„Der Dichterpunk“

Veröffentlicht: 18. Oktober 2013 in Literatur, Punkgebte
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photo credit: Sterneck via photopin cc

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Der „Cicero“ hat den Dichterpunk Georg Büchner auf dem Titel seiner aktuellen Ausgabe und stellt ihn auch entsprechend dar. „Er ist der erste Empörte, ein Vorbild für all jene, die sich heute nicht mit den Umständen abfinden wollen und sich auflehnen.“ Die Assoziation mit Occupy drängt sich damit auf und diese Assoziation ist nicht nur dem Cicero-Autor Christoph Schwennicke eingefallen. Auf www.mybuechner.de haben Jugendliche des Goethe-Gymnasium Frankfurt am Main im Februar 2012 unter dem Titel „Landbote 2012“ einen kurzen aktualisierten Auszug des „Hessischen Landboten“ geschrieben und festgestellt, wir sind die 99%.

„Friede den Hütten! Krieg den Palästen“

stand auch mal als Slogan auf einem fair gehandelten Kaffee bzw. dessen Verpackung und hat auch schon einige Demos begleitet. Der Autor dieses wirkungsmächtigen Satzes, Georg Büchner – schrieb ihn direkt in den „Vorbericht“ der Flugschrift „Der Hessische Landbote“ – dieser Autor ist gestern vor 200 Jahren im Hessenland auf die Welt gekommen.

Günther Grass nannte den Hessischen Landboten das erste „Zeugnis moderner politischer Agitation“ (zitiert nach Seifert: Der Hessische Landbote, in: Klatt/ Lorenz (Hg.)(2011): Manifeste. Geschichte und Gegenwart des politischen Appells“). Diese Agitation sollte sich direkt an die Landbevölkerung wenden und führt dieser zur Moibilisierung ihre eigene Steuerlast vor Augen und fragt nach den Strukturen und dem Staat.

„Der Staat also sind Alle; die Ordner im Staat sind die Gesetze, durch welche das Wohl Aller gesichert wird, und die aus dem Wohl Aller hervor gehen sollen. – Seht nun, was man in dem Großherzogtum aus dem Staat gemacht hat; seht was es heißt: die Ordnung im Staate erhalten! 700,000 Menschen bezahlen dafür 6 Millionen [Gulden], d.h. sie werden zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ordnung leben heißt hungern und geschunden werden.“

Detaillegenau listet Büchner die Ausgaben des Staates auf und möchte die Landsleute mit finanziellen Argumenten anstacheln – eine sehr „moderne“ Taktik. Der Schluss des Manifests greift eine christliche, sprich traditionelle Sprache auf. Tatsächlich geht man aber davon aus, dass es nicht Büchner war, der die christlichen Bilder verwandte, sondern der Theologe Friedrich Ludwig Weidig, der Büchners Ausführungen ergänzte. Seifert vermutet, dass Weidig, der die Menschen in Oberhessen besser kannte als Büchner, diese Sprache bewußt wählte, um „den Text für die anvisierte Leserschaft lesenswert und verständlich“ zu machen (Seifert, am angegebenen Ort, S. 61). (Eine Überlegung, an die sich so mancher Fluggischreiber hin und wieder mal erinnern sollte.)

Das Manifest wendet sich damit an den Einzelnen und stellt dabei zugleich Öffentlichkeit erst her, indem ein Austausch über die Inhalte stattfindet. Damit wird das Mainfest zu einem eigenständigen „Objekt der Zivilgesellschaft“ (Klatt/Lorenz: Politische Manifeste in: dies., S.13).

Der Hessische Landbote endet religiös:

„Ihr wühltet ein langes Leben die Erde auf, dann wühlt ihr euren Tyrannen ein Grab. Ihr bautet die Zwingburgen, dann stürzt ihr sie, und bauet der Freiheit Haus. Dann könnt ihr eure Kinder frei taufen mit dem Wasser des Lebens. und bis der Herr euch ruft durch seine Boten und Zeichen, wachet und rüstet euch im Geiste und betet ihr selbst und lehrt eure Kinder beten: ‚Herr, zerbrich den Stecken unserer Treiber und laß dein Reich zu uns kommen, das Reich der Gerechtigkeit. Amen.‘

Na, wenn das kein Punkgebet ist!

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