland und der deutsche Michel

Veröffentlicht: 4. Februar 2014 in Gesellschaft
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„Der deutsche Michel steht im Vormärz für den apolitischen Philister und während der Revolution 1848 für das um seine Rechte kämpfende Volk sowie für die Einheit Deutschlands. Nach dem Scheitern der Revolution aber ist er Symbol für die Opfer reaktionärer Politik.“

Und so geht es weiter. Vor dem ersten Weltkrieg sahen die Sozialdemokraten als Opfer des militärischen Kaisertums, dann wurde er „im August 1914 für die gleichen Sozialdemokraten zum Symbol der nationalen Einigkeit und des patriotischen Aufbegehrens. 1919 wird Michel in der Karikatur zum unschuldigen Opfer der Siegermächte stilisiert, die per Faustrecht den ungerechten Versailler Vertrag diktieren.“ (Ebd.)

Auf jeden Fall scheint es zu ihm zu gehören, dass er sich alles sagen lässt, alles glaubt und hinterher immer das arme Opfer ist. Und nun ist es wieder so weit. Alice Schwarzer, die deutsche Simone de Beauvoir, die Nummer vier im Cicero-Ranking der 500 wichtigsten Deutschen Intellektuellen und die Personifikation des deutschen Feminismus, hat eine Straftat begangen. Durch den freundlichen Verzicht der Politik auf Strafverfolgung, wenn sie denn dafür bezahlt wird, bzw. die Gelder doch noch beim Fiskus landen, ist eigentlich alles klar. Wenn da nicht der enttäuschte Michel wäre.

Der Papst tritt von einer lebenslänglichen quasi-göttlichen Stellung zurück, auch in der BRD wurde strukturell gedopt, es gibt homosexuelle Fußballspieler und der Bundeskanzler ist eine Frau. Warum stürmt es also im Wasserglas? Das Hamburger Abendblatt titelt: „Shitstorm gegen Alice Schwarzer nach Steuerbeichte“ – ob damit wohl Spiegel-online gemeint ist?

„Rufschädigung? Klar. Zu viele haben in meinem Fall ein Interesse daran. Ein politisches Interesse. Und ich frage mich, ob es ein Zufall ist, dass manche bei ihrer Berichterstattung über mich gerade jetzt auf Recht und Gesetz pfeifen?“ schreibt Schwarzer auf ihrer Internetseite. Sie bezieht sich auf unter anderem auf die „Kampagne gegen Prostitution“. Vielleicht ist es so. Vielleicht aber auch nicht.

Es gibt viele Punkte an denen Schwarzer angeeckt ist, alle aufzuzählen, ist mir zu lang. Die Diskussionen um die Generationenfolge der Feministinnen und ihre Äußerungen zum Islam fallen mir spontan ein. Ihre Unterstützung für Merkel alleine wegen deren Geschlecht ist mir schleierhaft und sympathisch ist sie mir auch nicht. Muss sie auch nicht.

Aber wer hat sie wann zu einer moralischen Instanz gemacht, sodass man sie jetzt stürzen müsste? Ich meine, wer außer sie selbst? Wer hat sie zu allen Themen in alle Rederunden eingeladen und sie zu einer Intellektuellen stilisiert? Denn alleine auf ihre langjährige journalistische und publizistische Arbeit gründete ihr Ruf in den letzten Jahren nicht, obwohl ich die Wichtigkeit ihre Beiträge nicht schmälern will. Wer hat sie so stilisiert, dass sich der deutsche Michel/die Michaela mal wieder getäuscht sieht?

Verwundert fragt Ernst Elitz in der Sendung hart aber fair vom 04.01.2014 (alle zitierten Passage finden sich zwischen Minute 01:01:00-01:04:19), warum sich die angeführten Prominenten (in der Sendung wurden mehrere Prominente angeführt) vorher ungefragt zu vorbildlichen Staatsbürgern erklärt hätten? Ihnen blieb vermutlich keine Wahl. Es ist der deutsche Michel selbst, als JournalistIn, als ZuschauerIn und als BewundererIn, der ständig bewundernd nach oben blicken möchte.

Wer nicht auf ein Podest gestellt wird, kann nicht vom Sockel fallen. Dennoch sind 79% der Deutschen, laut der, in der Sendung zitierten, emnid Umfrage (emnid für BamS, 10.11.2013), der Meinung, Führungskräfte sollten Vorbildfunktion haben. Hier liegt die eigentliche Krux. Führungskräfte kommen bestenfalls wegen ihrer Kompetenz (hoffentlich) und nicht wegen ihrer moralischen Haltung in ihrer Position (schade eigentlich). Ein Blick auf die nächsthöhere Führungskraft im eigenen Betrieb müsste doch eigentlich genügen, um sich zu ernüchtern.

Läge der Fokus auf den Inhalten statt auf der Moral als Maßstab, würde dies dem armen Michel gut tun, ihm Enttäuschungen ersparen und Schwarzer könnte entspannter stiften gehen.

Lesetipp: Eine gänzlich andere Sicht nimmt der Artikel „Emma, Alice und Angela“ auf: „Hinter den Schlagzeilen, Konstantin Weckers Webmagazin // Kultur – Gegeninformation – Philosophie“ ein. Lesenswert!

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Kommentare
  1. sunflower22a sagt:

    Sehr guter Beitrag, sehe ich genau so. Die meisten sind zu doof oder zu faul oder zu unpolitisch, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen. Lieber mit Merkels Halsketten oder ähnlichem Mist. Das ganze Vorbildgequatsche ist einfach lächerlich. Da sind die protestantischen Norddeutschen viel schlimmer als die katholischen Süddeutschen, die lassen ihrem Seehofer auch schwere Fehltritte durchgehen.
    Aber nochwas: Alice Schwarzgeld ist NICHT die personifikation des deutschen Feminismus. Die Quote derer, die diese Hexe nicht ausstehen können, ist unter Frauen höher als unter Männern und unter Feministinnen noch höher.

  2. sunflower22a sagt:

    PS Hexe? Selbstgerechte Hexe hätte ich schreiben wollen.

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