Die Arroganz der Netischreiber

Veröffentlicht: 17. Januar 2014 in Gesellschaft, Kultur
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Da sich mein Blog einer kleinen höflichen Leserschaft erfreut, braucht sich glücklicherweise niemand angesprochen fühlen, aber meiner Beobachtung nach zerfällt die Internet-Schreiberschaft in zwei Lager, zumindest in Foren: Leute, die sich nicht um die Netiquetten kümmern und solche, die diese kennen und so stolz darauf sind, dass sie gleich so tun, als ob die „anderen“ abwesend wären.

„Die positiven Versprechungen des Internets, Demokratisierung, soziale Vernetzung, ein digitaler Freigarten der Bildung und Kultur – sie waren ohnehin immer nur Möglichkeiten“, schreibt Sascha Lobo. Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf Lobos Artikel eingehen, dies macht schon Wolfgang Michal, sondern auf das Pärchen „Bildung und Kultur“.

Dieses Paar, auf das sich das Bildungsbürgertum soviel einbildet, war immer schon eine Art bürgerliches „symbolische[s] Adelsprädikat“ (Bollenbeck: Bildung und Kultur, 1996, 182) und zugleich der Begründungszusammenhang für eine auf „Leistung“ beruhende neue Schichtung. Dies geht einher mit einer bestimmten Formalisierung und Festlegung von Standards.

„Mit zunehmender Bedeutung der Netiquette ist jedoch zu erwarten, daß sich ein strengerer Maßstab in bezug auf die sprachliche Richtigkeit von elektronischer Post durchsetzen wird.“ (Katy Teubener: (W)elt (W)eiter (W)iderstand, 2002, 21).

Das heißt letztlich nichts anderes, dass das Netz schon vorher vermachtet war, und nicht erst durch die Offenlegung der Macht der NSA, wie Lobo beklagt, denn es setzten längst die Folgen der realen Schichtung im Internet ein.

Bettina Hammer beklagt, dass ein Teil der Reaktionen auf ihre Artikel feindselig seien und sie als Person angriffen, solche Äußerungen kann man in der Tat nur negativ beurteilen und sie schränken die Meinungsfreiheit von AutorInnen ein. Dies darf nicht sein, sehe ich auch so.

In gewisser Weise waren die JournalistInnen und AutorInnen vor dem Web 2.0 durch die Einwege-Kommunikation geschützt und lediglich Leserbriefen ausgesetzt. Heute bekommt ein Journalist u. U. auf einen Artikel so viele Postings, als er früher in einem Jahr Leserbriefe bekommen hat. Zugleich ist die Hürde zu schreiben, kleiner geworden. Die Schrift wird genutzt, ohne die Schriftlichkeit (die traditionell eben nicht eine unmittelbare, sondern eher eine zeitlich verzögerte und differenzierende Kommunikationsform darstellte), zu gebrauchen. Auch das ist keine Entschuldigung für Trolle, unfreundliche und feindselige Zusendungen. Der positive Aspekt ist aber, dass mehr Menschen, die Möglichkeit sich zu äußern, nutzen.

Kultur bezeichnet [als etwas „Wider-Sinniges, Eigensinniges, Widerständiges, Antizipatorisches bezeichnet, was gerade Wirklichkeit sprengt“] den Widerspruch zur Realität. Das Wahre ist noch nicht wirklich, das ist der Wesensgehalt von Kultur.“ (Oskar Negt)

Nun stellt sich die Frage, ob sich eine Netzkultur etabliert hat? War und ist das tatsächlich der Fall oder wurde durch die Nachbildung der Realität im Virtuellen nicht auch online eine Vermachtung durch die Kultur übernommen? Die Orientierung an einer nach Oskar Negt  verstandenen Kultur, die ein Wegweiser über das Bestehende hinaus wäre, sollte eine Leitplanke sein. Ich schreibe Orientierung, weil es tolle spezifisch digitale Kunst gibt, doch der Versuch der Umsetzung einer digitalen Kultur als Vision ist mir zumindest kaum begegnet. Für Hinweise bin ich offen.

Zu einer solchen Kultur gehört, dass es einen höflichen und menschlichen Umgang miteinander gegeben muss, aber auch der (Bildungs-)Dünkel und der Hinweis auf Fehler anderer zur eigenen Profilierung sollte unterbleiben.

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