Pussy Riot: Im Schatten von Putins erfolgreicher Diplomatie

Veröffentlicht: 28. September 2013 in Literatur, Punkgebte
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(c) kultgenosse

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Putin hat es innerhalb von wenigen Monaten geschafft, als erfolgreicher Diplomat dazustehen. Erst gewährt der „lupenreine Demokrat“ notgedrungen, weil alle sauberen Demokratien es nicht machten, Edward Snowden Asyl und dann verschafft er Syrien die Chance, seine Chemiewaffen zu vernichten. Putin hat uns damit fast vergessen gemacht, dass die Meinungsfreiheit im Russland heute auch nicht mehr zählt als vor Snowden.

Dieser Blog, der seinen Namen, der mutigen Aktion der Polit-Aktivistinnen „Pussy Riot“ entlehnt hat, möchte hin und wieder hinter die russische Erfolgsstory spinksen. Und natürlich muss ich meine oben getroffene Aussage revidieren, ich bin längst nicht der Einzige, der sich an „Pussy Riot“ erinnert. In den letzten Tagen haben einige (Online-) Medien (Rolling Stone, Spiegel-online, der Guardian u.a.) bereits darauf hingewiesen. Nadeschda Tolokonnikowa wurde gestern nach fünf Tagen Hungerstreik auf die Krankenstation des Arbeitslagers, in dem sie nun seit August letzten Jahres ihre Strafe erleiden muss, verlegt.

In einer eindringlichen Schilderung (aus der ich in der Folge zitiere) über die Zustände in dem Arbeitslager, die die Faz zu der Überschrift „Nachrichten aus dem GULag“ veranlasste, zeichnet Nadeschda Tolokonnikowa ein System, das ihr keinen anderen Ausweg ließ, als in den Hungerstreik zu treten.

„Sweatshop“, Ausbeuterbetrieb, nennen die inhaftierten Frauen ihre Strafkolonie und auch Tolokonnikowa führt die Zustände letztlich auf die Arbeitsbedingungen im Lager zurück. Diese dienen dem Ziel die Produktion der Textilindustrie zu steigern („for the purpose of stoking the production of the sewing industry“). Die Produktionsbedingungen, über die die Frontfrau der Pussy Riots in einem öffentlichen Brief berichtet, gleichen mindestens denen, über die wir unlängst im Zusammenhang mit Bangladesch schockiert waren. Die Frontfrau berichtet nicht nur über einen 16 bis 17-Stundentag bei einer Siebentagewoche, sondern von kaum machbaren Zielvorgaben und unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. „Eternally sleep-deprived, overwhelmed by the endless race to fulfill inhumanly large quotas, prisoners are always on the verge of breaking down, screaming at each other, fighting over the smallest things.“

Soziologisch genau beschreibt Tolokonnikowa, wie die Lagerleitung die Frauen gegeneinander aufhetzt, so dass sie sich nicht selbst die Finger schmutzig machen muss.

In the colony, the inmates in charge of the brigades as well as their senior members are the ones tasked with depriving fellow inmates‘ rights, terrorising them, and turning them into speechless slaves — all on the orders of the administration.“

Nachdem sich Tolokonnikowa mehrmals über die Bedigungen (es kommt dabei auch zu Toten) beschwert hatte, wurde sie nicht nur direkt, sondern auch dadurch bestraft, dass Frauen, denen sie näher gekommen war, mit denen sie etwa Tee getrunken hatte, ebenfalls bestraft wurden. „Grinning, Lieutenant Colonel Kupriyanov told me then, ‚You probably don’t have any friends left!'“ Der gleiche Colonel hatte ihr schon vorher geraten, sich nur für sich selbst und nicht für die Mithäftlinge einzusetzen. Als sie für eine Kürzung des Arbeitstages eintrat, wurde ihre angeboten, dass ihre Gruppe bei gleicher Zielvorgabe eine verkürzte Arbeitszeit bekommen könnte. Dies hätte die miseablen Zustände allerdings nur zugespitzt.

„I knew this was another trap because it is physically impossible to fulfill the increased quota in 8 hours. Thus, the brigade will not have time and subsequently face punishment. ‚If anyone finds out that you’re the one behind this, you’ll never complain again,‘ the Lieutenant Colonel continued.“ (Ebd.)

Diese eindringliche Schilderung erscheint wie Literatur aus einer anderen Zeit und ist doch für eine unerträglich große Zahl von Menschen Realität. Freiheit für die Mitglieder von Pussy Riot kann nur der erste Schritt sein, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen überall auf der Welt, ob im Knast oder Freiheit, in China, Bangladesch oder in den Freihandelszonen dieser Welt zu verbessern.

„I will not remain silent, resigned to watch as my fellow prisoners collapse under the strain of slavery-like conditions. I demand that the colony administration respect human rights; I demand that the Mordovia camp function in accordance with the law. I demand that we be treated like human beings, not slaves“, beginnt Nadeschda Tolokonnikowa ihren Bericht. Für uns selbstverständlich, braucht die Russische Föderation (und nicht nur die) so mutige Frauen und Männer wie Tolokonnikowa und die „Pussy Riots“ und eine internationale Öffentlichkeit, die diese Kämpfe wahrnimmt und unterstützt.

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