Ein didaktischer Diskurs

Veröffentlicht: 19. September 2013 in Uncategorized
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Fahrlässiger Weise werde ich mir mit diesem Schriftstück keine Freunde machen, aber manchmal muss man den Luther machen. Obwohl ich beim Googeln, ob der berühmte Satz „Hier steh ich und kann nicht anders“ tatsächlich vom Luther stammt, gleich darauf gestoßen bin, dass der Satz ins Reich der Legenden gehört. Leider kann man auf der Internetseite nicht ersehen, wer da so gescheit ist. Aber falls der Spruch eine Legende sein sollte, dann Chapeau, die Idee war gut.

Aber hier soll es nicht um Religion gehen, oder vielleicht doch, der Religion der Gegenwart: Bildung und um die beiden „Wissenschaften“ rund um Bildung: Erziehungswissenschaft und Didaktik. Als jemand, der Sprache schätzt, weil sie es uns weitgehend erlaubt, uns differenziert auszudrücken, ist das Vokabular dieser beiden Disziplinen für mich jedes Mal ein Ärgernis. Und zwar weil sich diese beiden ihre Fachwörter aus der Alltagssprache aufnehmen und deren Bedeutung so umdeuten, dass es schwieriger ist, diese vertrauten Wörter zu verstehen, als irgendwelche Fremdwörter. Ich habe heute das Wort offen nicht verstanden. Fachsprache macht ein Fach schließlich erst zum Fach (Fleck).

Aber eins vorweg, den Königsweg für effektiven Unterricht haben die Fachdidaktiker noch nicht gefunden, und welche Methode die beste ist, ist ein heißes Eisen. Ich möchte ein aktuelles Beispiel nennen, das mich heute mehrere Stunden beschäftigt hat. Ich habe zwei Texte zu lesen bekommen.
Ein Text war von Falko Peschel (Ist das Unterricht, Friedrich Jahresheft, 2007!!! Nicht online verfügbar, einen Einblick bekommt man auch in dem Artikel „Wie funktioniert freier Unterricht?“ der SZ vom 10.5.2010), dessen prägnanteste Sätze folgende sind:

„Plötzlich verstehe ich, warum es Didaktik und Methodik gibt. Warum es Corricula und Lehrgänge gibt. Warum es Stundenpläne und Fachlehrer gibt. Es geht um die Lehrer. Sie brauchen Schutz und Halt.“  Wow! Und weiter: „Ich brauche einen Halt. Einen Halt für mich, nicht für die Kinder. Etwas was mir halt hilft Geduld zu haben. Nicht zum letzten Mittel greifen zu müssen. Nicht unterrichten zu müssen.“ Bis jetzt war nur von Lehrern die Sprache. Das folgende Zitat gibt jetzt seine Vorstellung von Unterricht wieder:

„Offener Unterricht gestattet es dem Schüler, sich unter der Freigabe von Zeit, Raum und Sozialform Wissen und Können innerhalb eines „offenen Lehrplanes“ an selbst gewählten Inhalten auf methodisch individuellem Weg anzueignen.
Offener Unterricht zielt im sozialen Bereich auf eine möglichst hohe Mitbestimmung bzw. Mitverantwortung des Schülers bezüglich der Infrastruktur der Klasse, der Regelfindung innerhalb der Klassengemeinschaft sowie der gemeinsamen Gestaltung der Schulzeit ab“ (Peschel 2002, 78).

Was Peschel beschreibt, nennt er offenen Unterricht. Problematisch ist lediglich, dass es „keine einheitliche Definition Offenen Unterrichts“ gibt. Vielmehr gibt es lediglich den Versuch eine gemeinsame Basis zu finden. „Offen meint hier nicht eine Öffnung für alles, sondern eine methodische Orientierung auf bestimmte öffnende Methoden gegenüber dem Frontalunterricht. Es ist jedoch für Vertreter des Ansatzes schwierig zu begründen, was zum Kernbestand dieser Methoden gehören soll.“  Ich lerne in meinem Referendariat am ehesten den Ansatz, den die Pädagogen der Uni Köln unter „Organisation der Lernprozesse“ aufführen.

„Anders als beim Frontalunterricht dient das freie Arbeiten dazu, dass sich Schüler selbstständig Inhalte, Ziele und Gestaltung ihrer Aktivitäten wählen sollen. Ihre Kreativität soll angeregt werden. Anleitung und Hilfe ist von der Lehrperson so zu gestalten, dass eigenständiges Arbeiten und die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen, zunehmen (vgl. Hegele 1997, S.7).“ (ebd).

Dem Lehrer kommt hier im Gegensatz zu Peschels Ansatz eine stärkere Rolle zu.

Der zweite Text (aus der FAZ) setzt verstärkt auf Frontalunterricht. In einer Art Zurückweichen wird schließlich eine Mittelposition eingenommen.

„Der Lehrer soll präsentieren, erklären, Zusammenhänge stiften. Zwischendurch müssten die Schüler selbst ausprobieren, debattieren trainieren.“ Ganz zurück zum Frontalunterricht will aber auch der im Artikel zitierte Bildungsökonom Schwerdt nicht. „Aber ein bisschen mehr davon steigert Schülerleistungen nun einmal unmittelbar.“ (FAZ vom 2012).

Es wurden also zwei Extreme vorgestellt, das sehr starke Zurücktreten der Lehrperson, der Frontalunterricht mit einer Lehrperson, die im Vergleich dominiert, und eine scheinbare Mittelposition, mit einer schwächeren Rolle des Lehrers, die sich ebenfalls offener Unterricht nennt. Auch ein gekipptes Fenster ist schließlich nicht verschlossen.

Und jetzt die eine Millionen-Euro-Frage. Was werden angehende Lehrer wohl wählen? Die Position, die darstellt, dass Schüler ohne Lehrer besser lernen oder eine vermeintliche Mittelposition, in der die LehrerIn lediglich eine neue Rolle einnimmt? Peschel erscheint als Radikalo, der Frontalunterricht als reaktionär und die bereits bekannte Form des offenen Unterrichts als Königsweg. Tricki. Wie hätte man besser verdeutlichen können, dass Peschel mit seinem Urteil über die Sehnsucht der Lehrer nach Halt recht hatte, als durch diese Art Ausgrenzung aus dem didaktischen Diskurs. Wir sind angehalten unseren Schülern mehr zuzutrauen, als unsere AusbilderInnen uns zutrauen.

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