Zwischen aktivistischem Journalismus und Parteinahme

Veröffentlicht: 10. Januar 2014 in Gesellschaft
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Ändern JournalistInnen die Welt, manchmal. Haben sie diesen Anspruch, das muss jeder selbst wissen. Sind sie die Öffentlichkeit, in ihren eigenen Augen ja, ansonsten sind sie  Akteure unter anderen.

photo credit: Sebastian Baryli via photopin cc

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Eins vorweg: ich habe das Video vom Carta-Geburtstag gesehen und werden es bei meinen Überlegungen nur am Rande einbeziehen, weil mich die Diskussion leider so überhaupt nicht gepackt hat. Und die AkteurInnen leider auch nicht wirklich, zumindest dem Augenschein nach nicht alle.

Nun forderte Wolfgang Michal sowohl in der Diskussion einen eingreifenden Journalismus und geht dafür durch die Geschichte zurück bis auf die „Affäre Dreyfus“ und den guten Emile Zola und sein persönliches Eintreten in dieser Angelegenheit. Zugleich gilt Zola als erster Intellektueller, der aus Uneigenutz quasi um des Prinzips Willen für etwas einstand.

Und dies ist der eigentliche Typus, den Michal fordert. „Aktivistische Journalisten werfen sich mitten ins Geschehen.Sie verschmelzen mit ihrem Anliegen, bleiben hartnäckig am Thema und wirken dadurch oft glaubwürdiger und für Informanten vertrauenswürdiger. […] Nicht selten entwickeln sich aktivistische Journalisten zu Idolen ihrer Zeit.“

Mir fällt bei dieser Beschreibung sofort Marx ein und eine der ersten Sozialreportagen: Engels „Über die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Hier heißt es im Vorwort:

„…; aber ich stehe keinen Augenblick an, die englische Bourgeoisie herauszufordern: mir auch nur bei einer einzigen Tatsache, die irgendwie von Bedeutung für den Standpunkt des Ganzen ist, eine Unrichtigkeit nachzuweisen – nachzuweisen mit ebenso authentischen Belegen, wie ich sie angeführt habe.“

„Als Maßstab der Berichterstattung fordert Marx unter anderem, dass über Themen von allgemeinem Interesse und gesamtgesellschaftlicher Relevanz sachadäquat, das heißt objektiv, wahrheitgetreu und umfassend berichtet werden müsse […]“ (Kleiner/Nieland; Marx, Karl, in: Hachmeister, L. (2008) (Hrsg.): Grundlagen der Medienpolitik. Ein Handbuch,S. 250). Hört sich ziemlich nach der „Hanns Joachim Friedrichs-Doktrin“ an oder?

Entscheidend ist hier das scheinbar beiläufig verwendete Wörtchen „gesamt-gesellschaftlich“, das eben die abweichende Sichtweise, das Herrschaftsferne und das Unbequeme umfasst. Das heißt, Partei ergreifen und dafür muss man nicht in einer Partei sein.

Verengung und Auswahl

photo credit: ZΞITMACHΞR via photopin cc

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Allerdings heißt dies auch, dass eine Funktion, die der traditionelle Journalismus als seine Haupt-aufgabe sieht, die Gatekeeper-Funktion anders interpretiert werden müsste. „Hinter jeder Relevanz-Entscheidung steckt nun mal eine persönliche Haltung (es sei denn, man definiert Relevanz rein populistisch durch Quote oder Absatzzahlen).“ Nun ist dies nur dann problematisch, wenn sich immer wieder die gleiche Haltung durchsetzt. In der Carta-Geburtstags-Diskussion erklärt die Juliane Leopold von Zeit Online blinden Flecken des Journalismus mit dem in den Redaktionen vorherrschenden Typ der JournalistIn, was sich auch auf die Themenauswahl und die Inhalte auswirke und damit ein Problem der „mangelnden Diversität“ sei (Video 5 Jahre Carta: 0:58:50-0:59:14). Und vor allem, wenn dies mit dem gesamtgesellschaftlichen Perspektive kollidiert.

„Doch wer weiß schon, was ‚das Wesentliche‘ ist. Medien und ihre Zuträger senden und berichten, sie selektieren, filtern und synthetisieren nur das Neue, Spektakuläre oder Anstößige, an Dauerhaftem oder am Gewöhnlichen sind sie nicht interessiert.“ Das  Gesamtgesellschaftliche ist aber meist das Gewöhnliche.

Zugleich bedeutet gesamtgesellschaftliche Relevanz eben nicht Interesse im Sinne der Einschaltquote oder Klicks, sondern im Sinne von etwas betroffen sein. Genau ein solcher Fall ist die Überwachung durch die NSA. Jede/r ist davon, soweit er/sie in einer Weise online ist, betroffen. Selbst bei geringem Interesse der LeserInnen und ZuschauerInnen ist damit der Vorgang ein Thema. Wenn nun, wie es der Fall ist, keine Resonanz entsteht, gerät das Thema im herkömmlichen oder traditionell kapitalistisch organisierten Journalismus in den Hintergrund. Damit können aber die Medien immer nur in den kleinen Zeitfenster, in dem sie sich einem Thema widmen, tatsächlich auch agieren.
Auf der anderen Seite müssen sich Journalisten davor hüten als BesserwisserInnen aufzustreten. Der Vorschlag von Wolfgang Michal, dass alle Chefredakteure als Spitze der APO vor das Kanzleramt pilgern (Video: 0:08:50-0:09:11), wäre ein Anfang. Allerdings begründet Michal diesen Vorschlag an der Stelle mit den Folgen für den Journalismus selbst und eben nicht im Sinne gesamtgesellschaftlicher Relevanz.

Aktivistischer Journalismus und gesamtgesellschaftliche Relevanz

Assange, Manning und Snowden, so unterschiedlich diese Personen auch gesehen und medial behandelt wurden und werden, verbindet, dass sie im Namen eines Prinzips handelten und damit Partei nahmen – gegen Intransparenz, Kriegsgreuel und Überwachung, gegen die Politik der westlichen Staaten und im Sinne der BürgerInnen und im Glauben an die Demokratie und die Öffentlichkeit, die dies freilich nicht honorierte.

Dieses Interesse wird und wurde dann heruntergebrochen, wie es so schön heißt und in unterschiedlichen Diskursen „kanalisiert. Die Innenpolitiker fragen, darf er das? Für die Medien heißt die Frage, drucken wir nach und welchem Diskurs folgen wir. Ist das Handy der Merkel tatsächlich noch Bestandteil des Diskurses um die NSA oder eine Story über den Angriff auf die nationale eiserne Lady? Behandeln „wir“ dies als Querschnittsfrage und welche Perspektive nehmen wir ein: Des Staates, der Regierung, des Journalismus oder des Verbrauchers? Jede einzelne Frage ist spannend und etwa nachhaltig für eine Woche und führt das Gesamtgesellschaftliche in die Spuren partikularer Interessen.

Meiner Meinung nach hilft da nur eine konsequente Parteinahme jenseits des Alltägtlichen, eine politische Linie der Medien jenseits der Furcht für Partei gehalten zu werden. Dabei sind gerade die Ursprünge des Gemeinmachens mit Themen engstens verknüft mit dem Auftauchen der verschiedenen politischen Strömungen, bevor sich die Parteien formiert hatten. Erst wenn sich die heutigen Medien wieder auf das parteiliche besinnen, werden auch wieder aktivistische Jouranlisten in den Redaktionen sitzen und vielleicht auch vor das KanzlerInnenamt ziehen. Die Radikademokraten der Rheinischen Zeitung in die eigene Ahnenreihe aufzunehmen, mag da schon ein erster Schritt sein.

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