Plag, Bissigkeit und Doktorgrade

Veröffentlicht: 18. Januar 2014 in Gesellschaft
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schafft den Dr. in den Köpfen ab.

Es ist schon seltsam. Mir klingelt es in den Ohren: „Leistung muss sich wieder lohnen“, dies zumindest erzählte Jürgen Rüttgers noch 2010 der FAZ. Und die WAZ machte im November letzten Jahres mit dem Slogan auf. Gerd Heidecke, der Autor, schrieb dies im Zusammenhang der Forderung nach gleicher Bezahlung der Geschlechter. Mit leichten Variationen ist diese Forderung eine Begleitmusik aller Wahlkämpfe. Wir Arbeitnehmer können ja auch nur versprechen, Leistung zu erbringen und hoffen, dass dieses Versprechen dazu taugt, dass unsere Arbeitskraft nachgefragt wird. Aus unserer Sicht ist es sogar eine Notwendigkeit, dass Leistung sich lohnt, weshalb die obige Aussage ja auch immer wieder auftaucht und wir Arbeitskraftanbieter nach diesem Kriterium ausgesiebt werden.

Was aber ist nun eine Erfolgsgesellschaft? Landläufig würde man denken (und hoffen?), Erfolg stelle sich ein, wenn man Leistung gebracht hat. Denkt man in diesem Zusammenhang, lässt sich Erfolg in den Motivationszusammenhang mit Leistung stellen.

Wie etwa im Sport:

„In kaum einem anderen gesellschaftlichen Teilsystem ist die Sieg-Niederlage-Codierung so ausgeprägt und damit so wegweisend für die Gesamtgesellschaft wie im Leistungssport. Der Sieg-Niederlage-Code ist die Grundlage sportlichen Handelns, Leistung stellt das Bleibekriterium für die zentralen Akteure im System dar. Nur der Erfolg scheint zu zählen.“

Dies schreibt die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) auf ihrer Seite. Aber tatsächlich scheint ein Konsens verbreitet, dessen Ausbreitung ich irgendwie verpasst habe, nämlich dass Erfolg auch ohne Leistung erbracht werden kann. Die NADA beobachtet:

„Die in vielen Bereichen zu beobachtende Radikalisierung des Erfolgswillens kann zum Verlust anderer Werte in der Erfolgsgesellschaft führen. Wie in der Wirtschaft, so werden auch im Hochleistungssport dem Streben nach Erfolg immer häufiger die Gesundheit der Athletinnen und Athleten und das Prinzip des Fairplay geopfert.“

Der Soziologe und Kriminologe Kreissl stellt diesen Übergang von der Leistungs- zur Erfolgsgesellschaft ebenfalls fest.

„Die Orientierung an kurzfristigen Nutzenkalkülen, die eine normativ geprägte Handlungsorientierung ersetzt, der Übergang von einer Leistungs- zu einer Erfolgsgesellschaft, die Verbreitung von Sicherheitsdenken und das Misstrauen in die Stabilität der eigenen Lebenswelt, […] verweisen auf Entscheidungen, die von den Akteuren zwischen oft wenig wünschenswerten Alternativen getroffen werden müssen, für die selten gute Gründe zur Hand sind.“

Jetzt kann man natürlich darüber streiten, was vorher da war: Henne oder Ei, das Fehlen der Normenorientierung oder die Erfolgsfixiertheit der Gesellschaft.

Das bürgerliche Adelsprädikat

Was hat diese lange Vorgeschichte nun mit dem akademischen Grad, denn ein Titel ist es rechtlich nicht, zu tun? Bildung alleine ist und war noch nie eine Garantie für beruflichen Erfolg, selbst vor der Öffnung der Hochschule nicht. Und wenn man sich mit dem Doktorgrad beschäftigt, muss man die akademische Sicht von der politisch-soziologischen trennen.

Aus Hochschulsicht ist die Verleihung des akademischen Grades die Bestätigung einer selbstständig erarbeiteten wissenschaftlichen Schrift, womit der/die Doktorand/in der Disziplin, zu der sie/er gearbeitet neue Erkenntnisse verschafft hat. Zugleich ist der Doktorgrad traditionell die Voraussetzung für eine weitere akademische Karriere.

Jetzt kommt aber beim wissenschaftlichen Arbeiten eins hinzu, ohne das man das wissenschaftliche System aus meiner Sicht nur halb versteht. Der Imperativ, dass man diese Arbeit um einer persönlichen Erkenntnis willen macht, ist zwar auch Mythos und wird, wie jede Erzählung, auch missbraucht (hochschulpolitische Semantik ist ein weites Feld), ganz ohne ginge es aber auch nicht. Allerdings muss ich erwähnen, dass das Erstellen einer Dissertation eine ziemliche Kraftanstrengung ist, unter anderem deswegen, weil selbst das Lieblingsthema nach spätestens zwei Jahren schon mal den Reiz verliert, die Arbeit aber in den seltensten Fällen zu diesem Zeitpunkt schon fertig ist.

Neben dem oben angegebenen Grund gibt es aber noch einen anderen, der einleuchtet. In einer Gesellschaft, die zwar die Monarchie abgeschafft hat, in der aber Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse von schmucken Prinzen und Prinzessinnen Traumquoten erzielen, ist es verführerisch, seinen Doktorgrad als Doktortitel zu sehen. Und wenn man sich die Redaktionen der sogenannten Qualitätszeitungen oder das Bundeskabinett besieht, sind die Doktores zahlenmäßig gut vertreten. Aktuell können neun von 16 MinisterInnen den Doktorgrad führen. Beruflicher Erfolg ist mit ihm zwar noch nicht garantiert, aber offenbar scheint er doch nützlich.

Verfechter des Doktorfetischs werden einwenden, die Personen seien hochkompetent und der akademische Grad nur ein Ausdruck dafür; ihre Position haben sie ihrer Eignung wegen. Ein wenig mehr Plausibilität gewönne es allerdings, wenn nicht auch sehr viele andere ParlamentarierInnen studiert wären. Ob dies sein muss, ist eine andere Frage. Die Zuschreibung der „feinen Unterschiede“ macht es den Doktores wohl leichter. Und dies ist wohl auch mutmaßlich der Grund, weshalb einige Politiker, selbst wenn sie nicht im akademischen Bereich arbeiten wollten, diesen Weg gegangen sind. Das Ergebnis und dessen Folgen, die Anerkennung, die Erfolgswährung in der Politik ist zu verlockend.

Andererseits schreibt die Süddeutsche: „Ein Blick in die Stellenmärkte zeigt, dass für Führungspositionen in der Industrie und selbst für die Leitung manches Heimatmuseums eine Promotion ‚erwünscht` ist. Bei Chemikern und Medizinern ist der Doktor de facto der Regelabschluss.“

Die einfachste Art die Versuchung, den Grad zu erlangen, ohne Gefahr laufen zu müssen ihn wegen einer Verfehlung aberkannt zu bekommen, wäre die Anerkennung, die diesem zugesprochen wird, tiefer zu hängen. Ein erster Schritt könnte es sein, dass die Abkürzung nicht mehr in die Ausweispapiere eingetragen wird. Wir brauchen weder einen Geburts- noch einen akademischen Adel.

Man wird weder zum besseren PolitikerIn noch zum besseren JournalistIn, wenn man promoviert wurde. Bei Ärzten, bei denen der Doktorgrad ja zur Berufsbezeichnung mutiert ist, gilt dies ohnehin.

Plag und Bissigkeit

Dass das Wissenschaftssystem daran interessiert ist oder sein sollte, die Fälle, in denen die Promovenden/innen den Nachweis für das selbstständige Arbeiten im Rückblick nicht erbracht haben, aufzuklären, verstehe ich. In einem System, in dem die Hochschulen allerdings willentlich in eine Konkurrenzsituation getrieben worden sind und die Anzahl der Promotionsabschlüsse zur wertvollen Ziffer wird, wird dies jedoch potenziell zum Hochschulstandortnachteil. Brauchen wir deshalb externe Plagiatagenturen, damit dieser Zusammenhang nicht offensichtlich wird?

Aber was genau ist Motivation der PlugiatsjägerInnen, die sich nebenberuflich damit beschäftigen. Ich muss raten. Ist es die Enttäuschung über ein System Hochschule, das sich gerne als der Wahrheit verpflichtet darstellt? Oder ist dies die Kritik am Doktorgrad?

Unser Ziel ist, die wissenschaftliche Integrität eines Doktortitels in Deutschland zu sichern, damit auch weiterhin eine korrekte wissenschaftliche Arbeitsweise von Trägern eines solchen Titels erwartet werden kann.“

Es geht im Grunde also um die Glaubwürdigkeit des Systems und um die Verteidigung des „Doktors“. Ähnlich argumentierten auch die UnterzeichnerInnen des offenen Briefs (leider nicht mehr online) der DoktorandInnen an Merkel während der „Affäre Guttenberg“, in dem auf die wissenschaftliche Redlichkeit und Glaubwürdigkeit verwiesen wurde. Wie eng der Zusammenhang zwischen akademischer Bildung und eines erhöhten Morallevels von Hochschulmitgliedern ist, ist seit der Nazizeit ohnehin fragwürdig und wird durch die Ende letzten Jahres begonnene Diskussion um militärisch finanzierte Forschung nicht enger. Die Diskussion um die Doktorgrade sollte heute jedoch längst weiter sein.

Es geht mir nicht um erhobene Zeigefinger und wer promovieren möchte, weil es ihr/ihm wie mir Spaß macht wissenschaftlich zu arbeiten, sollte das tun. Aber unsere Gesellschaft sollte aufhören mit ihrer Gläubigkeit an Namenszusätzen und Titeln. Emanzipieren wir uns von Doktorgraden. Dabei geht es mir nicht darum, die Anzahl der PromovendInnen zu reduzieren.

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