„Das Netz. Jahresrückblick Netzpolitik 2013-2014“ Teil1

Veröffentlicht: 15. Dezember 2013 in Gesellschaft, Literatur, Politik
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eigenes Foto der eigenen Ausgabe

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Im Berliner Verlag iRights ist für 14,90 € ein rund 180 Seiten starker Jahresrückblick auf die Netzpolitik 2013 erschienen.

Das Cover sagt mehr als tausend Worte, ich sehe Snowden, doch chinesisch kann ich nicht. Nein, das Heft ist nicht in Fachchinesich geschrieben, davon könnt ihr euch /Sie sich auch online überzeugen. Vielmehr ist es so, als ob ich mich auf den mir vertrauten lesenswerten Blogs rumtreiben würde, nur hab ich die Papierform vor mir liegen.

Dafür bietet das Heft auf 174 Seiten eine Fülle von Details, die ich entweder gar nicht kannte oder schon wieder vergessen hatte, und Themen, die mich zu unrecht nicht interessierten, als sie aktuell waren. Alleine deswegen schon mal ein großes Lob an die Macher.

Bislang habe erst das erste Halbjahr durchgelesen, und auch nur etwa 70% der Artikel über diesen Zeitraum. Los geht es mit dem Artikel „Netzfeminismus 2013 – Von #Aufschrei bis @MileyCyrus“. Hier werden aus feministischer Sicht von Annina Luzie Schmidt interessante Feststellung getroffen, die ich gar nicht in einen Zusammenhang gebracht hätte. Aber eine Aussage wurde gemacht, die ich mir aus meiner Lektüre nicht erschlossen hätte. Gut meine Infoquelle ist Carta.info, deren Autorinnenanteil übersichtlich ist, dennoch hätte ich folgende Info gerne vorher schon mal gelesen:

„Anders als dem eher linksliberalen Original wird der hiesigen Ausgabe [Huffington Post, K.] allerdings Konservatismus unterstellt; innerhalb der netzfeministischen Szene blieb die Freude über die neue Plattform entsprechend gedämpft.“ (ebd.)

Stefan Niggemeier, der den Journalismus 2013 verhandelt, schreibt über die HufPo:

„Die deutsche Huffington Post, im Oktober gestartet, ist ein konsequentes Billig-Produkt: nicht nur durch die unbezahlten Blog-Beiträge, sondern auch eine Mini-Redaktion, die sich vor allem darauf konzentriert, abwegige, aber krawallig laute Schlagzeilen zu formulieren.“ Niggemeier wünscht dem deutschen Journalismus sinngemäß eine gute Nacht, sollte die HufPo ein Vorbild werden. Auch den Zusammenhang von Niedriglohn und Zeitungszustellung, den Niggemeier erwähnt, hatte ich bislang entweder übersehen oder vergessen. An solchen Geschichtchen merke ich dann doch, dass Blogs alleine manchmal nicht reichen.

Ene, mene muh, …

Einen ebenfalls sehr interessanten Artikel hat David Pachali geschrieben: „Pleiten, Pech und Pannen“ und dabei geht es glücklicherweise nicht um Schadenfreude und Voyeurismus sondern um Anfragen und Wünsche an Google, bestimmte Seiten zu löschen. Die Anzahl dieser Forderungen steigt und davon sollen

„nach verschiedenen Quellen zwischen 97,5 und 99 Prozent erfolgreich sein – Google entfernt sie also aus den Suchergebnissen. Oder umgekehrt, und hier wird es interessant: Mindestens einem Prozent der Löschanfragen kommt Google nicht nach. […] Diese Seiten gerieten also versehentlich in die Schlingen der Algorithmen, die nach geschützten Werken im Netz fahnden.“

Hilfe, bin ich ein Presseverlag?

Will ich zumindest nicht sein, fott damit. Aber diese Frage stellt sich direkt, wenn man den Artikel von Till Kreutzer liest. Das Leistungsschutzrecht erklärt für mich, ganz simple, so dass ich es endlich kapiere -, oder? Nein ehrlich, hier hat sich Kreutzer die Mühe gemacht, mal das Gesetz zu verdeutlichen. Was sind Presseerzeugnisse und wer ist Presseverleger usw. Blöd ist nur, dass er ständig, wie es im Reiche Juras eben so ist, auf ein noch zu fällendes Urteil verweist. Aber umbedingt lesen!

Glück gehabt!

Dies ging mir durch den Kopf als ich den Beitrag von Mathias Schindler las. Bereits am Anfang des Artikels wird  mir unwohl: „von der Rede der Bundeskanzlerin auf einem Festbankett bis hin zum Gutachten der Bundesnetzagentur. Für alle diese urheberrechtlich geschützten Werke gilt, dass jede Nutzung, Verbreitung oder Bearbeitung einer Genehmigung bedarf.“ Ich bekenne mich schuldig und wäre nie darauf gekommen, dass diese Schriften etwas anderes sein könnten, als eine Pressemeldung an alle User. Da sollte die GroKo (herzlichen Glückwunsch liebe Abkürzung, du bist ein Wort) etwas daran ändern, wie Schindler zurecht fordert.

Unwohlsein einer anderen Art machte sich bei mir  beim Lesen des Artikels „Im Internet herrscht das Mittelalter“ breit. In der Politikwissenschaft macht der Begriff „Refeudalisierung“ die Runde (vgl. Sighard Necke: Refeudalisierung der Ökonomie. Zum Strukturwandel kapitalistischer Wirtschaft, 7ff.) bei Bruce Schneier ist die feudale Abhänigkeit von Knecht und Herr gemeint. „Diese [IT-]Unternehmen sind Lehnsherren und wir sind ihre Knechte, Bauern und Leibeigenen„, vergleicht Schneier. Neben viel Richtigem, das er schreibt, entgleist Schneier dann bei seinem Lösungsvorschlag. Er möchte, dass wir Knechte und Mägde mit den Lehnsherren verhandeln. Welchen Grund die Unternehmen  haben sollten, mit ihren Vasallen oder besser LehnsnehmerInnen verhandeln zu wollen, verrät er nicht. Dafür aber eine Strategie:

„Im Endeffekt sollten wir versuchen, auf keinen Fall in Extreme zu verfallen, weder auf politischem, noch sozialem oder kulturellem Parkett. Natürlich kann es passieren, dass wir ohne Ansprüche einfach mundtot gemacht werden, aber das betrifft meist nur diejenigen, die sich an den Rändern des Gefüges befinden. Das bietet zugegebenermaßen nicht viel Trost, aber es ist wenigstens etwas.“

Wie breit die Ränder sind und wen das betrifft, wäre schön zu wissen, bevor sich die Vasallen ihre Verhandlungsdeligation wählen!

Und zum Schluss kommt bei mir auch noch ein Stückchen Scham hoch. Der Verlag hat die Dankesrede von Edward Snowden abgedruckt.

Angesichts von Halsketten. Fahrradketten und Koalitionsbanden, ist Snowden doch ein Stück in den Hintergrund geraten und selbst ein Pofalla hat mehr Aufmerksamkeit bekommen. Angesichts des Pathos, welches er in die in Abwesenheit verlesene Rede gelegt hat, wird mir blümerant:

„Regierungen müssen für ihre Entscheidungen Rechenschaft ablegen. Entscheidungen darüber, wie die Welt aussehen wird, in der wir leben. Die Entscheidung, welche Rechte und Freiheiten die Menschen haben, muss öffentlich gefällt werden, und nicht von den Regierungen im Geheimen.“ !!! Richtig! Lieber Edward, aber nicht in T’schland, wir haben GroKo.

Mir gefällt der Rückblick. Nicht worauf wir zurückblicken, aber wie dies geschieht. Die jeweils ein bis zwei Seiten langen themenbezogenen AutorInnentexte bieten einen guten Überblick darüber, was in 2013 diskutiert, gemacht und unterlassen wurde. Mehr kann ein Rückblick nicht leisten.

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