Die Inszenierung eines Stinkefingers

Veröffentlicht: 14. September 2013 in Uncategorized
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Pro und kontra Stinkefinger. Schröders Zigarre, Merkels Kette, Guttenbergs Doktorgrad und Steinbrücks Finger haben mehr gemeinsam als man glaubt: die Stilisierung, die mal klappt und mal nicht.

Der Dr. und ACDC-Fan

Von und zu Guttenberg sticht scheinbar heraus, geht es hier doch um das hohe Gut der Bildung, doch auch das Dr. ist ein Requisit, das sich bei einem Politiker gut macht. Man braucht nur die Anzahl der Doktores am Kabinettstisch zu zählen. Lediglich fünf der Kabinettsmitglieder wurden nicht promoviert, was man beim Agieren nicht merkt. Aber die Debatte um Guttenberg hat etwas offengelegt, was bei beim Stinkefinger-Diskurs noch nicht besprochen wurde, das Tugendhafte, Ehrliche und zutiefst Bürgerliche scheint das Idealbild (Aufstieg durch Bildung) des Politikers.

Ausgerechnet Guttenberg war ACDC Fan und ließ sich entsprechend bekleidet ablichten, aber er hatte es auch besonders schwer: Feudalistischer Adelstitel und bürgerlicher Doktortitel mussten ja irgendwie ausgeglichen werden. Dass dies nicht völlig gelang, hat die Diskussion um seien akademischen Grad gezeigt, als ihm eine antibürgerliche adlige Haltung und fehlendes Leistungsbewusstsein vorgehalten wurde.

Die Illusion der Untätigkeit

Merkels Kette beim Fernsehduell hat neben dem Bekenntnis zu den Farben der Nationalfahne auch signalisiert: Ich schmücke mich legere und unaufdringlich. Dabei ist Merkels Politik genauso wenig unauffällig, wie die Kette es war, denn diese war ja Twitter-Thema Nummer eins. Merkel haut nicht auf den Tisch, sie weiß, dass man mit anderen Stilmitteln das Gleiche erreichen und Macht verschleiern kann. Mission gelungen. Dass nun Merkels Regierungszeit mit den Worten mutlos, bleiern und langweilig beschrieben wird, macht die Affairen um ihre MinisterInnen, die Knebelung Europas mit dem Spardiktat und den schleichenden Ausstieg aus der Energiewende (ebenfalls Merkel), zugunsten der Unternehmen, die Wende in der Entwicklungspolitik, den Sicherheitswahn um Heiligendamm und vieles mehr vergessen.

Die Mutter der Nation (Mutti Merkel).

Früher waren das mal Inge Meysel oder „Mutter Beimer“ (Marie-Luise Marjan), heute ist es die Bundeskanzlerin. Puh. „Merkel gebe stattdessen die ‚neue Mutter Beimer der Nation‘, mosert Ex-Unions-Wahlkampfcoach Michael Spreng, sieht sie aber wie die Demoskopen dennoch als Favoritin: ‚Mutti macht´s‘“ schrieb die Frankfurter Rundschau 2009. Die Schlagzeile dazu lautete „Leise, staatstragend, trickreich“, heute werden solche Feststellungen kaum mehr getroffen, die Gesten als echt hingenommen. Das sagt jedoch mehr über unsere Öffentlichkeit, als über Merkel.

Ich rauche, also bin ich.

Schröders Zigarre hatte ebenfalls einige Aussagekraft. Der Genosse der Bosse machte mit diesem Utensil, das in Karikaturen eher Unternehmern zugeschrieben wird, seine politische Orientierung deutlich.  Ohne ihn beispringen zu wollen, muss ich aber auch feststellen, dass die Zigarre mal deutlich verbreiteter war als in unseren heutigen Nichtraucherzeiten oder in den Neunzehnneunzigern. Schröders symbolischer Wurf hat sich als Bumerang herausgestellt – nicht nur seines Rauchwerkzeugs wegen, aber auch deshalb, wurde er den seinen Spitznamen nicht mehr los. Er hatte sich bildlich aus der Mitte bewegt und zu plakativ den Bourgeois angenähert. Zugleich wurde ihm auch zupackende, fleißige Hemdsärmlichkeit attestiert. Das Körperliche (den joggenden Joschka darf man hier nicht vergessen) war ein wenig ein Markenzeichen seiner Regierungszeit, eine Abwechslung nach den biedermaierschen Kohljahren, in denen Körper Gemütlichkeit ausdrückten. Auch Schröders bildliches auf den Tisch hauen, eine Redewendung, die in Zusammenhang mit Schröder oft bemüht wurde, seine Basta-Politik, ließen erkennen, dass er sich als patriarchischer Unternehmer der Deutschland AG sah. Gar nicht mittig. Dies zeigte aber auch an, dass er neue Bündnispartner suchte.

Der Stinkefinger

Inhaltlich steht Steinbrück Schröder nah. Sein Mentor war dagegen ein anderer Raucher, der letzte im deutschen Fernsehen, das orakelnde Urgestein aus Hamburg: Helmut Schmidt. Er erlangte „während der Sturmflut 1962 als Krisenmanager große Popularität“, schreibt Wikipedia. Nun steht so ein Manager auch nicht unbedingt für Bürgernähe.

Früher wurde immer von Willys Enkeln gesprochen, doch bekommen haben wir mit Schröder und Steinbrück eher Schmidts Söhne. Was bei Schröder Basta hieß, ist Steinbrücks klare Kante. Nur ist das auf-den-Tisch-hauen den Wählern offensichtlich vertrauter als die klare Kante, die sie als „das muss man doch wohl sagen dürfen“ nur bei Thilo Sarrazin & Co. schätzen. Allerdings musste sich Sarrazin allerdings auch nicht um Wählerstimmen bemühen.

Steinbrück wurde seiner Kanten wegen bei seinem Frühstart in den Wahlkampf Arroganz, Überheblichkeit und fehlende Bürgernähe vorgeworfen. Tragisch ist, dass erst seine öffentlichen Tränen beim SPD-Parteitag sein Ansehen etwas veränderte. Sein Stinkefinger dagegen kann sowohl als Versuch der Bürgernähe, als auch gegenteilig gelesen werden. Mutig ist es für den einen, unseriös für die andere. Es ist allerdings ein Ausbruch aus dem bürgerlichen Zeichensystem und damit auf jeden Fall risikoreich und steht im Kontrast zu seinem feinen Zwirn, den er auf dem Bild trägt. Nur eins glaub ich nicht, dass dies Zufall war.

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Kommentare
  1. […] jetzt alle einpacken, meint der Kiezneurotiker. Als ob sich die Politiblogger mit Sonntagsreden, Deutschlandkette oder Selfis begnügen würden. Knallharter Faktencheck steht im Fordergrund mit so erstaunlichen […]

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