Der Altpunk ist tot

Veröffentlicht: 22. September 2013 in Gesellschaft, Literatur
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Foto: txmx 2 via photopin cc

Es ist sicher kein Zufall, dass Robin Celikates sein Buch „Kritik als soziale Praxis“ mit den Worten einleitet, dass Alltag im Kritik häufig mit Besserwisserei gleichgesetzt wird (Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie,Campus 2009, 17). Diese Sicht der Kritik steht damit in einer Tradition des „Volksmundes“, der aus der Kritik „kritteln“ im Sinne „kleinliche[r] Kritik“ und „tadelnd“ machte, wie Haase herausfand. Auf der anderen Seite wird Kritik als wissenschaftliches Verfahren (ebd.) verstanden und früh an Kunst und Literatur geübt.

Der Literaturkritiker ist damit der Traditionalist unter den Kritikern, schon die Berliner Salons dient dazu. Einer dieser Kritiker ist diese Woche gestorben, Marcel Reich-Ranicki (MRR). Um ehrlich zu sein, sein „Literarisches Quartett“ hab ich nur selten gesehen und erst richtig wahrgenommen, als die Sendung wegen des Streits zwischen MRR und Sigrid Löffler in die Schlagzeilen kam. Insofern konnte ich den Einfluss von MRR auf die Spiegel-Bestsellerliste, ein Einfluss der auch die Auszeichnung für die Sendung Elke Heidenreichs wurde, nicht ganz nachvollziehen. Aber zurzeit ist es leicht im Blätterwald Artikel zu ihm zu finden.

Aber Reich-Ranicki war unbequem und bis zur Rücksichtslosigkeit ehrlich. Das betraf sowohl seine Literaturkritik, als auch sein Umgang mit Elke Heidenreich. Nachdem MRR den Deutschen Fernsehpreis abgelehnt und Kritik an der Verleihung und am Fernsehprogramms geübte und dem Moderator Gottschalk auf der Bühne das Du angeboten hatte, sprang ihm Heidenreich nach der Show in der FAZ bei. In diesem Artikel unterstütze und überspitzt sie seine Kritik am Programm und den Umgang mit MRR und griff dessen neuen Duzfreund an. Darauf hin äußerte MRR seine Verständnis für das ZDF, das Heidenreich wegen des Unterstützungsartikels aus dem Programm genommen hatte. Dies ist ein Verlust für das Programm des ZDF. Aber wenn es Punk ist, „seinen eigenen Weg zu gehen“, wie es Normal singt, war Reich-Ranicki ein aufrichtiger Altpunk.

Zum Bild, das zurzeit von MRR vermittelt wird, ist das eines Mannes, der im Sinne des Gelehren des 19. Jahrhunderts im geistigen Deutschland gelebt hat, und „Goethe, Heine, Thomas Mann […] seine Zeitgenossen, seine Gesprächspartner“ hatte, sich in der Gegenwart aber nicht zuhause war; dabei war er ein Förderer junger AutorInnen. Einen klugen und einfühlsamen Kommentar hat dazu Michael Wolffsohn geschrieben.

„Wieder und immer wieder gilt: Selbst das sicherste und schönste Exil ersetzt die Heimat, die Heimatkultur und die Muttersprache nicht. Exil – das ist lebenslange Wurzellosigkeit.“

Ob dies für Reich-Ranicki galt, oder ob es die Einsamkeit des Kritikers war, bleibt Spekulation. Gottschalk nannte ihn einen „Mahner und Erzieher“, einen Aufklärer. Und wenn die Klassiker und Aufklärer der Gegenwart nichts zusagen hätten, wäre der Deutschunterricht der letztem Jahrzehnte einem Bären aufgesessen.

In Vorwahlzeiten, in der bei Umfragen herauskommt, dass eine starke Richtungsvorgabe gewünscht wird, am besten durch eine große Koalition, ist es wert daran zu erinnern, was hat er in seinem Quartett zelebriert hat, den Streit und die Diskussion, ganz unpäpstlich und zutiefst demokratisch. Und wenn die Kanzlerin in gewohnter Manier aller Kanzler die Gegenwart als rosig darstellt, um die Einwände der Opposition zu entwerten, merkt man das diese Diskussion durchaus aktuell ist. Claudius Seidl, denen ich schon mehrmals zitiert habe, sieht folgendes als Reich-Ranickis Vermächtnis:

„An uns politische Wesen, Meinungsproduzenten, Teilhaber an der demokratischen Öffentlichkeit, die wir glauben, dass Kritik nicht bloß ein schönes griechisches Fremdwort ist für Nörgelei und schlechte Laune. Sondern eine produktive Kraft und die Pflicht jedes freien Menschen.“

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