Wie krank ist das denn?

Veröffentlicht: 7. Dezember 2013 in Gesellschaft, Kultur
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Aus dem Tagebuch eines Taugenichts. Der Löwenzahn ist geknickt. Aber was ist das für eine Ausbildung, die darauf hinausläuft, dass Azubis krank werden?

photo credit: gato-gato-gato via photopin cc

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Nun ist selbst das Bildungssystem nicht wirklich kritikfest, aber nach der allgemeingültigen Regel, darf nur kritisieren, wer vorher alle Kriterien erfüllt und damit erfolgreich ist. Die allgemeine Regel muss ich jetzt mal sprengen, sonst wäre mein Text hier schon zu Ende.

Also nochmal von vorn: Heute, nach einem Jahr Ausbildung, habe ich mich mit zwei meiner Mitrefrendarinnen ausgetauscht. Kurze Zusammenfassung: Schlafstörung, soziale Selbstisolation, Überforderung. Was persönliche Einschätzungen waren, lässt sich aber leicht verallgemeinern. Der Therapeut Uwe Rohlje „bezeichnet das Referendariat mittlerweile als ‚gesellschaftlich akzeptierte Traumatisierung‘ junger Akademiker“ heißt es auf spiegel online.

Wenn ich dann in einem Artikel aus 2010 lese, dass Lehramtsanwärter auf ihre „‚emotionale Stabilität‘ geprüft werden“ sollten, dies forderte die ehemalige schleswig-holsteinische Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), frage ich mich, aus was für einer Perspektive wird hier schwadroniert? „Nur so ließe sich feststellen, ob die Pädagogen über die ’starke Persönlichkeit und natürliche Autorität‘ verfügten, die sie im Schulalltag bräuchten“, die Dame weiter. Vielen Dank.

„Andererseits wird dieser Lebensabschnitt von denjenigen, die das Referendariat erfolgreich durchlaufen haben (den echten Lehrern also) gerne schnell verdrängt, denn man belastet sich nicht unnötig mit der Vergangenheit“,

weist referendar.de auf die übliche Reaktion hin. Was sagt dies zum einen über unsere Kultuspolitik und zum anderen über die fertigen LehrerInnen aus. Die Kultusministerien züchten sich Knechte und Mägde heran, deren einziger Widerstand darin liegt, das was ministeriell als sinnvoll erachtet wird, später nach dem Ref überwiegend nicht mehr anzuwenden. Ein Glanzstück missliegender Politik.

Die Sichtweise Augen zu und durch und nicht nach hinten schauen, fördert zudem die Möglichkeit, diese Praxis, die schon einen Bart trägt, weiter gewähren zu lassen. Pure Herrschaftssicherung, die durch den durchgeknallen Volksmund noch gestützt wird: „nur die Harten kommen in den Garten“ und „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Dies spricht doch Bände. Wer selbst für selbst für sein Ziel krumm gemacht hat, will auch krumme Rücken sehen. Diese Haltung führt zur Erstarrung.

Klar wird gesiebt und dies ist sicher der eigentliche Grund für diese Art Vorbereitungsdienst, doch auf wessen Rücken eigentlich? Meinen die Damen und Herren in den Ministerien, es tue den SchülerInnen gut, wenn die Wahl lautet:

entweder ich konzentriere mich nur noch auf meine Prüfungen und lass den „bedarfsdeckenden Unterricht“ schleifen, oder aber ich gestehe auch diesen armen Würmchen, die das „Glück“ haben von einer/m ReferendarIn zu Probezwecken unterrichtet zu werden, die gleiche Aufmerksamkeit zu, wie der Klasse in der mein nächster Unterrichtsbesuch stattfindet. Dann braucht der Tag mehr Stunden. Oder aber ich reduziere mein Schlafpensum auf das Minimum, was nicht besonders nachhaltig ist. Zeitweise waren es im Durchschnitt nur vier Stunden, bei mir jedenfalls.

Der Potsdamer Uwe Schaarschmidt hat sich bereits 2001 mit der Lehrergesundheit beschäftigt. Er hat Lehrer untersucht und zwei Muster erkannt, die besonders häufig vorkommen:
Muster A : „Selbstüberforderung: exzessive Verausgabung und verminderte Erholungsfähigkeit, Einschränkung der Belastbarkeit und Zufriedenheit)
Risikomuster B (Resignation: reduziertes Engagement bei geringer Erholungs- und Widerstandsfähigkeit, Unzufriedenheit und Niedergeschlagenheit).“

„Einbezogen wurden auch Lehramtsstudierende und Referendare (Anwärter auf das Lehramt). Für beide Gruppen gilt, dass der Anteil des Risikomusters B (je 25%), vor allem aber der des S-Musters (mit 31 bzw. 29%) hoch ist. Damit zeigen sich ungünstige Voraussetzungen bereits vor Berufsbeginn.“

Diese Muster S kennzeichnet „Schonung: reduziertes Engagement, Ruhe und Gelassenheit sowie relative Zufriedenheit“ und ist mir selbst noch nicht begegnet . Und dies vor allem, weil ich in meiner Tätigkeit bei mir oder meinen KollegInnen nicht erlebe, dass eine Schonung möglich ist. Allerdings ist jede Person anders und manche mögen es schaffen, die Anforderungen auch selbstschonend zu begegnen. Mir gelingt das leider nicht.

Ich finde die Bedingungen des Vorbereitungsdienste bzw. Anwärterdienstes, der in NRW ja gerade erst verkürzt wurde, sollte öffentlich diskutiert werden, nicht um die besser geeigneten KanditatInnen auszuwählen, sondern um die Gesundheit aller Lehrkräfte nicht zu verheitzen. Denn eins sollte man nicht vergessen, wer als Beginner die Energie aufbringt, sich nicht nur vor sondern auch immer wieder den SchülerInnen als ganze Person zu stellen, der benötigt Unterstützung. Wir wollen Lehrer werden keine Hürdenläufer.

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