Online und Offline trennt mehr als das Virtuelle

Veröffentlicht: 2. Oktober 2013 in Gesellschaft, Politik

Auf Carta wird gerade in zwei Artikel über die Netzpolitik nach der Bundestagswahl nachgedacht. Ende einer „junge[n] Bewegung“ oder der Netzbewegten? Sowohl Thorsten Breusted als auch Wolfgang Michal überlegen dabei, wie Netzpolitik besser oder erfolgreicher verankert werden kann.

Michal fordert einen Einstieg in die Politik,sieht aber bislang wenig bis keine Ansätze dazu und Personen dafür, zumal dies eine persönliche Entscheidung erfordert. „Das bedeutet, dass die Netzbewegten das sie umhüllende ‚Netz‘ endlich ablegen müssen wie ein schlüpfendes Küken seine Eierschalen.“ Und wenn prominente Blogger und Internetexperten sich nicht in die erste Reihe stellten, dann „muss man sich mit politischer Einflusslosigkeit bescheiden.“

Breusted möchte dagegen aus Machbarkeitsgründen Die Piraten reanimieren, sieht als Notwendigkeit für sie aber eine stärkere Öffnung gegenüber Strukturen und Repräsentation. Auch er fordert also eine stärkere Verankerung in der analogen Politik. Außerdem befürwortet er eine starke eigenständige Plattform für Netzpolitik. Die Kritik Breusteds an Carta lautet, sie sei zu einem Forum geworden, das „alles veröffentlicht, was irgendwie Aufmerksamkeit verspricht und dadurch völlig beliebig wirkt“. Anders ausgedrückt: Netzpolitik und Gedöns? Allerdings wäre es falsch, Breusted eine Monothematik vorzuwerfen. Schließlich fragt er nach der Rolle der Internet-(Gegen)Kultur:

„Steht sie für ein neues Stadium kapitalistischer Wertschöpfung im positiven Sinne, für mehr Freiheit und mehr Selbstbestimmung des Einzelnen, oder ist sie doch nur eine perfide agierende Entwicklungsabteilung des Kapitalismus, die die kulturelle und immaterielle Produktion vorbereitet und zur Zerschlagung und Abwertung von Institutionen der alten Arbeiterbewegung beigetragen hat?“

Leider bleibt es bei der Andeutung und auch Michal verschweigt, was in der Politik jenseits des Engagements für Netzpolitik erreicht werden soll. Auch wenn ich die Einschätzung teile, dass Netzpolitik Bürgerrechtspolitik ist, zeigt das Beispiel der Piraten, dass es eine monothematische Partei schwer hat. Gerade wenn Freiheit das Label ist, ist von sozial bis neoliberal alles drin. Vor allem wenn die Basis die „Netzgemeinde“ ist. Denn auch wenn Michal eine Debatte um die Schärfung der Konturen dieser Gemeinde an dieser Stelle vermeiden will, ist doch genau dieser Punkt entscheidend dafür, wie realistisch eine politische Organisation sein kann.

Die Frage, ob diese Community eher elitär ist oder ob der Online-Leserbrief-Schreiber auf der Seite von Bild dazu gehört ist für ein solches Projekt nicht ganz unwesentlich. Obwohl ich selbst das Netz seit etwa 15 Jahre nutze, kann ich bislang nur sagen, wen ich zu welchen Zeitpunkt zur Netzgemeinde zählte, hatte immer auch mit meiner Art der Nutzung zu tun. Ganz abgesehen davon, dass die eigene persönlichen Einstellung mitentscheidet, welche Seiten ich zur Kenntnis nehme. Auf Carta entsteht aber der Eindruck, dass das Netz mit der Blogspähre gleichzusetzen sei und konkreter noch, mit der netzpolitisch interessierten Boggerschaft. Mein kurzes Tummeln in diesem Bereich hat mir allerdings schon gezeigt, dass es auch hier erfreulicherweise heterogen zugeht. Womit die zahlreichen politisch interessierten Blog-Autoren, die sich nicht nicht darauf Netzpolitik spezialisiert haben, durchs Netz fallen bzw. nicht zur Gemeinde zählen?

Auf der anderen Seite ist klar, dass sich jede Organisation, in welcher Form auch immer, aus Aktiven und Interessierten zusammensetzt. Auch ist es richtig, dass die Rhön-Bauer „von der Digitalisierung genauso erfasst werden wie der piratige Altbaunerd in Berlin-Friedrichshain“, beide also gewonnen werden könnten, aber die Gemeinsamkeiten sind hier möglicherweise bereits ausgeschöpft. Am Ende, wenn der PC oder Mac runtergefahren ist, muss die Verbindung bestehen bleiben. Auch Yasmina Banaszczuk geht davon aus, dass mit einer verständlicheren Sprache mehr Leute erreicht werden könnten. Sie macht aber auch darauf aufmerksam, dass der Mobilisierungsgrad des Internets und zum Thema Internet schwierig ist. Online und Offline trennt mehr als das Virtuelle.

Ein sich auch darüber paar Gedanken zu machen, ist dringend notwendig, ganz gleich, ob es um den Mißerfolg der Piraten  oder um einen Neustart geht.

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Kommentare
  1. cartawolf sagt:

    Das ist nicht ganz richtig wiedergegeben. Ich äußere mich sehr wohl zu dem Zitat von Breustedt. In der Vergangenheit ging es vielen um ein Internet, das völlig losgelöst schien von den realen Zusammenhängen, insofern blieb das Verständnis, also die Theorie des Internets idealistisch. Wir brauchen keine Theorie des Internets, sondern eine Theorie des Internets im Kapitalismus. Erst dann gibt es einen realistischen Zugang, erst dann wird man die Technik, die Strukturen und die Beteiligten in einem anderen Licht sehen können. Die Netzbewegten sind zum Großteil Vor-sich-Hinwurschtler, mehr oder weniger theoriefeindlich. Den freiwerdenden Platz besetzen dann Leute wie Morozov.

    • kultgenosse sagt:

      Lieber Wolfgang Michal,
      da ich Ihnen auf ihre Entgegnung auf Carta und auch ihr antworten wollte, musste ich mich erst mal schlau machen und trotzdem sind Sie mir in dem Thema Jahre voraus. Hier ein Versuch einer Antwort. Eine „Theorie des Internets im Kapitalismus“, was nicht jedoch nicht eine „Theorie des digitalen Kapitalismus“ einschließt, denn dies sind m.E. zwei unterschiedliche Paar Schuhe, unterstellt mindestens zwei Setzungen:

      1. Haben wir einen neuen Kapitalismus? Die Frage alleine ist ja bereits eine Hausnummer für sich.
      Geht es um die Verlagerung der „Distribution zur Kommunikation“? oder um innere Strukturen der Ökonomie, dem Austauch von Informationen mit und über der Arbeitnehmer oder im schlimmsten Fall, die Überwachung des Arbeitnehmers mit Hilfe des Netzes, etwa im Außendienst etc. Die inneren Strukturen der Unternehmen haben jedenfalls Veränderung durchgemacht. Dass die Börse von der Beschaffung bis zur automatischen Analyse von Daten und Imformationen, dem Computer-Handel bzw. dem automatichen Handel durch den Computer „profitiert“ ist ebenfalls klar. Die Strukturen haben sich in den letzten Jahren bis Jahrzehnten unläugbar geändert. Wenn wir uns daran erinnern, „dass [w]eder das Internet noch die ihm scheinbar innewohnenden Ideen [..] einfach so vom Himmel gefallen, sondern sozial konstruiert“ sind, befinden wir uns wieder innerhalb der realgesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und das Internet ist ein „Produktionsmittel“ unter anderen, allerdings eines, dass noch vielfältige andere Möglichkeiten bietet. Eigentlich ein Thema der Gewerkschaften.

      2. Haben wir eine neue gesellschaftliche Situation, die sich aus einem veränderten Kapitalismus ergibt?

      Frank Schirrmacher fordert ein

      „Verständnis dafür, dass die Revolution der Arbeitswelt die Welt Henry Fords in den Schatten stellt, weil sie die Trennung zwischen Arbeit und ‚Freizeit‘, Öffentlichkeit und Privatheit völlig neu definiert. Optimierung und Selbstoptimierung des homo oeconomicus sind älter als die digitale Revolution.“

      Das schrieb Schirrmacher zum Thema digitaler Revolution in der FAZ. Dies ist ein wesentliches Problem, weil eine Selbstzensur im Internet nun wirklich kein Ziel sein darf, die Arbeitgeber aber den gleichen Zugang zu den Einträgen haben, wie Autoren und anderen Leser, so Schirrmacher im gleichen Artikel. Wir geraten damit in die Gefahr in ein Zeitalter zurück zu fallen, in dem der Fürst und später der Arbeitgeber das (Wahl)Verhalten seiner Belegschaft, am besten deren Denken und Glauben, also den Menschen als Ganzen mitbestimmen wollte – eine Art Refeudalisierung der Moderne. Und dies umso mehr, als uns allen gesagt wird, dass wir dafür verantwortlich sind, was andere (die ArbeitgeberInnen) lesen können und damit zur Selbstzensur aufgefordert werden – soweit zur Reaktion der Multiplikatoren und zum momentanen Stand des demokratischen Kerns des Internets. Schirrmacher hat in einer Fernsehdebatte (welche, weiß gerade nicht mehr, sorry) im Zusammenhang mit Snowden und der NSA geraten, dass der private User und noch mehr die UnternehmerInnen und Unternehmen auf Verschlüsslungstechnologie setzen sollten und entsprach damit den ersten „intelligenten“ Äußerungen aus dem Regierungslager (damals schwarz-gelb). Die Antwort kann nur lauten: Wir wollen nichts verschlüsseln, weil wir nicht wollen, dass ihr etwas lesen wollt. O.k. ist naiv, aber unterhalb dieser Maximalforderung braucht eine neue Bewegung gar nicht erst anzutreten. Das wäre das gesellschaftspolitische Moment des gegenwärtigen Kapitalismus und betrifft damit einen zentralen politischen Punkt, der angegangen werden muss.

      3. Im ersten Punkt wurde deutlich, dass es zu Umstrukturierungen und zur Erweiterungen der Möglichkeiten auf der Seite von ArbeitgeberInnen und der Börse gekommen ist, aber eher beweifelt, dass es eine neue Qualität des Kapitalismus gibt. Im zweiten, dass es zu gravierenden Problemen und zu neuen Anhänigkeiten kommt, weil die neuen Freiheiten im Netz auch zu neuen Knebelungen führen. Nur haben wir uns bildlichen gesprochen den Knebel nun selbst in die Fresse zu stopfen. Gibt es also Machtverschiebungen? Eindeutig ja. Braucht man eine Theorie des Internets im Kapitalismus, um diesen Vorgängen entgegenzutreten, eher nein. Sie sind so offensichtlich, dass es derer nicht bedarf. Müssen Menschen, die sich darüber Gedanken machen, lauter werden und mehr gehört werden? Eindeutig ja! Brauchst es dazu die Piraten oder eine neue Bewegung: als Eingeständnis der eigenen diskurspolitischen Schwäche, o.k. Wäre dies eine Notwendigkeit, ich denke nicht, das muss aber jeder politisch denkende Mensch selbst entscheiden.
      (aktualisiert am 4.10.)

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