„Blackbox Urheberrecht“

Veröffentlicht: 13. Oktober 2013 in Uncategorized
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blackboxIn der Kaffeebar der opalkatze las ich den Hinweis auf ein Buch, das mich heute den ganzen Tag gekostet hat, aber thematisch ein Gewinn war. „Blackbox Urheberrecht“ herausgegeben von Daniel Brockmeier saugt einen direkt mitten in das Thema Urheberrecht und der Frage der Verwertung im Internet. 18 AutorInnen geben über das Thema Auskunft, indem sie zum Teil emotional, oder, etwas seltener, sachlich bis professionell ihre Sicht auf den Konfliktstoff wiedergeben. Der Tatort Internet, diesen Titel legt zumindest das Cover durch Motiv und Ästetik nahe, wird also in dem Buch beleuchtet.

Die 18 AutorInnen sind zum großen Teil von der Thema direkt berührt, sei es als TeilnehmerInnen, (Blogger, der Autor des offenen Briefs „von 51 Tatort Autoren“ , Künstlerin oder Politikerin) oder als BeobachterInnen (JournalistInnen oder Anwalt). Leider entgleiten die vermittelnden Beiträge (Chrsitoph Keese oder Till Kreutzer) dem Fokus.

Diese Vielfalt der Sichtweisen spannt ein weites Feld auf, das grob durch folgende Gegensätze umrissen werden kann: Kunst und Kultur versus Kommerz und Urheber mit oder ohne Einkünften aus ihren Werken. Anatol Stefanowitsch, dessen Kontroverse mit Jürgen Schönstein mit vier Beiträgen zu Buche schlägt, nennt sie Urheber mit und ohne „Anspruchshaltung“ (S. 43). In diesem Wörtchen steckt dann auch schon die Krux:
für alle anderen Lohnabhängigen würde sicher jeder der AutorInnen „guten Lohn für gute Arbeit“ fordern, den Contentanbietern dagegen, unterstellt man unlautere Gewinnabsichten. (Hoppla, die Debatte zieht einen wirklich in ihren Bann. Hier soll nicht die Debatte eröffnet oder wiederbelebt werde, doch Disziplin ist manchmal schwer.) Schirrmacher formuliert es etwas feinsinniger: „Es geht darum zu verstehen, warum es im Jahr 2012 möglich ist, dass Kunst und Künstler nur deshalb zu einem Gegenstand der Empörung werden, weil sie für ihre Arbeit bezahlt werden müssen.“ (S.159).

Allerdings Nur kann man sich erst auf eine gerechtere Honorierung für geschaffene Werke einigen, sobald man Kunst als solche anerkennt. Allerdings findet man in diesem Band neben der Kritik an den Künstlern als Rechteinhaber auch eine Kritik der Künstler als Kreative. Verkürzt lautet der Vorwurf, wenn Bogger nach der Erwerbsarbeit ihre Texte verfassen, warum machen es dies Künster nicht auch so, dann wären sie auch nicht auf die Einnahmen aus ihren Werken angwiesen? (S.26) Nur wird den KünstlerInnen damit das Kreative (Blogger, die am Abend Texte erstellen, wären also kreativer sein als Buchautoren, die noch den Tag dazu benötigen) und der Kunst die Notwendigkeit der Professionalität abgesprochen. Auf der anderen Seite der Skala findet sich ein Text von Julia Schramm, die Künstlerinnen als Subjekte wertschätzt, gesellschafts-un-kritische Kunst „im Zeitalter seiner technischern Reproduzierbarkeit“ (Benjamin) jedoch als „Wertgegenstand“ abqualifiziert. Eine interessante Frage, die aber leider isoliert stehen geblieben ist, aber eine Erwiderung verdient hätte. Insgesamt ist mein Eindruck, dass eine Gemeinsamkeit vieler Beitägen darin liegt, dass der Status der Kunst und des Kreativen tendenziell als unwichtierger eingeschätzt wird, als deren Reproduzierbarkeit bzw. Kopierbarkeit.

Die Art der Beiträge lässt einen sich häufiger als es sein sollte, nach Beiträgen sehnen, die einen reflektierenden leicht übergeordneten Standpunkt einnehmen. Hierfür bieten sich allerdings wenige Beiträge an; zwei Artikel von Vera Bunse und einem Beitrag von Frank Schirrmacher. Bunse, deren Artikel als erster nach der Einleitung steht, entwirft zwar direkt eine Panoramaaussicht, bemüht sich dabei jedoch beide Sichtweisen einzubeziehen. Und auch ihr zweiter Artikel bildet einen wertvollen Beitrag, weil sie andeutet, was es bedeuten könnte, wenn man das Ur- und Eigentumsrecht digitaler Inhalte routinemäßig überwachen würden.

„Es handelt sich um die Anwendung maschinell gesteuerter Programme, etwa zur Deep Packet Inspection, oder um Trojaner zur Online-Durchsuchung und -überwachung. Bislang werden solche Applikationen nur von autoritären Staaten und zur Spionage eingesetzt.“ (122)

Andere Argumente, die häufiger vorkommen, verweisen dagegen auf die vermeintliche Einschränkungen der Kopiermöglichkeit als Einschränkung der persönlichen Freiheit, wobei ich wenigstens eine kleine Relativierung vermisst habe. Allerdings muss man an dieser Stelle berücksichtigen, dass alle Äußerungen der AutorInnen der heißen Phase der Debatte im Frühjahr/Sommer 2012 entstammen.

Ein anderes Kapitel, das das gesamte Buch enorm bereichert, hätte bei einer anderen Reihenfolge die erwähnte Auseinandersetzung zwischen Stefanowitsch und Schönstein konkretisieren können. Dies wäre auch insofern möglich gewesen, als die Beiträge in dem Band nicht chronologisch geordnet sind. Es ist die sehr aufschlussreiche Darstellung von Nina George, die ihre Position als erfolgreiche Autorin darstellt. Wobei klar wird, dass erfolgreich eben nicht wohlhabend meint. Nachvollziehbar zeigt sie auf, wie ihre Einkommensstruktur ausschaut und wer beim Prozess der Buchherstellung und dem -verkauf mitarbeitet und mitverdient. Ihr Beitrag belegt handfest, was Schönstein etliche Seiten vorher mit Hinweis auf seinen Bekanntenkreis in seinem Beitrag angeführt hatte: nämlich, dass AutorInnen und Verlage längst nicht immer die Profite anfahren einfahren, die Blogger unterstellen.

Mein Fazit der Lektüre ist gemischt. Ich habe viel dazugelernt, wozu die unterschiedlichen Autoren ohne Zweifel begetragen haben. Manchmal war es mir zuviel Au­then­ti­zi­tät und zu wenig Distanz; wäre es anders, wäre es ein anderes Buch. In einer neuen Auflage, würde ich eine andere Kapiteleinteilung vorschlagen. Trotzdem handelt es sich bei der „Blackbox Urheberrecht“ um eine empfehlenswerte Lektüre. (überarbeitete Version 27.10.13)

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Kommentare
  1. opalkatze sagt:

    Ah, hast du es dir angetan, fein. Ich glaube, genau so hat es Daniel gemeint, denn die ‚Fachdebatte‘ findet seit Jahren in den juristischen Publikationen statt.

  2. […] Gibt es ab heute auch als “richtiges” Buch. Kyrosch hat es hier besprochen. […]

  3. […] Blackbox Urheberrecht durchsucht. Besonders gefallen haben mir die Rezensionen von WobIntosh und Punkgebete, die sich ausführlich und differenziert mit dem Buch auseinanderfgesetzt haben. Da hat sich meine […]

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